Unser Autor hat sein Studium abgebrochen. Er durfte seine Fragen nicht stellen, weil sie nicht examensrelevant waren oder weil die Gesetze einfach so seien.

In diesem Sommer beschäftigen wir uns in einer Serie mit der Frage, ob das Jurastudium reformiert werden muss. Start war ein Plädoyer zur Abschaffung des Staatsexamens. Nun veröffentlichen wir die kleinen Geschichten und großen Vorschläge unserer Leser.

Ist es mir das wirklich wert? Die Tage in der Bib, die intransparente Bewertung, das alles entscheidende Examen am Ende, die Dumpfheit durch das unreflektierte Lernen, die Vereinnahmung des gesamten Alltagslebens …

Auf diese Frage kam ich immer wieder, als ich darüber nachdachte, ob ich mein Jurastudium aufgeben sollte.

Doch vorher musste ich mir die Frage stellen, wieso ich überhaupt studiere. Die Antwort ist einfach: Weil ich die Welt infrage stellen will. Weil ich sie nicht einfach hinnehme, weil ich wissen will, wieso sie so ist, wie sie ist! Ich möchte mich als Charakter aktiv weiterentwickeln, ich möchte lernen, alles kritisch zu hinterfragen. Um mich mit Dingen zu beschäftigen, die mich auf neue Gedanken bringen und mich geistig beflügeln. Ich studiere aus Selbstzweck, aus einem Ideal heraus. Die Frage nach dem konkreten Beruf kann ich später beantworten.

Wieso dann ausgerechnet Rechtswissenschaft? Für jemanden der am liebsten alles studieren würde, bietet die Rechtswissenschaft wirklich viele Möglichkeiten. Denn das Recht ist überall. Man kann so gut wie jedes Thema nehmen, mit dem Recht verbinden und erhält eine juristische Teildisziplin, so gibt es an der Universität zu Köln sogar ein Institut für Weltraumrecht! Außerdem gibt es die Grundlagenfächer wie Rechtssoziologie, -philosophie, -geschichte. Und gerade weil das Recht überall ist und unser Leben so tiefgreifend beeinflusst, kann der, der sich im Recht auskennt, sich auch souveräner in unserer Welt bewegen – ob beim gewöhnlichen Einkauf oder bei der Bewertung von Debatten wie der NSA-Affäre oder den NSU-Prozessen. Zusammengefasst: Man hat als interessierter Student ein tolles Paket.

Wieso höre ich dann damit auf?

Meine Erwartungen wurden nicht erfüllt. Neben wichtigen Fragestellungen wie "Was ist Recht?" oder "Was ist ein Gesetz und was macht es mit den Menschen?", hätte ich mich auch gern dem Problem gestellt, was Gerechtigkeit ist. Zugegeben, das ist keine einfache Frage – und im Studium hört man schon früh: "Bei Jura geht es nicht um Gerechtigkeit!" Doch wieso eigentlich nicht? Vielleicht weil wir als vermeintlich neutrale Rechtsausleger diese Frage gar nicht stellen dürfen? Es könnte natürlich auch einfach daran liegen, dass das Wort "Gerechtigkeit" gar nicht im Schönfelder vorkommt (das dicke rote Buch mit den 4.500 Seiten)? Doch sollte sich eine Wissenschaft, die sich mit dem allgemein bindenden Recht beschäftigt, nicht auch dieser Frage stellen? Schon im Studium? Der Augsburger Professor Josef Franz Lindner schreibt sogar, die Gerechtigkeit sei der "Kristallisationspunkt der Rechtswissenschaft".

Beim Ruf nach diesen Fragen wurde mir meist entgegnet, dass ich mich freilich mit dieser Frage beschäftigen könne. Studieren hieße ja auch selbstständiges Lernen. Mir reicht das nicht. Die Frage nach Gerechtigkeit ist doch nicht so unwichtig, dass sie im Jurastudium kaum Platz hat, dafür aber jedes wichtige Gesetzbuch seine eigene Vorlesung mit Abschlussklausur hat.

Manche werden jetzt vielleicht sagen, ich solle doch Philosophie oder ähnlich "brotloses" studieren. Das rechtswissenschaftliche Studium sei doch darauf ausgelegt, zukünftige Richter auszubilden. Die müssen lernen, wie man das Gesetz richtig auslegt und entscheiden, wer nun Recht hat. Doch wäre es nicht besser, wenn sich ein Richter mal mit der Frage nach Gerechtigkeit auseinander gesetzt hätte, um auch zu wissen, dass es die vielleicht gar nicht gibt? Oder welche sozialen Folgen ein Urteil hat? Jedes Urteil entscheidet mehr oder weniger über das Schicksal von Menschen. Vielleicht kommt man dabei zu dem Schluss, dass der Richter diese Fragen gar nicht braucht. Doch dann müsste man die Frage stellen, wieso Juristen eigentlich an der Universität ausgebildet werden, wenn damit doch ein ziemlich konkretes Berufsbild angepeilt wird. Dafür gibt es Ausbildungen, welche genauso anspruchsvoll und herausfordernd sein können!

Gehört dann die Juristerei eigentlich an die Universität? Einfach ausgedrückt betreibt eine Universität ja Wissenschaft. So stellt sie die Frage "Ist die Rechtswissenschaft eine Wissenschaft?" Allein die Frage zu stellen, ob die Rechtswissenschaft eine Wissenschaft sei, gleicht für manche schon der "Ketzerei". Ich habe zwar die Vorlesung "Wissenschaftstheorie" besucht (nicht Teil des Jurastudiums), doch wäre es anmaßend zu behaupten, ich wüsste nun was Wissenschaft ist. Einen Aspekt empfand ich allerdings als sehr wichtig. Nämlich, dass nicht allein der Gegenstand des Faches es zur Wissenschaft macht, sondern die Methodik und Ansprüche die daran gestellt werden. Die Physik zum Beispiel ist nicht allein schon deshalb eine Wissenschaft, weil sie die Erforschung und Erfassung von Naturvorgängen zum Gegenstand hat. Somit muss auch die Rechtswissenschaft den Anspruch an sich selbst haben, Wissenschaft zu sein. Das heißt für mich, etwas immer wieder zu reflektieren und sich zu fragen "Genügt das dem wissenschaftlichen Anspruch?" Die Wissenschaft hat eine zu hohe Verantwortung in unserer Gesellschaft, um diese Frage einfach im Raum stehen zu lassen. Somit müssten die größten Kritiker eines Fachs die Fachexperten selbst sein, oder nicht? Doch dies ist kein Anspruch des Jurastudiums, es gab Fragen, die stellte man nicht. Weil sie nicht examensrelevant waren oder weil man es eh nicht ändern könne, oder weil die Gesetze einfach so sind. Doch endet die Rechtswissenschaft am geltenden Gesetz?