"Studenten, bleibt zu Hause" hatte ZEIT-ONLINE-Redakteurin Anne-Kathrin Gerstlauer geschrieben und die Abschaffung der Anwesenheitspflicht gefordert. Der Dozent Dominikus Herzberg meldete sich daraufhin: "Ich würde noch einen Schritt weiter gehen und Studenten ihre Fächer frei  zusammenstellen lassen." Hier sein Beitrag.  

Student Thomas (Name geändert) sitzt in meinem Büro. Wir sprechen über den Verlauf seines Software-Projekts, das er für sein Informatik-Studium absolvieren muss. Thomas ist talentiert und auffallend motiviert, das Projekt läuft gut. Wir kommen ins Plaudern. Da er etwas älter als seine Kommilitonen ist, frage ich ihn: "Was haben Sie vor dem Studium gemacht? Eine Ausbildung?" Unerwartet bricht es aus Thomas heraus. Er hat zuerst Maschinenbau an einer Universität studiert, alles fertig, seine Abschlussarbeit war geplant, nur ein Fach fehlte  noch. Da fiel er schlussendlich durch! Er musste das Studium ohne Abschluss beenden, wegen eines einzigen Fachs. Dabei hat er gerne Maschinenbau studiert. Thomas redet sich in Rage über ein unbarmherziges System. Die Wunde sitzt tief, das ist unverkennbar, er hat darunter gelitten. Zum ersten Mal ahne ich, dass die Strenge der Prüfungsordnungen nicht jedem Menschen gerecht wird. Dass Studiengänge zu starr, zu unflexibel sind. Man kann an einem einzigen Fach scheitern.

Das Statistische Bundesamt mag nicht von einer Abbruchquote sprechen, es ermittelt aus den Meldezahlen der Universitäten und Hochschulen die Erfolgsquote eines Erststudiums. Die berechnete Erfolgsquote von 75 Prozent bedeutet jedoch, dass einer von vier Studenten das Erststudium aufgibt. Das ist wenig effizient und vor allem kostspielig – für den einzelnen Studenten und den Staat.

Ein Bachelor-Studium schreibt jedem Studenten sehr genau vor, was er oder sie Semester für Semester zu studieren hat. Offiziell ist es eine Studienempfehlung, faktisch ist es ein Stundenplan. Es gibt einen Pflichtbereich, das sind die Fächer, die man belegen muss; und einen Wahlbereich, der einen Pool an Fächern vorgibt, die zur Auswahl stehen. Ein Teil des Studiums wird in ein Geflecht von Abhängigkeiten eingebettet, ein oder mehr Fächer sind Voraussetzung für ein Folgefach. Mal ist diese Abhängigkeit nachvollziehbar (zwei Mathematik-Vorlesungen bauen aufeinander auf), mal hat sie eine gewisse Willkür (für Projektmanagement muss man programmieren können).

Wer in diesem Netz der Abhängigkeiten ins Stolpern gerät, dessen Studium verlängert sich rasch. Ein Problemfach im Pflichtbereich kann erst zur Qual werden und dann zum Abbruch führen. Der Schaden an dem Selbstbild eines jungen Menschen ist unnötig und nachhaltig. Es gehört viel dazu, sich nach einer solchen Niederlage nicht für einen Versager und ungeeignet für ein Studium zu halten. Nicht jeder junge Mensch hat die Stehauf-Qualitäten, wie sie Thomas nach seinem gescheiterten Maschinenbau-Studium gezeigt hat.

Und dieser Schaden betrifft auch die Industrie. Unternehmen suchen unter den Absolventen nach Profilen, nach Auffälligkeiten abseits eines stromlinienförmig durchgeführten Studiums. Sie haben längst erkannt, was Universitäten und Hochschulen in ihren Studiengängen nicht vorleben: Es lebe die Vielfalt und das Andere. Damit ist nicht eine unüberschaubare Vielfalt an Studiengängen gemeint, sondern die Vielfalt der Menschen. Nicht die Schwächen einer Person sind interessant, sondern ihre Stärken.

Das eine Unternehmen hätte kein Problem mit einem Informatik-Studenten, der mit dem Pflichtfach "Theoretische Informatik" nicht klarkommt. Ein Bachelor-Zeugnis mit einem Ersatz-Fach, sagen wir "Smartphone-Programmierung", wäre kein Problem. Hauptsache ein Bachelor-Zeugnis. Ein anderes Unternehmen, das sich etwa auf Steuersysteme für Autos spezialisiert hat, will die Theoretische Informatik im Zeugnis nicht missen. Die Mitarbeiter sollen die feinsinnigen theoretischen Grundlagen beherrschen, die eine Software für das Bremssystem zuverlässig und robust machen. Was sich in der Welt da draußen an Diversität nicht ausschließt, wird an der Hochschule zu einem Problem und macht Bildungsläufe kaputt.

Wie ist es möglich, dass ein, zwei oder drei Fächer einem Menschen die Bachelor-Würde nehmen können? Warum, radikaler gefragt, lassen wir nicht jeden jungen Menschen die Fächer studieren, wie er oder sie das möchte? Warum sollen Studierende nicht ihre Stärken, ihre Anders- und Einzigartigkeit entfalten dürfen in der Wahl und der Kombination ihrer Studienfächer?