Viele Lehramtsstudenten oder Doktoranden anderer Fächer brauchen ein Latinum. Wird so analytisches Denken gefördert, oder ist der Aufwand unnötig? Ein Pro und Contra

JA

Latein ist ein Bildungsfossil. Aber was wäre unsere Welt ohne Fossilien? Ein Paläontologe kann anhand der Versteinerungen die Geschichte des Lebens nachvollziehen. Ein Geisteswissenschaftler kann sich mithilfe von Latein kritisch erschließen, warum wir heute so denken, reden, argumentieren, wie wir es tun. Viele Gedanken und Theorien, die wir heute in den Hörsälen vermitteln, sind im 19. Jahrhundert entstanden. Latein beherrschten damals alle Intellektuellen. Das hat ihre Denkweise geprägt – wie man zum Beispiel an den lateinischen Bezeichnungen merkt, die wir Juristen immer noch für viele Konzepte benutzen.

Nur um zu wissen, dass venire contra factum proprium auf Deutsch "selbstwidersprüchliches Verhalten" bedeutet, muss zwar kein Student ein Latinum abgelegt haben. Gerade in Fächern, in denen Sprache ein wichtiges Werkzeug ist, sollte er sich trotzdem die Mühe machen – jedenfalls im Recht, das seine eigene Wirklichkeit sprachlich erst schafft. Denn im Lateinunterricht lernt man, jedes Wort und jeden Satz genau zu analysieren. In einer nicht mehr gesprochenen, dem Baukastensystem folgenden Sprache genügt Intuition nicht. Beim Übersetzen wird man daher gezwungen, sich über jede Silbe, jede Wortendung Gedanken zu machen. Dabei beginnt man automatisch, auch über die eigene Sprache nachzudenken. Bei vielen Studenten, denen ich in Klausuren schlechte Noten geben muss, merke ich: Sie machen sachliche Fehler, weil sie unpräzise denken. Mittels der analytischen Denkweise und des Sprachbewusstseins, die man im Lateinunterricht bekommt, könnten sie dies vermeiden.

Sicher ist zwar: Wer sich schon im Studium ganz auf bestimmte thematisch eng umschriebene Tätigkeiten ausrichten möchte, braucht kein Latein. Dieses Vorgehen entspricht allerdings nicht meinem Verständnis von Bildung und vom Jurastudium als Ausbildung methodenkompetenter Generalisten. Gerade an der Universität, an der wir Leistungs- und Verantwortungseliten ausbilden, muss man sich auch über Hintergründe Gedanken machen. Dafür sind Lateinkenntnisse gerade in den Geisteswissenschaften viel wichtiger als zum Beispiel Präsentationsfähigkeiten. Wie PowerPoint funktioniert, kann ich mir bei Bedarf selbst anlesen.

Dass großes Interesse am Lateinunterricht besteht, merken wir in Heidelberg übrigens in unserem Kurs Latein für Juristen: Dieser dient eigentlich Doktoranden, denn sie dürfen bei uns grundsätzlich nur mit Latinum promovieren. Die meisten Teilnehmer sind aber – Erstsemester. Und dass diese später auch ihre dritte oder vierte moderne Fremdsprache leichter lernen, versteht sich.