Irem Koca hat einen Traum. Die 19-Jährige aus Istanbul studiert Medienwissenschaften, irgendwann möchte sie einmal für die BBC arbeiten. Vor wenigen Wochen hat sie einen Studienplatz für ein Auslandsjahr in London bekommen, ein erster Schritt. Doch jetzt steht Irems Traum auf der Kippe. 

Die Europäische Kommission hat Anfang März Ermittlungen gegen die türkische "Nationalagentur für das Erasmus-Programm" in Ankara aufgenommen – und an deren Ende könnte ein Erasmus-Stopp stehen, sowohl für türkische Studenten, als auch für europäische Studenten, die in die Türkei kommen wollen. Die Türkei stellt unter den 33 Nationen, die am Erasmus-Programm teilnehmen, die sechstmeisten Austauschstudenten. Allein 2012 verließen rund 12.000 türkische Studenten so das Land.    

Die EU müsse in der Türkei "Unregelmäßigkeiten" nachgehen, die durch "fehlende Transparenz bei der Einstellung von Personal und Verstöße gegen EU-Regeln für Beschaffungsvereinbarungen" entstanden seien, so Dennis Abbott, ein Sprecher der Kommission. Aufgrund der laufenden Ermittlungen wolle er nicht genauer ins Detail gehen.    

In türkischen Medien finden sich mehr Details: Es bestehe der Verdacht, dass der ehemalige türkische Minister für EU-Angelegenheiten, Egemen Bağış, Erasmus-Funds für die Zwecke seines Ministerumsmissbraucht habe und das Geld damit nicht den Studenten zugutegekommen sein soll. Allein im Jahr 2013 hat die türkische Nationalagentur für die EU-Bildungsprogramme Lifelong Learning und Youth in Action 116 Millionen Euro an EU-Fördergeldern erhalten. Auf das Erasmus-Programm, das ein Teil des Lifelong Learning-Programmes ist, entfallen dabei rund 40 Prozent der Gelder, so Abbott. 



Bağış' Ministerium, so berichten mehrere Zeitungen, habe zwischen 2012 und 2013 massiven Druck auf die nationale Erasmus-Agentur ausgeübt, um Personalentscheidungen und Lieferverträge zu beeinflussen. Schon im März 2013 hätte der damalige Leiter der Agentur sich in einer Mail an Bağiş über "illegitime Aufforderungen" beschwert und gewarnt, diese könnten zu Sanktionen durch die EU führen. Infolge des Korruptionsskandals, der seit Ende vergangenen Jahres in der türkischen Politik tobt, hat auch Bağiş sein Amt verloren. Sowohl das türkische Ministerium für EU-Angelegenheiten als auch die Nationalagentur für das Erasmus-Programm ließen mehrere Anfragen von ZEIT ONLINE zu den aktuellen Ermittlungen unbeantwortet.
 Bağış' Nachfolger hatte in einem Statement gesagt, dass das Ministerium transparent mit dem Fall umgehen wolle und keine Fragen offenbleiben sollten.  

"Wir sind in der Türkei Korruption ja schon gewohnt", sagt Irem. "Jetzt ist nur die Frage, wie schlimm es wird."

 Sollten sich die Vorwürfe gegen die türkische Nationalagentur bewahrheiten, hätte die EU verschiedene Sanktionsmöglichkeiten. So könnte sie beispielsweise einen Teil der Fördergelder für Bildungsprogramme von der Türkei zurückverlangen, vor allem Personalkosten. Im schlimmsten Fall kann die EU für die Türkei das Erasmus-Programm für 2014 oder darüber hinaus komplett aussetzen. "Es geht hier um das Geld von Steuerzahlern. Wir müssen sicherstellen, dass damit gut umgegangen wird", sagt Abbott. "Im Worst-Case-Szenario kann daher der Stopp kommen."

Am Erasmus-Programm der Europäischen Union können alle 28 Mitgliedstaaten teilnehmen, sowie europäische Staaten mit besonderen partnerschaftlichen Beziehungen zur EU – beispielsweise Norwegen, Island oder eben die Türkei. Seit 1987 sind knapp drei Millionen junge Menschen mit Erasmus ins Ausland gegangen.  

