Sie lieben die Forschung, ihre Promotionen wurden für den Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung nominiert, die jährlich die besten Nachwuchswissenschaftler aller Fachrichtungen auszeichnet. Doch einige der besten Forscher Deutschlands bezweifeln, dass sie eine Zukunft an der Universität haben. Die einen haben ihre Hochschule bereits verlassen, andere forschen im Ausland, weil es hierzulande für sie nichts zu tun gibt. Und wieder andere stellen sich die ganz grundlegende Frage: Wie lange kann ich mir eine Stelle in der Forschung noch leisten?

Elf der Nominierten haben sich an ZEIT ONLINE gewandt, um von Missständen an den Unis und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu berichten. Sie hoffen auf die Politik. Die hat längst erkannt, dass Talent für die Forschung verloren geht. Es fehlt an Geld – und damit an reizvollen Stellen.

Nur wer soll die festen Stellen finanzieren? Der Wissenschaftsrat hatte im Juli 2014 empfohlen, mindestens 7.500 neue Professorenposten zu schaffen. Ende des Vorjahres hatte die SPD erklärt, einen "Zukunftspakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs" anzustreben, der mindestens zu 50 Prozent vom Bund finanziert werden soll. So soll es zum Beispiel mehr Juniorprofessuren geben, die nach einer befristeten Bewährungsphase zu einer Lebenszeitprofessur führen, genannt Tenure Track. In diesem Jahr soll der Plan in der Koalition verhandelt werden.

Warum das nötig ist? Hier ein Auszug aus den Arbeitsbedingungen der elf jungen Forscher:  

Wissenschaft ist Prekariat

Zurzeit arbeite ich als Physiker in einer international angesehenen Gruppe, Nobelpreisträger gehören zu unseren Gästen. Bald werde ich diese anregende Umgebung verlassen müssen. Nicht, weil meine Arbeit defizitär ist, sondern weil es der antiquierte wissenschaftliche Konsens so verlangt.

Von Post-Docs wird höchste internationale Mobilität und Aufopferung verlangt. Schon während der Doktoranden-Zeit arbeitet man häufig 200 Stunden pro Monat und wird für 80 bezahlt. Das ist weniger Geld als das Erstgehalt eines ausgelernten Bäckers. Wissenschaft ist schon lange kein Privileg mehr, es ist ein Prekariat.

Es braucht einen unbefristeten akademischen Mittelbau unterhalb der Professur. Für einen Post-Doc sollte eine Dauerstelle nach erfolgreicher Evaluation (Tenure Track) optional sein. Können die finanziellen Mittel nicht alleinig durch Erst- und Zweitmittel erzielt werden, empfiehlt sich, dass anteilig selbstständig eingeworbene Drittmittel die Stelle stützen. Erwerb und Unabhängigkeit des Wissenschaftlers sind so gesichert und der Etat von Hochschule und Ministerium entlastet.

Nicki Frank Hinsche, 32 Jahre, Promotion an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und dem Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik Halle, nun wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Ein Kreislauf aus Druck, Zeitnot und Angst

Die Dissertation war für mich ein persönliches Anliegen, das ich mir im wahrsten Sinne des Wortes "geleistet" habe, und zwar komplett auf eigene Kosten. Durch eine Menge Arbeit beim regionalen öffentlich-rechtlichen Rundfunk konnte ich mir die finanziellen Mittel beiseite legen, mit denen ich mich in der Zeit, in der ich ausschließlich an meiner Doktorarbeit geschrieben habe, über Wasser halten konnte. An meiner Heimatuni ist mir nie ein Vertrag in Aussicht gestellt worden, der zum Leben gereicht hätte.

Meine "Doktorgeschwister", die Verträge an der Uni hatten, haben für die Anfertigung ihrer Dissertationen deutlich länger gebraucht als ich. Die Fertigstellung, für die sie maximal sechs Jahre Zeit hatten, wenn sie weiterhin an der Uni arbeiten wollten, brachte so manch einen an den Rand des Burn-outs. Eine Garantie für eine darüber hinaus gehende Beschäftigung gab es dennoch nicht.

