In NRW tobt ein Streit über die Anwesenheitspflicht. Die Lösung ist einfach: Schafft das Konzept endlich ab. Es nützt nur ängstlichen Professoren mit Power-Point-Folien.

Morgens halb neun in Deutschland, die Anwesenheitsliste geht rum. Eine Unterschrift bitte. Zwei Mal darf jeder Student fehlen, sonst ist der Kurs nicht bestanden. So oder ähnlich ist die Regelung an vielen Unis in Deutschland. In NRW sollte die Anwesenheitspflicht per Gesetz zu diesem Semester abgeschafft werden. Auf dem Papier zumindest. In der Praxis halten sich offensichtlich einige Professoren nicht daran. In Münster hat der Asta ein Onlineformular für Beschwerden eingerichtet, 300 seien mittlerweile eingegangen. In einem offenen Brief fordern nun mehrere Asta die Rektoren auf, einzuschreiten. Insbesondere an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten werde das Gesetz einfach bewusst ignoriert.  

Das Problem existiert deutschlandweit. Jedes Bundesland pflegt eine eigene Regelung, mal im Gesetz festgeschrieben, mal individuell an jeder Uni festgelegt.     

Doch überall gilt: Schafft endlich die Anwesenheitspflicht ab! Und haltet euch daran! In jedem Bundesland, an allen Unis. Die Pflicht ist ein Relikt aus den Zeiten, als Bologna noch für eine ausnahmslos gute Idee gehalten wurde. Daran zweifeln mittlerweile auch Professoren und Uni-Leitungen. An der Anwesenheitspflicht wollen die meisten trotzdem festhalten, aus Angst vor leeren Stuhlreihen.  

Diese Angst verstecken vor allem Professoren in Sätzen, die pädagogisch wertvoll klingen sollen, die Werte der Bildung, aber vor allem der eigenen Arbeit verteidigend. Der Politik-Professor Uwe Wagschal verpackte es in einem Pro und Contra für ZEIT Campus einmal so: "Zum einen ist der Glaube, sich komplexen Wissensstoff selbst aneignen zu können, eine Fiktion – auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften."

Diese Aussage ist richtig. Es ist aber genauso Fiktion zu glauben, jeder Professor transportiere seinen Wissensstoff didaktisch wertvoll, interaktiv, auf die Fragen der Studenten eingehend. Die Realität ist doch die: Studenten kommen dann nicht, wenn der Professor sein eigenes Buch oder seine Power-Point-Folien abliest. Das können sie zu Hause schneller oder in der Lerngruppe effizienter. 

Einige Studenten mögen sich überschätzen, andere verzetteln. Das werden sie am Ende des Semesters merken, das dank Bologna fast ausnahmslos jeden Kurs mit einer Prüfung abschließt. Der ein oder andere wird hinfallen, aber er wird wieder aufstehen, den Laptop hochfahren und weitermachen. Die Uni soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch dabei helfen, erwachsen zu werden, Fehler zu machen, daraus zu lernen, auch mal Risiken einzugehen. 

Ein 18-jähriger Student mag nicht immer wissen, was für ihn wichtig ist. Das können aber auch nicht unbedingt Professoren, die jahrelang nicht mehr in der Praxis gearbeitet haben, die sich an veraltete Lehrpläne halten müssen und an ein Modulhandbuch, das für alle gleich ist, aber keinen Spielraum für die Bedürfnisse des Einzelnen lässt.

Wer hingegen glaubt und befürchtet, dass er künftig vor gänzlich leeren Stuhlreihen lehren wird, der sollte sich fragen: Was ist falsch an meiner Vorlesung?

Die Argumente gegen die Anwesenheitspflicht kommen oft aus den Geisteswissenschaften mit ihren kleinen Kursen. Wieder Wagschal: "Zum anderen leben Geistes- und Sozialwissenschaften von der Debatte und dem Diskurs."

Auch da hat er Recht. Aber zu oft besteht Diskurs aus dem einen Satz am Ende des Referats: Noch Fragen? Und wollen Professoren wirklich Studenten in ihren Stuhlreihen, die nur da sind, weil sie müssen? Und die Debatten höchstens mit der besten Freundin via WhatsApp führen und damit den Rest des Kurses stören? Professoren schützen sich und alle motivierten Studenten, wenn sie all die, die gar nicht debattieren möchten, auch nicht dazu zwingen.

Deshalb muss es ein Recht auf leere Stuhlreihen geben. Ein Recht darauf, Prioritäten zu setzen, selber zu entscheiden, wann und wo und bei wem man lernen möchte. Ein Recht, nicht zu Professoren  zu gehen, die nur von ihren Folien ablesen. Ein Recht, diese Zeit zu nutzen, um sich in Kurse zu setzen, die nicht im Verlaufsplan stehen oder mal ein Buch zu lesen, das nicht zur Pflichtlektüre gehört. Und schlussendlich sogar das Recht, eigenverantwortlich zu entscheiden, einfach mal faul zu sein.  

Sie sind Professor, Rektor oder ein besorgtes Elternteil? Schicken Sie uns Ihre Gegenrede an leser-studium@zeit.de. Die überzeugendste werden wir auf ZEIT ONLINE veröffentlichen.