Ich bin Politikwissenschaftler und promoviere, weil es mir Spaß macht. An einen finanziellen Vorteil glaube ich nicht: Was ich eventuell eines Tages mehr verdienen werde, verdiene ich jetzt weniger.

Nach dem Studium stand für mich bald fest, dass mit dem Master nicht Schluss sein sollte. Zu gut gefiel mir das wissenschaftliche Arbeiten. Zu viel Spaß machte es mir, über das Lesen von Texten Stück für Stück den Forschungsstand zu einem Thema zu erschließen und so immer neue Perspektiven zu gewinnen.

Genauso bald war mir aber auch klar, dass wissenschaftliches Arbeiten kein Selbstzweck sein kann. Ich bin kein Nerd. Wenn ich Freizeit und keinen Druck habe, gehe ich lieber ein Bier trinken, statt mir die neuesten Erkenntnisse aus der Forschung zur politischen Kommunikation reinzuziehen.

Das Promotionsstudium ist für mich deswegen ein idealer formaler Rahmen. Es ist eine große Herausforderung, gibt mir aber auch ein klar definiertes Ziel vor. Es erfordert Ausdauer und Disziplin, Genauigkeit und ein hohes Maß an Selbstorganisation. Manchmal nervt es mich, meistens aber macht es mir Spaß. Nicht dass mein Verhältnis zum Promovieren völlig unproblematisch wäre, aber am Ende ist die Arbeit an der Dissertation für mich doch vor allem eines: der sinnstiftende Antrieb zur täglichen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Inhalten.

An der Diskussion um Sinn und Unsinn des Promovierens stört mich, dass die Freude an wissenschaftlicher Arbeit als Motivation meist überhaupt keine Rolle spielt. Stattdessen geht es immer nur ums Geld. Ein Beispiel: Meine Mutter hat neulich eine Statistik zu Einstiegsgehältern für Promovierte unterschiedlicher Disziplinen gelesen und fragte mich, weshalb ich denn nicht Jura studiert hätte. Da würde ich mit einem Doktortitel deutlich mehr verdienen. Einen Moment lang war ich schockiert. Meine Mutter plädiert für radikale Nutzenmaximierung?

Andererseits ist die Frage nicht abwegig. Vor allem in den Medien geht es bei der Auseinandersetzung mit dem Doktortitel in erster Linie darum, inwieweit er höhere Einstiegsgehälter und bessere Aufstiegschancen ermöglicht. Damit ist der akademische Titel gewissermaßen dem Zeitgeist anheim gefallen: Wo Kosten sind, muss selbstverständlich auch ein messbarer Nutzen sein. Wer promoviert, weil er die Herausforderung sucht, tief in ein Thema einsteigen will oder wissenschaftliche Erkenntnisse produzieren möchte, gilt als idealistischer Träumer oder als Idiot.

Diese Erfahrung mache ich andauernd. Selbst Fachkollegen schauen mich ungläubig an, wenn ich erkläre, dass es mir um die Bewältigung der wissenschaftlichen Herausforderung und das tiefe Eintauchen in ein Themenfeld geht. Und dass ich mit dieser Motivation auch die Tiefpunkte auf dem Weg zum Doktortitel überwinde. Aber dafür mehrere Jahre des Lebens opfern und weiter das mehr oder weniger prekäre Dasein eines Studenten ohne reiche Eltern führen? Für viele ist das unvorstellbar.

Doch die Mehrheitsmeinung wirkt. In letzter Zeit konnte ich mich dabei beobachten, wie ich meinen eigenen Standpunkt immer wieder verleugnet habe. Sozialwissenschaftler nennen dieses Phänomen "soziale Erwünschtheit". Dabei ist das Problem doch offensichtlich: Die Ökonomisierung des Doktortitels ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass dessen Reputation in den vergangenen Jahren so gelitten hat. Denn wenn der Titel nur dem beruflichen Vorankommen dient, ist es nicht verwunderlich, dass ökonomische Logiken zum Einsatz kommen, um das Ziel zu erreichen.

Ein bisschen abschreiben? Ungenau zitieren? Den Stand der Forschung unvollständig erfassen und verbiegen? Bei der Empirie schludern und tricksen? Einen Ghostwriter engagieren? All diese Praktiken sind bestens mit einer Moral vereinbar, nach der die Dissertation vor allem lästiges Mittel zum ökonomischen Zweck ist und möglichst effizient erledigt werden muss.

Deshalb ist ein Zwischenruf dringend nötig: Es geht auch anders, nämlich mit Spaß an der Sache! Dann klappt‘s auch mit der zuletzt so viel diskutierten Qualität.