"Ich habe eine Diplomarbeit abgegeben und den Bachelor bekommen": Nach 15 Jahren verursacht die Bologna-Reform Frust und auch Freude. Zehn persönliche Geschichten

Studieren sollte flexibler, mobiler, vergleichbarer werden. Die 29 Bildungsminister hatten hohe Ziele, als sie vor 15 Jahren die Bologna-Erklärung unterzeichneten. Bachelor und Master lösten Diplom und Magister ab, Auslandssemester sollten einfacher werden. Doch die Reform trieb die Studenten auf die Straße. Sie demonstrierten gegen ein verschultes System, komplizierte Zugangshürden und für mehr Masterplätze. Aber es gibt auch schöne Geschichten. Hier erzählen zehn Menschen, wie Bologna ihr Leben beeinflusst hat, ob Studenten, Uni-Rektor oder Rechtsanwalt.

"Ich habe eine Diplomarbeit abgegeben und einen Bachelor bekommen"

"Zehn Jahre habe ich studiert, und dann ist mir nur der Bachelor geblieben. Obwohl ich eine Diplomarbeit abgegeben hatte. Das war echt der Hammer! Nachdem ich die Arbeit eingereicht hatte, musste ich nur noch eine einzige Prüfung schreiben, dann hätte ich mein Diplom bekommen. Doch im ersten Versuch bin ich durchgefallen. Und das war kurz vor der Frist, die die FH Aachen uns gesetzt hatte. Bis Ende August mussten wir fertig sein, sonst wären wir zwangsexmatrikuliert worden. Doch der Nachholtermin für die Prüfung war Anfang September. Drei Wochen haben mich mein Diplom gekostet, ich musste mich für den Bachelor einschreiben.      

Ich war kurz davor, alles hinzuschmeißen, das war so frustrierend. Klar, ich habe lang gebraucht. Ich musste mir mein Studium komplett selbst finanzieren, habe an zwei Tagen pro Woche gearbeitet und bin an einer schweren Depression erkrankt. Deshalb habe ich 20 Semester studiert. Der Druck war riesig. Mir war nur noch zum Weinen zumute, ich habe mir den Kopf zerbrochen, was ich alles anders hätte machen sollen. Die Selbstzweifel waren furchtbar.  

Mittlerweile habe ich mich mit der Situation abgefunden, habe das Studium vor ein paar Monaten abgeschlossen und starte mit einem Bachelor of Science in die Bewerbungsphase. Die Zukunft macht mir Angst. Es ist sowieso gerade schwierig, einen Job in der Branche zu finden und da rechne ich mir mit diesem Abschluss keine guten Chancen aus. Mit einem Diplom hätte ich weniger Bedenken. Viele Arbeitgeber suchen sogar explizit nach einem Diplom-Abschluss, da spüre ich ganz genau, dass ein Bachelor ohne Master ganz klar ein minderwertiger Abschluss ist. Zu Recht, wie ich finde. Das Niveau in den Kursen war ein ganz anderes. Der Unterrichtsstoff wird einem total kompakt vor die Füße geklatscht und die Professoren sind mehr damit beschäftigt, die Studenten zu erziehen. Querdenker scheinen unerwünscht, die Studierenden werden zu dressierten Häschen. 

Vor meinem Studium habe ich schon eine Ausbildung gemacht, in den Vorlesungen saß ich dann mit Bachelor-Studierenden, die 15 Jahre jünger waren als ich und keinerlei Lebenserfahrung hatten. Eigentlich habe ich immer gerne studiert, vor allem in den ersten Jahren. Aber in dem neuen System bleibt keinerlei Zeit zum Selbstdenken, es ist wie in der Schule."

"Den Master of Science kriegt ja jeder, da mache ich Diplom!"

"Ich habe riesiges Glück, weil ich zwar im Bachelor-/Master-System studiere, aber trotzdem einen Diplom-Abschluss bekomme. Die Uni Rostock ist seit dem Wintersemester zum alten System zurückgekehrt. Genauer gesagt, wir Maschinenbau-Studenten können wählen, ob wir uns am Ende Master of Science oder Diplom-Ingenieur nennen wollen. Für mich ist ganz klar, dass ich mich für das Diplom entscheide. Das ist für mich eine Frage des Ansehens: Gerade im Ausland ist das ein renommierter Titel. Den Master of Science kriegt ja jeder, sogar Wirtschaftswissenschaftler! Nein, mit dem Diplom kann ich mit einem guten und positiven Gefühl aus dem Studium gehen. Im Bachelor habe ich gemerkt, dass ich das System aber eigentlich gut finde. Ich brauche den Druck, um erfolgreich zu sein."