Engagier Dich mal!, sagt der Vater. Er fälschte seinen Schein, stürmte Vorlesungen und taufte sein Meerschweinchen Rosa Luxemburg. Unsere Leserin fühlt sich spießig.

"Sag mal, wie aktiv sind eigentlich die politischen Gruppen bei Dir an der Uni? Willst Du da nicht mal mitmachen?" Diese immer gleiche Debatte führe ich in regelmäßigen Abständen mit meinem Vater. Vielleicht, weil er so vergesslich ist, vielleicht, weil er meine Antwort nicht wahrhaben will.

Meine Eltern haben während der Studentenrevolution 1968 studiert, mein Vater hat regelmäßig Vorlesungen gestürmt, Das Kapital gelesen und die WG-eigenen Meerschweinchen Zhou Enlai und Rosa Luxemburg genannt. Es ist tatsächlich ganz so, wie Kraftklub es besingt: "Unsre Eltern kiffen mehr als wir, wie soll man rebellieren? Egal wo wir hinkommen, unsre Eltern war'n schon eher hier. Wir sind geboren im falschen Jahrzehnt. Und wir sitzen am Feuer, hören zu, was die Alten erzählen." Zumindest haben meine Eltern sicher mehr gekifft als ich, und es fühlt sich so an, als hätten sie mehr erlebt und verändert, als ich es je können werde.

Wenn mein Vater von "früher" erzählt, sehe ich unweigerlich einen sepia getünchten Film vor meinem inneren Auge ablaufen. Mein Vater, wie er durch Irland trampt, mein Vater, wie er im Chaos der Studentenbewegung seinen Statistik-Schein selbst ausfüllt. Er hat sich eine 1,0 gegeben, dabei macht ihm selbst einfacher Dreisatz Probleme. Ich hätte es genauso gemacht wie er.

Ich komme nicht umhin, mir in solchen Situationen vorzuwerfen, so ein Risiko nie ausgelebt zu haben. Ich bin behütet aufgewachsen, auf dem Dorf. Ich habe immer für Klausuren gelernt, mal mehr, mal weniger, und noch nie alleine eine Reise angetreten. Mal abgesehen davon, dass ich heute trampend nicht mal bis zur nächsten Tankstelle kommen würde. Hat sich an meiner Generation etwas geändert, oder warum fühle ich mich manchmal so spießig? Und, viel wichtiger, ist das dann ein Problem?

Mein Vater freut sich immer, wenn ich mal auf einer Demo bin. Ich glaube, er würde gerne sehen, wie ich sein Studentenleben fortführe, und selbst dieses anstrengende Amt der Revolte abgeben. Ich kann mir schon vorstellen, dass es frustrierend ist, wenn meine Generation nicht mitmachen will.

Vor Kurzem war mein Vater sehr aufgeregt, weil in unserem Dorf eine Demo stattfand. Ein Pegida-Substrat hatte sich zum Protest angemeldet und eine Gegendemo wurde ins Leben gerufen. Danach fragte ich meinen Vater, wie es gelaufen war, er hatte sich schließlich so gefreut, dass mal was los ist. Er berichtete, dass es leider geregnet habe, da habe er nicht bis zur Abschlusskundgebung dabeibleiben wollen.

Bei solchen Anekdoten verschwindet dann der Sepiafilm in meinem Kopf.

Mein Vater hat in seiner Jugend oft mit seinen Eltern gestritten. Die Beziehung war konfliktreich, geprägt von Enttäuschungen und dem Vorwurf, mein Vater solle mal die elterlichen Erwartungen erfüllen und was Ordentliches machen. Ich bin sehr dankbar, dass ich solche Konflikte nie ausfechten musste. Soll ich meinem Vater also jetzt ernsthaft vorwerfen, mich nie schlecht genug behandelt zu haben, um mich zur Rebellion zu treiben? Wohl kaum. Aber in gewisser Weise erfülle auch ich bestimmte Erwartungen nicht. Ich bin einfach keine ordentliche Studentin der 68er.