Die in meinen Augen Intelligentesten unter ihnen fielen diesem System zum Opfer, da sie ihr Perfektionismus davon abhielt, die Doktorarbeit in sechs Jahren abzuschließen. Sie waren gefangen in einem Kreislauf aus Druck, Zeitnot und der Angst, auf dem falschen Dampfer zu sein. Andere hielten die vorgegebene Zeit ein, waren aber mit dem Resultat ihrer Arbeit nicht zufrieden. "Uni? Nein, danke", dachte ich.

Mein Weg führte mich trotzdem zurück. Ich unterrichte derzeit Deutsch als Fremdsprache an einer italienischen Universität. Mein aktueller Vertrag ist auf maximal fünf Jahre befristet: Fünf Jahre, für die man mir ans Herz gelegt hat, viel zu publizieren und zu forschen, wenn ich in der Wissenschaft bleiben möchte. Denn: Ich bin ja in dieser Zeit finanziell abgesichert, da muss man jede Minute nutzen, um sich einen Namen zu machen.

Anja Unkels, 35 Jahre, Doktor in italienischer Sprachwissenschaft in Bonn, seit 2012 DAAD-Lektorin in Urbino (Italien)

Anmerkung der Redaktion: Im ersten Text stand fälschlicherweise zunächst 200 Stunden pro Woche.

Wie soll ich eine Familie gründen?

Eine Freundin braucht finanzielle Hilfe ihrer Eltern

Woran die Attraktivität des Wissenschaftssystems krankt, ist seit Jahren in vielen Studien festgehalten: Niedrig bezahlte, befristete Verträge, gepaart mit der Aussichtslosigkeit für die große Mehrheit der Forschenden, jemals eine existenzsichernde Stelle zu erhalten. Ich wollte mich diesem System nicht aussetzen und habe nach meiner Doktorarbeit die Wissenschaft verlassen.

In meinem Bekanntenkreis gibt es leider mehr Beispiele für den hohen Preis, der gezahlt wird, als hier erzählt werden können. Zwei seien stellvertretend genannt: Eine alleinerziehende Freundin Mitte 30 kann von ihrer halben Stelle (1.300 Euro netto) an einer Universität ihren Lebensunterhalt nicht ohne Hilfe ihrer Eltern finanzieren. Bald endet ihr Zweijahresvertrag als Lehrkraft und sie muss mit ihrem Sohn im Grundschulalter zum wiederholten Male aus einem vertrauten Umfeld wegziehen.

Ein anderer Freund zieht als Post-Doc regelmäßig von einer Zweijahresstelle zur nächsten durch verschiedene Bundesländer, er ist mit Ende 30 ohne Partnerin geblieben. Er hat wie die meisten eine Tarifstelle, das sind gut 2.200 Euro netto. Für beide meiner Freunde gilt: Falls sie nicht zu jenen zehn Prozent des wissenschaftlichen Personals gehören, die eine Professur erhalten, ist Altersarmut wahrscheinlich: Sie haben auf Stipendien promoviert, das heißt sie haben nicht in die Rentenkasse eingezahlt. Die Anrechnung der Studienzeit auf die Rente wurde 2005 abgeschafft. Zwischen befristeten Verträgen liegen oft Phasen der Erwerbslosigkeit, für regelmäßige Umzüge werden finanzielle Rücklagen aufgebraucht. Ihre Gehälter reichen nicht, um in den verbleibenden 30 Erwerbsjahren eine solide Altersversorgung aufzubauen und eine Familie zu ernähren.

Sabine Donauer, 32 Jahre, Master im Fach Wissenschaftsmanagement an der Harvard University, Promotion am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, arbeitet nun in der Internationalen Abteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Wie soll ich mit gutem Gefühl eine Familie gründen?

