Was ist hochschulwatch.de?

Die Seite hochschulwatch.de ist nicht neu, sie wurde Anfang 2013 gegründet, um Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft offenzulegen. Die Initiative liegt bei der Antikorruptionsorganisation Transparency International (TI), dem Freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften (FZS) und der Tageszeitung taz. Dozenten und Studenten sollen fragwürdige Fälle einreichen, sie können dazu Dokumente hochladen und Texte schreiben. Die Seite erscheint nun im neuen Gewand und mit neuen Daten. Nutzer können künftig gezielt nach Geldgebern suchen. Zum Start präsentiert hochschulwatch.de aktuelle Zahlen: Demnach flössen derzeit 1,3 Milliarden Euro an Drittmitteln aus der Wirtschaft an die Unis, doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. "Wir beobachten, dass zunehmend die Verwertungsinteressen der Wirtschaft die Lehre und auch die Forschung weitgehend bestimmen", sagte die TI-Vorsitzende Edda Müller.

Warum fördert die Wirtschaft überhaupt Universitäten?

Wissenschaft und Wirtschaft treiben gemeinsam Innovationen in Deutschland voran, deshalb kooperieren sie in der Forschung. Und auch Studenten profitieren von Kontakten in die Industrie. Doch es ist auch klar: Universitäten sind seit Jahren unterfinanziert. Deshalb müssen Wissenschaftler immer öfter zusätzliche Mittel für Forschungsprojekte von anderen Geldgebern einwerben, Drittmittel genannt. Sie werden von Unternehmen, Stiftungen und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gezahlt. Dazu kommen Stiftungsprofessuren. Diese werden von externen Geldgebern finanziert. Ihr Vorteil: Sie fallen nicht unter die Kapazitätsverordnung, die festlegt, wie viele Professuren für eine bestimmte Zahl von Studenten eingestellt werden. Werden solche Stiftungsprofessuren sinnvoll besetzt, kann das die Betreuung im Studium verbessern, weil schlichtweg mehr Lehrkräfte im Verhältnis zur Zahl der Studierenden da sind.

Wie abhängig sind Unis von der Wirtschaft?

Der Anteil der Drittmittel an der Finanzierung der Hochschulen steigt seit Jahren. Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Grundfinanzierung der Unis zwischen 1995 um 42 Prozent stieg, die Zahl der Drittmittel aber um 204 Prozent. In der öffentlichen Wahrnehmung werden Unternehmen als der große Drittmittel-Geber wahrgenommen. Rund 40 Prozent des Geldes stammt allerdings von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 25 Prozent zahlt der Bund, gefolgt von der Wirtschaft mit 19 Prozent. Hochschulwatch.de dokumentiert 10.000 Kooperationen zwischen Wirtschaft und Hochschulen, darunter Sponsoring-Verträge, Stiftungsprofessuren, geförderte Institute oder Forschungsaufträge. In Deutschland gebe es rund 1.000 durch Unternehmen oder privaten Stiftungen finanzierte Professuren.

Welche Folgen hat das?

Die Unis stehen unter großem Druck. "Ohne Drittmittel könnten wir unsere Aufgaben in Forschung und Lehre nicht mehr erfüllen", sagte der Präsident der Humboldt-Universität, Jan-Hendrik Olbertz der ZEIT. Das hat mehrere Folgen: Zum einen ist der Zeitaufwand enorm, zum anderen müssen Wissenschaftler ihre Themen Geldgebern außerhalb der Uni schmackhaft machen. Der ehemalige Doktorand Dirk Kratz schrieb Anfang diesen Jahres in einem Beitrag für ZEIT ONLINE: "Die Freiheit der Forschung und der Wettbewerb der Ideen sind mit zunehmender Drittmittelstärke einem Themenpragmatismus gewichen, der sich daran orientiert, welche Gelder gerade von wem vergeben werden." Diese Einflussnahme ist dann nicht offensichtlich und direkt, aber es stellt sich die Frage: Kann ein Wissenschaftler seinen Geldgeber während der Forschung ausblenden und vollkommen frei forschen? 

Hochschulwatch will alle Verträge offenlegen

An die Öffentlichkeit gelangen aber auch hin und wieder Fälle direkter Einflussnahme oder umstrittener Kooperationen, sowohl aus der Wirtschaft als auch aus dem Ausland. So berichtete die ZEIT über eine Stiftungsprofessur an der Berliner Humboldt-Universität, die vom Land Aserbaidschan finanziert wird. Aufsehen erregte auch die Rüstungsforschung an deutschen Unis, die vom Pentagon bezahlt wurde.  

In Köln fordert der Asta seit Jahren, dass die Verträge zwischen Bayer und der Uni offengelegt werden. Die Firma könnte sich die Rechte an Patenten gesichert haben, die aus der Kooperation hervorgegangen sind, fürchten die Studenten. Dann hätte der Konzern das Recht, über die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse zu entscheiden und unerwünschte Resultate geheimzuhalten.

Ebenfalls Aufsehen erregte ein Institut für Finanzmathematik in Berlin, gesponsert von der Deutschen Bank, Formulierungen im Vertrag deuteten darauf hin, dass sich das Unternehmung auch in die Forschung und Besetzung von Stellen einmischen konnte. Die Kooperation wurde eingestellt.

Wie transparent müssen Unis sein?

Hochschulwatch.de fordert unter anderem die Offenlegung aller Drittmittelverträge zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. In Nordrhein-Westfalen ist ein erster Schritt getan: Künftig sollen dort laut dem neuen Hochschulgesetz Forschungsprojekte, die von der Wirtschaft finanziert werden, veröffentlicht werden. Unternehmen wollen aber die Forschung nicht an die Konkurrenz verlieren. Ministerin Schulze betonte im Streitgespräch in der ZEIT, das Betriebsgeheimnis bleibe gewahrt. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, befürchtet trotzdem, dass sich Firmen eine Kooperation künftig zwei Mal überlegen würden.