Vergangene Woche hatte unsere Autorin Susan Djahangard geschrieben: "Ich bin eine Hausarbeiten-Produktionsmaschine." Sie forderte, mehr alternative Prüfungsformen zuzulassen. Hier folgt nun die Antwort einer Leserin:

Warum ich dich liebe, Hausarbeit? Weil ich mit dir für einen Moment das Gefühl der großen Wissenschaft spüre.

Ich darf alte Werke wälzen, deren ehrwürdige Buchstaben sich abzulösen beginnen – schnell noch die Hand drunter halten! Darf sogar hinter manch gebundenem Buchrücken eine kleine zusammengefaltete Karte der Achämeniden-Wüste entfalten oder eine echte politische Meinung aufschreiben – von Carl von Clausewitz oder Kofi Annan – und sogar eine haben!

Bis dahin muss ich nur noch ein paar Hindernisse überwinden.

Die Bücher mit den weißen Streifen dürfen höchstens für eine Stunde entführt werden in die echte Welt der Wohnheime – sie sind der Präsenzbestand. Dürfen nur mal schnell kopiert werden in diesem Gerät, bei dem es jedes Mal mindestens drei Versuche braucht, um das richtige Passwort und den Benutzernamen aus Hieroglyphen einzugeben, weil das moderne Touchpad leider nicht funktioniert.

Natürlich stehen im ersten Stock vier Scanner für die mehreren Tausend Studenten zur Verfügung. Manchmal geht einer. Nach mehreren Stunden in der Warteschlange und stoisch umblätternder Pose habe ich meine zwei Handbücher und vier Artikel abgelichtet, penibel darauf achtend, dass kein Fingerchen mit draufliegt – denn sonst kommt die Fehlermeldung.

Wenn ich dich ausdrucken möchte, liebe Hausarbeit, ist dies nur zu schaffen, wenn das Druckerguthaben aufgeladen ist, mit einem kleinen Coupon, den ich in der Cafeteria erstehe, der nur mit einer Karte gekauft werden kann, deren Wert an einem hübschen Automaten aufzuladen ist, bar versteht sich, in Scheinen, die aber nicht geknickt, eingerissen oder von der neuen Noten-Generation sein dürfen.

Wenn der Drucker dann nicht defekt ist, nur noch den Code auf der Internetseite eingeben, bloß den Bindestrich nicht vergessen. Dann geht es, aber nur, wenn ich einen Platz im Cip-Pool ergattern konnte, der bei den meisten Gelegenheiten für Kurse reserviert ist.

Liebe Hausarbeit, nachdem ich dich ausgedruckt habe, finde ich dich süß. Du wirkst so wichtig und steckst voller akademischer Schwere mit deinen bleiernen Fußnoten, dabei liest dich doch gar keiner, merkst du das denn nicht? In jedem Kurs kann ich lernen, dass nur Stümper einen Aufsatz zur Gänze lesen! "Auf Lücke" lautet die Devise, "Querlesen". Also plustre dich nicht so auf mit deinem Hauptteil, der so viele Stunden und manches verzweifelte Angstnagen im Nacken gekostet hat.

Du bist eine schlechte Kopie, ein abgeklatschtes Produkt aus Schneeballsystem und beflissenem Runtersabbern der ganz Großen, die seit bald einem Jahrhundert nur noch Adorno und Max Weber heißen. Aber ich liebe dich trotzdem, mein kleines, rührend unbedeutsames Wissenschaftsprodukt.

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