Nach Studium, Referendariat und Promotion sind die meisten Juristinnen schon Anfang 30, wenn die Frage im Raum steht, ob eine Habilitation der richtige Weg ist. Und damit stellt sich für viele auch eine zweite Frage: die nach der Vereinbarkeit von Kinderwunsch und wissenschaftlicher Karriere. Dieselbe Frage stellt sich auch für viele Juristen, aber es scheinen mehrheitlich noch immer die Frauen zu sein, die für die Familie beruflich zurückstecken. Wenn man sich
dann auf einer auf zwei oder drei Jahre befristeten Stelle der Deutschen Forschungsgesellschaft habilitieren soll, ist schwer vorstellbar, wie sich mit einer solch immensen Unsicherheit in finanzieller aber auch örtlicher Hinsicht der Familienwunsch mit gutem Gefühl realisieren lassen soll.

Gerade in der Rechtswissenschaft gibt es sie noch, die Stellen als akademische Rätin auf Zeit. Auch sie sind befristet, aber sechs Jahre Planungssicherheit bei Bezahlung wie im Richterdienst sind zumindest ein guter Anfang. Dennoch sind auch diese sechs Jahre irgendwann vorüber und dann stellt sich oft die große Frage, ob die Dreifachbelastung Lehre, Forschung und Familie nicht doch zu viel war. Habe ich genug veröffentlicht, um einen Ruf zu bekommen? Sind
meine Lehrevaluationen gut genug? Habe ich ausreichend Drittmittel eingeworben? Werde ich in den nächsten Jahren Vertretungsstellen in ganz Deutschland annehmen müssen und meine Familie dann nur noch alle zwei Wochen am Wochenende sehen können? Habe ich womöglich gar "ins Leere" habilitiert?

Kristina-Maria Kanz (34) arbeitet derzeit als Akademische Rätin auf Zeit am Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Münster. Sie hat zwei Töchter.

Sind Geisteswissenschaftler eigentlich bescheuert?

Ich kehre Deutschland den Rücken

Wenn ich an eine berufliche Zukunft denke, kann ich mir eigentlich nichts anderes als Forschung vorstellen. Zurzeit wage ich es, allerdings nicht in Deutschland, sondern in den USA. Ich bin eine der jungen Wissenschaftlerinnen, die in den besten Jahren ihrer Kreativität und Arbeitskraft Deutschland den Rücken kehren. Warum?

Ich gehe in die USA, weil es von jungen Wissenschaftlern fast erwartet wird. Und ich gehe mit der Hoffnung, danach in Deutschland bessere Chancen auf eine weitere (wahrscheinlich befristete) Anstellung zu haben.

Außerdem ist es leichter, eine Finanzierung für Forschung im Ausland zu bekommen als eine Stelle in Deutschland. Besonders die USA werden als großes Forschervorbild für uns Europäer gesehen. In Finanzierungsgesuchen muss der Antragsteller darlegen, wie der Forschungsaufenthalt die europäische Wettbewerbsfähigkeit erhöhen wird und wie sich die deutsche Forschung der amerikanischen dadurch annähern kann. Letztendlich schicken wir unsere klügsten Köpfe mit ihren Ideen und Kompetenzen auf unsere eigenen Kosten in die USA. Wo ist unser Selbstbewusstsein?

Eva Marie Mühe, 32 Jahre, Promotion in Geomikrobiologie in Tübingen, seit Mai 2014 an der Universität Tübingen, ab 2015 mit einem zweijährigen DFG-Stipendium an der Stanford Universität

Sind Geisteswissenschaftler eigentlich bescheuert?

Unsere Zukunft riskieren, alles auf eine Karte setzen und mit voller Kraft einer winzigen Berufungs-Chance nachstreben – sind Geisteswissenschaftler eigentlich bescheuert? Die ehrliche Antwort fällt eindeutiger aus als mir selbst lieb ist.

