In ihren purpurnen Mänteln wirken die Männer wie Könige aus Zeiten des Überflusses. Das Ölgemälde im goldenen Rahmen zeigt den Rektor und die Dekane im Jubiläumsjahr 1909. Diese Zeiten sind lange vorbei. Deshalb liegt Normens Matratze seit neun Nächten unter dem Bild.

Normen, 27 Jahre, trägt ein Super-Man-Shirt, keine Socken, keine Schuhe. Er besetzt zusammen mit einem Dutzend Kommilitonen das Rektorat der Universität Leipzig, um gegen die Schließung des Instituts für Theaterwissenschaften zu protestieren. Mit etwa 200 Stellen, die bis 2020 eingespart werden sollen, ist Leipzig nur ein besonders extremer Fall. In ganz Deutschland sollen Institute geschlossen werden, vom Saarland bis nach Bremen.

Die Studenten tragen deshalb neongrüne und pinke Masken. "Es geht nicht um uns, sondern um die Masse von Studenten und Wissenschaftlern, die von den Sparmaßnahmen betroffen sind", sagt Leonie, eine Kommilitonin. Ein symbolischer Protest also, doch ein konkretes Ziel haben sie schon: Sie wollen die Schließung in Leipzig verhindern.         

Doch ihr Institut ist ein kleines Institut, 40 Studenten pro Jahrgang, und dann auch noch eine Geisteswissenschaft. Wie viel Macht und Mitsprache können Studenten da haben?      

Am Donnerstagnachmittag protestieren sie leise, in einer kleinen Runde. Ein Papier mit Kritzeleien fliegt durch die Luft, drei Studenten sitzen im Stuhlkreis, reden kaum miteinander. Normen tippt hektisch in die Tastatur seines Laptops. In den vergangenen Tagen haben sie hier gelebt wie eine Klasse im Landschulheim. 

Professoren, deren Stellen bedroht sind, haben Schokolade vorbeigebracht. Die Studenten kochten Spaghetti mit Tomatensoße in der Küche des Rektorats, die Zähne haben sie sich auf den Uni-Toiletten geputzt, nur geduscht haben sie in Normens WG gleich um die Ecke.

Dann fuhr die Rektorin in Urlaub

Jetzt schreibt Normen einige der letzten Worte, die sie am Freitag verkünden werden. Die Studenten geben auf. Sie haben keine Kraft mehr. Die Rektorin hat am ersten Tag eine Stunde mit ihnen gesprochen, sie hat Verständnis gezeigt. Am Spardiktat der Landesregierung könne sie aber wenig ändern. Dann fuhr sie für eine Woche in den Urlaub. Seitdem haben sie also die Räume einer Rektorin besetzt, die gar nicht da war.

"Von den Verantwortlichen aus Dresden kam überhaupt keine Reaktion", sagt Leonie. Sie sieht blass aus, hat wenig geschlafen. Erst, als sie über ihr Studium spricht, beginnt sie zu strahlen. Ihr Lieblingsfach ist Theaterhistoriographie, das sich mit der Entstehungsgeschichte des Theaters auseinandersetzt. Nur in Leipzig gibt es dieses Fach.  

"Man muss alles dafür tun, dass dieses Wissen nicht einfach wegfällt", sagt Leonie. Im Osten können Abiturienten sich an keiner anderen Uni für Theaterwissenschaften einschreiben, auf 40 Plätze sollen sich zuletzt 400 junge Menschen beworben haben.