Zusammen mit einem visuellen Reiz ist ein Facebook-Status damit – wirklich, biologisch – unwiderstehlich. Unsere visuellen und emotionalen Systeme sind schneller und machtvoller als unser Intellekt. Ich könnte eine Studentin bitten, sich zu konzentrieren, während ihre Alerts laufen. Aber da könnte ich auch gleich einen Schachspieler fragen, sich zu konzentrieren, während ich mit einem Lineal in unvorhersehbaren Abständen gegen seine Fingerknöchel schlage. 

Jonathan Haidts Metapher vom Elefanten und dem Reiter ist hier sehr nützlich. In Haidts Erzählung ist das Gehirn wie ein Elefant (die Emotionen) mit einem Reiter (dem Intellekt) obendrauf. Der Reiter kann sehen und vorausschauend planen, aber der Elefant ist mächtiger. Manchmal arbeiten beide zusammen (das Ideal eines Kurses), aber wenn es einen Konflikt gibt, gewinnt immer der Elefant. 

Nachdem ich Haidt gelesen hatte, hörte ich auf, Studenten als Menschen zu sehen, die willentlich entscheiden, ob sie aufmerksam sind oder nicht. Stattdessen sehe ich sie jetzt als Menschen, die versuchen, aufmerksam zu sein, aber gegen verschiedene Einflüsse kämpfen, von denen der größte ihr Hang zu unfreiwilligen und emotionalen Reaktionen ist. Das ist besonders hart für junge Menschen. Der Elefant ist so stark, der Reiter noch ein Novize.

Ich sehe das Lehren nun als gemeinsamen Kampf. Ich fordere nicht mehr, dass sich die Studenten konzentrieren. Ich arbeite mit ihnen zusammen daran, die Konzentration gegen Störungen zu verteidigen. Mein Seminarraum ist voller Elefanten und Reiter, aber ich versuche, die Reiter zu unterrichten.

Und während ich das tue, wer flüstert zu den Elefanten? Facebook, WeChat, Twitter, Weibo, Snapchat, Tumblr, Pinterest, die Liste geht weiter, angestiftet von den Designern von Mac, iOS, Windows und Android. Im Seminarraum bekämpfe ich eine brillante und mit viel Geld ausgestattete Armee (inklusive viele meiner ehemaligen Studenten).  

Bildschirme stören wie Passivrauchen

Es ist eine Tatsache, dass Hardware und Software so designt werden, dass sie stören. Diese Einsicht war der erste Schritt, der mich dazu brachte, Studenten den Gebrauch der Geräte im Seminar ausdrücklich zu untersagen.*

Klar, es gibt eine Art Gegenbewegung in der Industrie: Software, die verhindert, dass man sich auf bestimmten Seiten einloggt oder überhaupt das Internet nutzen kann, Telefone mit Nicht-Stören-Optionen. Aber im Moment ist das eher die Nachhut. 

Die entscheidende Erkenntnis aber war diese: Bildschirme stören ähnlich wie Passivrauchen. Eine Forschungsarbeit mit dem schonungslosen Titel Multitasking am Laptop verhindert das Lernen im Klassenzimmer für den Nutzer und die Kommilitonen in seiner Nähe sagt alles: "Wir haben herausgefunden, dass Teilnehmer, die während einer Vorlesung mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigten, schlechter abschnitten als jene, die kein Multitasking betrieben. Und Teilnehmer, die Multitasker in ihrem direkten Sichtfeld hatten, erzielten schlechtere Ergebnisse als jene, die vom Multitasking der anderen nichts mitbekamen."

Wenn ich Laptops erlauben würde, könnte ich also auch gleich einen Ghettoblaster erlauben.

Natürlich wird "Diskutiert die frühneuzeitliche europäische Printkultur" niemals "Singt Karaoke mit Freunden" im direkten Kampf schlagen. Aber auf lange Sicht wird eine passable Rihanna-Performance weniger nützlich sein, als zu verstehen, wie eine Medienrevolution entsteht. An der Uni müssen sich Studenten jeden Tag in verspäteter Genugtuung üben. 

Korrektur, 30. Oktober 2014: An dieser Stelle stand zu nächst "nicht ausdrücklich zu untersagen", wir haben das korrigiert.

Übersetzt von Anne-Kathrin Gerstlauer