Von Zeit zu Zeit fühle ich mich wie ein Seiltänzer mit Höhenangst: streng Richtung Horizont blickend, um mich in meinem Tanz nicht zu lähmen und damit zu gefährden. Während dieser Tanz andauert, hat sich allerdings einiges verschoben und zumindest in den Geisteswissenschaften nur wenig zum Besseren. Warum dann also nicht einfach abspringen?  

Meine Antwort ist simpel und romantisch: Weil ich für mein Leben gern forsche und lehre. Bei mir hat wohl letztlich die Hoffnung den Ausschlag gegeben: die Hoffnung auf eine Renaissance der Vernunft in der Bildungspolitik. Die läge nämlich durchaus in Reichweite, wie andere Länder überzeugend demonstrieren. Sie verlangt auch gar nicht so viel, nur etwas Innehalten, Einsicht und ein paar kleine Schritte für den Anfang. Welche das sein könnten, dafür gibt es viele Vorschläge, aber wer es ernst meint, der könnte mit diesen beginnen: www.templiner-manifest.de.

Jan-Ole Reichardt, Habilitation am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Münster

Nur die mit Glück bleiben übrig

Das Gesetz zum Zeitvertrag klingt wie blanker Hohn

An der LMU München kann ich im Moment unter idealen Bedingungen arbeiten. Für einen Wissenschaftler nach der Promotion ist es vor allem wichtig, das nächste Forschungsprojekt vorzubereiten. Denn die Habilitation oder das "second book", also die zweite große Arbeit, ist die Voraussetzung dafür, eine Professur zu bekommen. Und die ist praktisch die einzige Chance auf eine unbefristete Anstellung.

Das liegt zunächst einmal am Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Es schreibt vor, dass Wissenschaftler nach der Promotion nur sechs Jahre befristet beschäftigt werden dürfen. Spätestens dann müssen sie einen unbefristeten Vertrag bekommen. Das Bildungsministerium feiert das Gesetz als Erfolg. Für die wissenschaftlichen Mitarbeiter an den Universitäten klingt das wie blanker Hohn. Es wurde eingeführt mit dem Ziel, die Zahl der Anstellungen auf Zeit zu verringern. Erreicht wurde das Gegenteil: Nach Ablauf der sechs Jahre erhalten die Mitarbeiter nicht etwa einen unbefristeten, sondern überhaupt keinen Vertrag mehr.

So bleibt nach Ablauf der Sechsjahresfrist nur die Hoffnung, sich auf eine der Stellen retten zu können, die aus Drittmitteln finanziert werden. Die sind auch befristet, fallen aber nicht unter das Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Unbefristet stellen die Universitäten heute so gut wie niemanden mehr ein. Dazu fehlt ihnen die finanzielle Planungssicherheit. Oder man ergattert eben eine der Professuren. Doch die sind rar gesät – nur zehn Prozent des wissenschaftlichen Personals an deutschen Hochschulen sind Professoren.

Das hat zur Folge, dass viele wissenschaftliche Mitarbeiter mit Mitte 40 vor dem Aus stehen. Nachdem sie sich ihr gesamtes Berufsleben über der universitären Wissenschaft gewidmet haben, finden sie woanders kaum noch Arbeit. Ich hoffe, eines Tages Professor zu werden – und das ganz sicher nicht nur wegen der unbefristeten Anstellung. Aber es wäre schön zu wissen, dass meine Existenz nicht ruiniert ist, falls das nicht klappen sollte.

Florian Leitner, 37 Jahre, Promotion in Filmwissenschaft an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und an der FU Berlin. Derzeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der LMU München

Übrig bleiben die, die Glück haben

Hochqualifizierte Juristen haben typischerweise zwei Berufsalternativen: Einige werden Richter oder Staatsdiener, andere Anwälte in internationalen Sozietäten – den einen winkt eine sichere Stelle auf Lebenszeit, den anderen ein hochdotierter Job im Jetset. Wissenschaft bietet keins von beiden, verlangt aber mehr Zeiteinsatz und grenzenlose persönliche Hingabe.

