Von der Leyen bat ihre Hochschule um Überprüfung ihrer Arbeit. © Kay Nietfeld/dpa

Erst Verteidigungsminister Guttenberg, dann die Europa-Parlamentarierin Silvana Koch-Mehrin, jüngst Bundesbildungsministerin Annette Schavan und zudem noch eine ganze Handvoll weiterer Promis: Immer wieder sind in den vergangenen Jahren Politiker über Sünden in ihrer Doktorarbeit gestolpert. Stets dabei waren die Plagiatsfahnder vom VroniPlag Wiki. Jetzt haben sie sich die 25 Jahre alte medizinische Dissertation von Bundesministerin Ursula von der Leyen vorgenommen. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Warum jetzt?

Gerüchte über eine bevorstehende Veröffentlichung gab es schon seit Monaten. Natürlich wird jetzt spekuliert, ob politische Interessen die Arbeit in den Fokus gerückt haben. Eigentlich wollten die Plagiatsjäger von VroniPlag auch nicht mehr ausschließlich Politiker in den Mittelpunkt stellen. Deshalb ist dieses Mal von großer Begeisterung über die Veröffentlichung wenig zu spüren: "Ja, in der Anfangsphase unseres Wikis war das anders", sagt Gerhard Dannemann, im Hauptberuf Rechtsprofessor an der Berliner Humboldt-Universität, ZEIT ONLINE. "Damals wurden bevorzugt Politiker herausgesucht."

Jetzt sei das anders. Nun gehen die Hobby-Prüfer in die Breite und nehmen auch Arbeiten ohne spektakuläre Verfassernamen in den Blick. Denn politische Skandalgeschichten allein gefährden den Seriösitätsanspruch von VroniPlag. Trotzdem hat jemand aus dem Intelligenzschwarm um das Wiki die Dissertation von der Leyens herausgepickt und auf den gemeinsamen Prüfstand gestellt. Den Fall nun "nicht öffentlich zu machen", so Dannemann, "hätte bedeutet, Politiker jetzt zu bevorzugen".

Dissertation - Plagiatsvorwürfe gegen von der Leyen Der Juraprofessor Gerhard Dannemann von der Humboldt Universität hält das Plagiat von Verteidigungsministerin von der Leyen für einen "mittelschweren" Fall. Von der Leyen weist die Vorwürfe zurück.

Wie schwer ist der Fall?

VroniPlag versucht sich deshalb auch in Zurückhaltung. Mithin spricht Dannemann von einem "eher mittelschweren als schweren Fall". Unfug, sagt dazu Dannemanns Münchener Fachkollege und Plagiatsexperte Volker Rieble. Es gebe zwar eine Bagatellgrenze, jedoch jenseits davon keine mildernden Bewertungen. Demgegenüber möchte Dannemann  klarstellen: "Mittelschwer" beziehe sich auf den statistischen Vergleich mit rund 80 medizinischen Qualifikationsschriften, die VroniPlag mittlerweile einem Plagiatsverdacht ausgesetzt hat. Mitunter ist da eine ganze Arbeit dabei, die zur Hälfte aus Wikipedia-Artikeln kopiert ist, ohne dass die Prüfer das im Promotionsverfahren bemerkt hatten. Gleichwohl erscheint dem Rechtsprofessor die Rücknahme des Doktorgrades in allen diesen Fällen gerechtfertigt, wiewohl längst nicht alle medizinischen Fachbereiche dem Votum gefolgt sind.

Natürlich lassen sich die notorisch schmalen medizinischen Doktorarbeiten kaum mit denen aus philosophischen oder juristischen Fachbereichen vergleichen, weder dem Umfang noch dem wissenschaftlichen Ertrag nach. So war Guttenbergs Buch 475 Seiten stark, von der Leyen publizierte rund 70. Bei Guttenberg weist mehr als die Hälfte der Seiten Plagiate auf, bei Schavan sind davon ganze Kapitel auf rund 100 von gut 300 Seiten bestimmt. Im Falle von der Leyen sind VroniPlag aber lediglich drei Seiten am Stück aufgefallen, kleinteilig zerstreut sind weitere Zitierfehler über knapp die Hälfte aller Seiten, insgesamt rund zehn Prozent des Gesamttextes. Nach der bisherigen Rechtsprechung ist auch diesmal zu entscheiden, ob die Abschreibereien wirklich einem "werkprägenden" Strickmuster folgen, also "sich der Täuschungsvorsatz aus der Quantität und Qualität der objektiven Verstöße gegen die Standards guter wissenschaftlicher Praxis herleiten lässt". Dazu bedarf es aufwändiger Untersuchungen, wie sie der Gutachter Stefan Rohrbacher im Falle Schavan anstellte; und dazu braucht es oft noch exzellenten juristischen Beistand vor Gericht. Sonst muss eine auch noch so schlechte Dissertation den Doktorhut nicht unbedingt gefährden. Für Qualitätsunterschiede gibt es die Noten.

Wie geht der Fall weiter?

Seit vorigem Wochenende mag der Fall von der Leyen ein öffentlicher Erregungstatbestand sein, ein Rechtstatbestand ist er noch lange nicht. Heute hat die Leitung der Medizinischen Hochschule Hannover eine förmliche Untersuchung eingeleitet. "Die Entscheidung einer Hauptprüfung lässt keinen Rückschluss auf das Ergebnis zu", heißt es vorsorglich in einer Pressemitteilung. An dieser Stelle ist nur ein unmaßgebliches Wettangebot möglich: Wetten, dass die Ministerin Doktor bleibt, wie zuletzt auch Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert, Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller und Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier, trotz aller einzelnen Beanstandungen?

Wie erging es anderen Spitzenpolitikern? Wischen Sie sich durch die wichtigsten Infos:

Maurizio Gambarini/dpa
Guttenberg und seine Nachfolger

Guttenberg und seine Nachfolger

Hat von der Leyen plagiiert? Der Vorwurf traf schon einige andere Minister. Die einen mussten gehen, andere sind vergessen.

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zu Guttenberg am 16. Februar 2011

zu Guttenberg am 16. Februar 2011

Ein Jura-Professor hatte erste Zitierfehler veröffentlicht.

"Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus."

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Abschlussbericht der Kommission der Uni Bayreuth

"Herr Frhr. zu Guttenberg hat die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht."

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Immer noch Herr Doktor: Zitierfehler und handwerkliche Schwächen fand die Uni Gießen. Aber weder eine Täuschungsabsicht noch wissenschaftliches Fehlverhalten.

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Dr. Transparenz: Nachdem ein Blogger Vorwürfe veröffentlicht, stellt Lammert seine Dissertation ins Netz. Die Uni Bochum stellt das Verfahren ein. Handwerkliche Fehler: Ja. Wissenschaftliches Fehlverhalten: Nein.

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