Wie lässt sich ein Flüchtlingscamp am besten organisieren? © Philipp Guelland/Getty Images

Immer wieder bin ich in Flüchtlingsunterkünften und sehe, wie sich das Personal und die ehrenamtlichen Helfer überfordert und die Flüchtlinge sich allein gelassen und vernachlässigt fühlen. Dieses Thema treibt unsere Gesellschaft derzeit mit am meisten um. Wissenschaftler könnten eigentlich einiges dazu beisteuern, um solche Probleme zu lösen. Leider bringen sie ihre Erkenntnisse wenig in aktuelle Debatten ein.

Was sagt zum Beispiel mein Fachgebiet, die Managementforschung, zur Organisation eines Flüchtlingscamps? Wie kann die Politikwissenschaft helfen, dort aktive Partizipation der Flüchtlinge zu ermöglichen? Welche Erkenntnisse der Sozialforschung können den Austausch mit der Nachbarschaft von Flüchtlingseinrichtungen verbessern? Wie nutzen wir die Kommunikationswissenschaften, um Informationen für Flüchtlinge verständlicher zu machen? Die meisten Forscher schweigen dazu im öffentlichen Diskurs.

Erstaunlich selten beteiligen sich Wissenschaftler überhaupt an gesellschaftlichen Debatten. Dieses Schweigegelübde haben wir uns teilweise selbst auferlegt. Einige Professoren haben mich als Jungwissenschaftler davor gewarnt, mich allzu sehr in der Gesellschaft zu betätigen und so zu versuchen, die Gesellschaft direkt mitzuprägen. Das könne ich mir eines Tages eventuell leisten, wenn ich Vollprofessor sei. Bis dahin solle ich besser publizieren, publizieren, publizieren. Forschen, nicht handeln.

Viele Doktoranden, die ich treffe, haben die großen Probleme unserer Zeit im Blick, die sie angehen wollen: Armutsbekämpfung, Chancengleichheit, ökologische Nachhaltigkeit. Am Anfang vieler wissenschaftlicher Karrieren steht der Plan, der Gesellschaft zu dienen, ihr Gutes zu tun – so auch bei mir. Forschen als Mittel zum gesellschaftlichen Zweck. Im Laufe der Zeit ist davon oft nicht mehr viel übrig. Die forschungsbasierte Verbesserung eines Flüchtlingscamps zum Beispiel fällt nicht ins Gewicht bei der Bewertung der akademischen Leistung oder in Berufungskommissionen, obgleich doch eine solche wissenschaftliche Transferleistung sehr wünschenswert sein sollte.

Dabei stammt das Wort Professor vom lateinischen profiteri, was unter anderem so viel bedeutet wie öffentlich erklären. Eine Bedeutung, die im englischen Verb to profess– übersetzt bekennen oder bekunden – noch erhalten geblieben ist. In diesem Verständnis hat die Professur einen starken Öffentlichkeitsbezug. Warum also schweigen Wissenschaftler?

1. Wir schweigen, weil wir nicht anders können.

Damit wir Wissenschaftler am gesellschaftlichen Diskurs teilhaben und unsere Forschung nach außen tragen können, müssen wir lernen, die Sprache der Öffentlichkeit zu sprechen und ihre Kanäle zu bedienen. Denn akademische Arbeit muss für die Öffentlichkeit übersetzt und transferiert werden.

2. Wir schweigen, weil wir nicht anders wollen.

Fundierte Forschung ist langwierig und langwährend. Nicht jeder Kollege möchte sich deshalb schnelllebigen Debatten hingeben oder außerhalb des geregelten akademischen Diskurses treten und so die Schlussfolgerungen aus der eigenen Arbeit ein Stück weit aus der Hand geben und verwundbarer machen.

3. Wir schweigen, weil wir nicht anders dürfen.

Unsere akademische Leistung wird am Forschungsoutput gemessen. Nur so sind wir Wissenschaftler untereinander vergleichbar, bewertbar. Treten wir aus dieser Sphäre heraus und engagieren uns beispielsweise in öffentlichen Debatten, so wird das nicht gewertet und ist damit unproduktiv. Mitunter sogar kontraproduktiv, da außerakademisches Engagement scheinbar falsche Signale sendet: Da konzentriert sich jemand nicht ausschließlich auf die Forschung. Aktivitäten außerhalb der unmittelbaren akademischen Welt gelten deshalb vielen als falsche Priorisierung. Praktisches Wirken beschmutzt die Finger des Forschers.

Wir müssen unser Schweigegelübde brechen

Ich glaube an die Wichtigkeit von Grundlagenforschung. Ich glaube daran, dass wir uns mit Themen befassen müssen, welche die Gesellschaft nur vielleicht und erst in der Zukunft bewegen. Der Elfenbeinturm hat auch etwas Gutes: Er bietet Distanz und Zeit für Tiefe, Reflexion und akademischen Austausch. Forschungsfreiheit ist ein hohes Gut. Wichtig aber ist auch der Austausch mit der Gesellschaft, er macht Forschung oftmals relevant. Im Elfenbeinturm zu verweilen ist gut, darin zu versauern nicht.

Forschen und Handeln sind im besten Fall komplementär. So hat mein Forschungsprojekt zum Wissenstransfer von Unternehmertum an der Universität Oxford mich dazu gebracht, ein Netzwerk zu gründen, das soziales Unternehmertum unterstützt und das ich nun wiederum nutze, um in einem neuen Forschungsprojekt dessen institutionelle Hindernisse zu erforschen. Ähnlich könnten wissenschaftliche Erkenntnisse Flüchtlingscamps verbessern und dieser Praxisbezug zugleich neue wissenschaftliche Einsichten bringen.

Wir müssen unser Schweigegelübde brechen. Die Gesellschaft braucht vermehrt Wissenschaftler, die sich in die öffentlichen Debatten einmischen und ihr Fachwissen in die Gesellschaft vielfältig hineintragen und so einen forschungsbasierten Diskurs ermutigen und ermöglichen. Ein Wirken mit und in die Gesellschaft sollte Teil unserer Profession sein.