Wo andere Juristen mit Ende 30 gesellschaftliche Führungspositionen bekleiden, pendelt unsereins als Lehrstuhlvertreter durch Deutschland, auf befristeten Stellen mit ungewisser Perspektive. Was das für das Familienleben von Enddreißigern bedeutet, ist leicht vorstellbar. Übrig bleiben selbst von den Aufopferungsbereiten nur die, die auch noch sehr viel Glück haben. Ist "Siebzehn und vier" wirklich die Art, wie eine Wissenschaftsnation ihre Vordenker für die Fragen von morgen auswählen will?

Hanjo Hamann, promoviert in Bonn, jetzt Gastforscher (Visiting Researcher) am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und Nachwuchskollegiat der Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Klappern gehört zum Geschäft

Warten und warten und warten

Die Arbeit als Wissenschaftler im Bereich Nanomaterialien ist für mich ein Traumjob. Doch leider bleibt nur wenig Zeit, sich auf die tatsächliche wissenschaftliche Arbeit zu konzentrieren. Das bestimmende Thema in der Wissenschaft lautet: Woher bekomme ich die Mittel um mich, meine Mitarbeiter und meine Forschung zu finanzieren?

Das Geld fehlt, also muss ein Antrag auf Projektförderung bei Drittmittelgebern wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Bildungsministerium oder der EU gestellt werden. Oft werden 20 bis 100 Antragsseiten gefordert. Nach harter, oft monatelanger Arbeit, ist der Antrag fertig – also ab damit. Und warten und warten und warten. Denn da ist noch eine Kleinigkeit: die Begutachtung dauert in der Regel 6 bis 12 Monate. Hat man keine sehr gute Unterstützung durch die eigene Forschungseinrichtung, die irgendwie Geld für diese Zeit aus dem Hut zaubert – ich habe diese Unterstützung glücklicherweise – stellt sich bereits hier die existentielle Frage, wie man die Wartezeit finanziell und inhaltlich überbrücken kann.

Irgendwann hat dann das Warten ein Ende und die Entscheidung ist gefallen: "Leider ist eine Förderung nicht möglich". Da fast alle Wissenschaftler vor der gleichen Finanzierungsnot stehen, sind Antrags-Erfolgsquoten von nur 5-10% aufgrund der stark begrenzten Fördermittel nichts Ungewöhnliches. Sehr schnell kann man so vor der existentiellen Frage stehen, wie es denn nach so einer Ablehnung überhaupt noch mit der eigenen Forschung weitergehen kann.

Es wäre eigentlich zu erwarten, dass das System in Deutschland die besten der teuer ausgebildeten Nachwuchswissenschaftler, die voller Ideen und am Zenit ihrer Leistungsfähigkeit sind, in Forschungs- und Entwicklungslabors steckt und ihnen den Weg ebnet, unser Land voran zu bringen. Denn Deutschland hat keine wertvollen Bodenschätze – unsere einzige Ressource und gesamtes Kapital ist Brain Power. Warum wurde ein Fördermittel-Lotterie-System geschaffen, bei dem so viel Energie mit Sorgen um Finanzierung gebunden wird? Wie kann sich dabei noch echte Kreativität entfalten, wenn die Perspektive fehlt und der Kopf nur voll von  Sorgen damit ist, wie man die weitere Forscherzeit finanzieren soll?

Karl Mandel, 29 Jahre, Promotion an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC, seit Oktober 2013 Leiter des Bereichs "Partikeltechnologie und Grenzflächen" am Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Würzburg

Klappern gehört zum Geschäft

Wissenschaftler müssen sich einem Wettbewerb stellen. Aus meiner Erfahrung heraus bewirkt das aktuell implementierte Förder- und Kontrollsystem allerdings nicht, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen. "Klappern gehört zum Geschäft", sagte mir einmal ein Professor zynisch, als er mir erklärte, warum er die Studie nach außen als gelungen verkaufen musste, auch wenn er er selber Probleme in der Studie sah.

