Braucht Deutschland noch vollere Hörsäle? © Thomas Frey/dpa

Die Zeugnisse kommen in diesem Fall immer nach den Ferien. Jedes Jahr Anfang September veröffentlicht die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) ihren Report über den Stand der Bildungssysteme in den Industrieländern. Für Deutschland las sich das stets wie ein Mängelreport. "Deutschland, das kannst du besser: Vier plus", so lautete in Noten übersetzt das Urteil aus Paris. Und auch in diesem Jahr kann man sich auf die OECD verlassen. Deutschland solle sich doch an anderen Ländern "ein Beispiel nehmen", schreibt Heino von Meyer, Leiter des Berliner OECD-Zentrums, den deutschen Bildungspolitikern ins Stammbuch.

Dabei hat Deutschland in den vergangenen Jahren ziemlich viel richtig gemacht. Nach der Logik der Pariser Bildungsstrategen haben wir uns geradezu wie Musterschüler aufgeführt. Das kann man dem OECD-Bericht selbst entnehmen. Danach liegt die Zahl der Kinder in Kitas und Krippen mittlerweile beträchtlich über dem internationalen Durchschnitt. Beim Anteil der Schüler mit einem höheren Schulabschluss (Realschule und mehr) sind wir fast Weltmeister. Deutschland hat seine Bildungsausgaben in den vergangenen Jahren weit mehr gesteigert als fast alle anderen Industrieländer, zwischen 2008 und 2011 allein um zehn Prozent. Und der Anteil junger Erwachsener, der sich der Forschung widmet, übersteigt den OECD-Schnitt um mehr als das Doppelte. Wer hätte all das vor zehn Jahren gedacht?

Doch die strengen Oberlehrer der OECD wackeln mit den Köpfen. Der Anteil der Studenten wachse noch immer zu langsam, heißt es, und die Bildungsmobilität sei in Deutschland so gering wie in kaum einem anderen Land. Auch mit der Bildungsgerechtigkeit stehe es weiterhin schlecht. "Eine offene Gesellschaft benötigt ein Bildungssystem, das das Lernen aller fördert", sagte der Berliner OECD-Vertreter Heino von Meyer.     

Nicht alle müssen studieren

Danke für den Hinweis, Herr von Meyer. Nur, ganz neu ist uns das auch nicht.

Deutschland erlebt gerade eine zweite Bildungsexpansion – nach dem ersten großen Aufbruch in den siebziger Jahren. Fast jeder Vorschüler besucht heute eine Kita. Das Gymnasium ist inzwischen zur Hauptschule der Nation geworden. Die Initiativen, um gerade junge Menschen aus bildungsfernen Familien an die Hochschulen zu bringen, lassen sich kaum noch zählen. Deutschland hat dieses Problem erkannt.

Und niemals zuvor haben so viele Menschen einen Hochschulabschluss erworben wie heute. In Zukunft werden es noch viel mehr sein. Legt man die heutigen Zahlen der Studienanfänger zugrunde, wird sich die Akademikerquote innerhalb von zwei Jahrzehnten fast verdoppelt haben. Schon fragt sich mancher: Müssen denn alle studieren? 

Nein, müssen sie natürlich nicht.