Hausarbeiten vs. Klausuren vs. Hörspiel. Wie lernen Studenten tatsächlich etwas in Prüfungen? Ein Student und ein Dozent erklären, warum sie nichts von Klausuren halten.

"Ich bin eine Hausarbeiten-Produktionsmaschine", schrieb unsere Autorin Susan Djahangard. Hier erklären nun zwei Leser – ein Student und ein Dozent –, warum sie Klausuren für problematischer halten. 

Der Dozent:

Sind Hausarbeiten eine schlechte Prüfungsform? Susan Djahangard hat sich vor Kurzem "frustiert" über diese ihr ungeliebte Art der Prüfung geäußert. Sie würde stattdessen lieber Hörspiele als Prüfung abgeben. Soziologie-Studierende in Bielefeld kennen das mit den Hausarbeiten. Wer dort im Master studiert, kann Prüfungen ebenfalls nur in Form von schriftlichen Arbeiten erbringen – und daran trage ich eine Mitschuld.


Als Ende 2010 eine Arbeitsgruppe zur Neukonzeption des Masterstudiengangs Soziologie gebildet wurde, war ich als studentischer Vertreter dabei. Neben einer grundlegenden Überarbeitung des Studiengangs hin zu mehr Wahlfreiheit und geringerer Arbeitsbelastung für die Studierenden war unter anderem eins immer wieder Thema: die Prüfungsform. Es herrschte relativ große Einigkeit darüber, dass ein primäres Ziel des Masterstudiums die wissenschaftliche Ausbildung der Studierenden ist.


In der Wissenschaft wiederum sind vorrangig zwei Dinge wichtig: Bücher und Aufsätze. Das Hauptgeschäft der Wissenschaft ist das Publizieren von Erkenntnissen – und eben diese Fähigkeit, nämlich das Abfassen von Publikationen, muss man als Wissenschaftler erlernen. Das Buchschreiben erbringt man traditionell in Kurzform, nämlich als Abschlussarbeit. Das Schreiben von Aufsätzen erlernt man durch das Schreiben von Hausarbeiten.
 Entsprechend wurde in der damaligen Arbeitsgruppe beschlossen, dass Prüfungen zukünftig nur noch zwei Formen annehmen: Hausarbeiten und sogenannte Lehrforschungsberichte, die so etwas wie Hausarbeiten mit eigenem Forschungsanteil sind.

Ich war, wie die meisten in der Arbeitsgruppe, dafür. Seither gilt: Wer in Bielefeld im Soziologie-Master studiert, kommt nur mit Hausarbeiten und Lehrforschungsberichten durch die Prüfungen. Ich habe das mit verursacht und stehe nach wie vor dahinter.


Mittlerweile bin ich kein Student mehr und nicht mehr in Bielefeld. Stattdessen habe ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter nun selbst als Lehrender Studierende zu betreuen. Für diese gilt, was Frau Djahangard sich in ihrem Artikel gewünscht hat, nämlich, dass auch andere Prüfungsformen möglich sind. Und so war ich in den letzten Monaten schließlich zum ersten Mal als Lehrperson daran beteiligt, den Studierenden eine Klausur zuzumuten.

Nur noch Klausurrelevantes

Was soll ich sagen: Der Effekt ist furchtbar.
 Konfrontiert mit einer Klausur sind etliche Studierende (verständlicherweise!) nur noch damit beschäftigt, "Klausurrelavantes" zu lernen. Sie schreiben in den Seminaren nur mit, was der Dozent als klausurrelevant angibt. Sie versuchen, dem Dozenten mögliche Klausurfragen zu entlocken. Und sie beschweren sich, wenn man als Dozent fünf Minuten damit verbringt, ein Thema tiefer gehend zu erläutern, das nicht klausurrelevant ist. "Ist das klausurrelevant? Warum besprechen wir das dann?", war die tatsächliche Reaktion eines Studierenden.

Das Ganze ist aber verständlich: Warum sollte sich ein Studierender noch intensiv mit einem Thema befassen, wenn er mit einer Klausur konfrontiert ist? Es bringt ihm ja nichts.
 Wer dagegen Hörspiele aufnimmt oder Videos dreht, der mag sich vielleicht intensiv mit einem Thema befasst haben. Allerdings wird man so sicherlich nicht zum Wissenschaftler. Eventmanagement, Plakatgestaltung und Hörspielaufnahmen sind nun einmal nicht die zentralen Anforderungen, mit denen ein Wissenschaftler konfrontiert ist. Ein Wissenschaftler muss Aufsätze schreiben. Insofern überrascht es mich, wenn Studierende überrascht sind, wenn das wissenschaftliche Studium, das sie sich ausgesucht haben, nun ja, wissenschaftlich ist.


Michael Grothe-Hammer, M.A., hat Soziologie in Bielefeld studiert. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und der Freien Universität Berlin sowie Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam. In seinem Studium hat er insgesamt neun Hausarbeiten, zwei Lehrforschungsberichte und fünf Essays verfasst.