Doch im heutigen Wissenschaftssystem fragt man sich, ob die Anreize nicht nur noch auf dem "Klappern" liegen. Karl Jaspers sagte: "Wissenschaftlich ist grenzenlose Kritik und Selbstkritik; unwissenschaftlich ist die Besorgnis, der Zweifel könne lähmen". Diese Tugenden zu leben wird Wissenschaftlern schwer gemacht.

Die Universitäten und Professoren sind hinsichtlich der Förderung wissenschaftlicher Karrieren weitgehend entmachtet, obwohl sich die Professoren über Jahre ein Bild von ihren Studenten und deren Potenzial machen können. Hier hat man Vertrauen durch Kontrolle und teilweise endlosen Evaluationsirrsinn ersetzt und den "objektiven" Gutachtern der Deutschen Forschungsgesellschaft die Entscheidungsbefugnis über die Finanzierung von Stellen vermacht. Diese fragen sich dann zuweilen abends bei einem Glas Wein, ob sie sich durch ein positives Votum hinsichtlich eines Antrags einer anderen Forschergruppe denn wirklich zusätzliche Konkurrenz schaffen wollen.

Jürgen Biedermann, 34, Promotion an der FU Berlin und der Charité, nun wissenschaftlicher Angestellter beim Psychologischen Dienst der Polizei Berlin und Lehrender im Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Eine anhaltende studentische Lebensweise

Trotz eines fantastischen Arbeitsklimas an meinem Institut waren die strukturellen Defizite nicht zu übersehen: Die hohe Forschungsintensität schlug sich in vielen befristeten Arbeitsverhältnissen nieder, es gab kaum feste oder gar volle Stellen im Mittelbau.

Hinzu kommt, dass eine sehr gute Arbeitsleistung heutzutage nicht gleich eine sichere Karriere bedeutet. Zwar zählen weiterhin objektive Maßstäbe wie Ort und  Anzahl der Veröffentlichungen, aber darüber hinaus ist die Karriereplanung weitgehend zum Glücksspiel geworden.

Die Freiheit der Forschung und der Wettbewerb der Ideen sind mit zunehmender Drittmittelstärke einem Themenpragmatismus gewichen, der sich daran orientiert, welche Gelder gerade von wem vergeben werden. Selbstbestimmt eigene Interessen zu bearbeiten ist langfristig betrachtet nicht mehr möglich. Hinzu kommt, dass der wissenschaftliche Mittelbau an den deutschen Universitäten mittlerweile als Verfügungsmasse gilt, die je nach vorhandener Professur auf- und abgebaut werden könne.

Und trotzdem motiviert die Schönheit der Chance viele Forscher, diese widrigen Umstände zu akzeptieren und sich an eine anhaltende studentische Lebensweise zu gewöhnen. Die unsichere Aussicht auf ein erfüllendes Arbeitsleben hängt ihnen wie die sprichwörtliche Möhre an der Angel vor der Nase, der man ständig nachjagen möchte. Das ist fatal, bedeutet diese Jagd doch nicht selten ein planbares Familienleben mit der Gefahr zu opfern, dass die angestrebte Karriere schnell zur Sackgasse werden kann. Wenn der Erfolg ausbleibt und am Ende keine der raren Professuren als Belohnung winkt, sind viele hochqualifiziert, aber für den allgemeinen Arbeitsmarkt weitgehend unbrauchbar.

Dirk Kratz, 34 Jahre, Promotion in München zum Thema "Langzeitarbeitslosigkeit",  zuletzt am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim, seit Oktober 2014 als Leitung der Gesellschaft für Nachsorge und soziale Rehabilitation GmbH in Landau / Pfalz.