Im Schnitt bekommt ein türkischer Erasmus-Student 428 Euro im Monat

Das Szenario eines Erasmus-Stopps dient nicht nur der Drohnung, sondern ist anderswo schon eingetreten, berichtet Ali Alper Akyüz, Dozent für Europäische Politik an der Bilgi Universität in Istanbul. "Für Rumänien wurde das Programm zum Beispiel wegen Verstößen gegen Transparenz-Richtlinien schon einmal ausgesetzt." Auch zyprische und maltesische Studenten waren bereits von einem Erasmus-Stopp betroffen. Vor wenigen Wochen setzte die EU zudem die Erasmus-Vereinbarungen mit der Schweiz aus. Die Eidgenossen hatten Anfang Februar ein neues, restriktiveres Einwanderungsgesetz verabschiedet. Die EU-Kommission bewertet das Gesetz als Einschränkung der Bewegungsfreiheit. 

"Man muss davon ausgehen, dass bei den Ermittlungen gegen die Türkei das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung OLAF involviert sein wird", sagt Akyüz. "Und das nimmt bei Entscheidungen keine Rücksicht auf politische Sensibilitäten. Von daher ist ein Erasmus-Stopp nicht unrealistisch." 

Dieser würde auch Studenten aus EU-Ländern betreffen, auch sie bekämen ihre Zeit in der Türkei nicht mehr gefördert. Knapp 6.000 Erasmus-Studenten hat die Türkei 2012 empfangen, gut die Hälfte davon Deutsche. "Allerdings würden deutsche Studenten vermutlich auch außerhalb des Erasmus-Rahmens noch gut in die Türkei kommen, solange sich Heimat- und Austauschuniversität darauf einigen", sagt Akyüz. "Europäer bekommen in der Türkei recht leicht ein Visum, während es für türkische Studenten ohne Erasmus andersherum sehr schwer sein dürfte."

428 Euro im Monat bekommen türkische Studenten im Schnitt als Erasmus-Stipendium. "Die meisten können ohne das Geld im Ausland nicht über die Runden kommen, dann bleiben nur die Kinder reicher Eltern übrig", sagt Irem. Zudem entfallen für Erasmus-Studenten in der Regel die hohen Studiengebühren, beispielsweise in Großbritannien.

Ohne Erasmus ins Ausland zu gehen sei daher für die meisten Türken keine Alternative.

 "Die türkischen Studenten werden sich von der EU verraten fühlen, wenn sie das Programm kappt", sagt Melis Yılmaz. Die 21-jährige Jura-Studentin aus Istanbul hat im vergangenen Sommer ein Semester in Rotterdam verbracht, der Heimatstadt des namensgebenden Erasmus. Dort habe sie sich viel freier gefühlt als in der Türkei, "als Teil Europas". Erdoğan rede oft von der angeblich fremden, unmoralischen Lebensart in der EU, sagt Melis. "Wenn wir nicht mehr selbst ins Ausland können, hat er es noch leichter, uns von diesem Bild zu überzeugen!"



Das wäre das fatale, sollte die EU tatsächlich den Studentenaustausch mit der Türkei abbrechen. Es würde dem Premier und seiner Abschottungsstrategie in die Hände spielen: Umzingelt von äußeren Feinden und bedroht von Verschwörungen im Inneren verspricht nur eine harte Linie und der Glaube an seine Politik Sicherheit und Wahrheit. Da passt es ins Bild, wenn Europa keine türkischen Studenten mehr reinlassen sollte.

Die Frage ist, auf wen die Studenten dann wütender wären: Auf die EU oder auf ihre eigenen Politiker. Für Melis sind beide Schuld. "Wie können europäische Politiker dann sagen, dass sie uns unterstützen? Wenn sie uns Erasmus nehmen, kann das Brücken zerstören." Irem ist besonders auf die türkischen Politiker wütend: "Sie machen unsere Zukunft kaputt, wir müssen für ihre Fehler büßen."

In zwei Wochen stehen in der Türkei Kommunalwahlen an, Erdoğan hat sie zur Entscheidung über die politische Zukunft des Landes ausgerufen, dass er längst mit harter Hand führt. Die Situation ist schon jetzt enorm angespannt. Die EU-Kommission hatte zunächst angekündigt, ihre Entscheidung schon Ende März zu treffen – und damit just vor diesen Wahlen. 
In einer neuen Stellungnahme ist nun von einer ersten Untersuchungsbilanz am 7. April die Rede. Die endgültige Entscheidung soll im Mai fallen.