Patzer ohne Absicht, sagt die Medizinische Hochschule. Die Entscheidung pro Ursula von der Leyen ist nicht überraschend, vertretbar wäre aber auch eine andere gewesen.

Patzer können jedem unterlaufen, auch Frau von der Leyen. Und wenn diese unabsichtlich passieren, kann man dem Pechvogel natürlich keinen strafwürdigen Vorwurf machen. Das ist die Logik hinter der Kurzformel "Fehler, aber kein Fehlverhalten", mit der die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) der Verteidigungsministerin ihren vor einem Vierteljahrhundert erworbenen Titel Dr. med. belässt. Im Muster der ganzen Dissertation zeigen sich angeblich "keine Anhaltspunkte für eine bewusste Täuschung", so Hochschulpräsident Christopher Baum. In den früheren Plagiatsfällen Guttenberg (2011) und Schavan (2013) hatten die Unis Bayreuth und Düsseldorf den umgekehrten Eindruck gewonnen und deshalb den Dr. entzogen.

Ist die Entscheidung richtig?

Die nachträgliche Überprüfung und Rücknahme des Doktortitels ist immer eine Ermessensentscheidung des jeweiligen Fachbereichs. Sie muss keineswegs die einzig Richtige, sondern nicht mehr und nicht weniger als "vertretbar" sein. Mit dem Entscheidungskriterium der Täuschungsabsicht folgt die MHH der üblichen Rechtsprechung. So ist ihr Votum keine wirkliche Überraschung. Gleichwohl kritisiert die MHH "die Übernahme fremder Textpassagen, ohne die Originalautoren korrekt zu zitieren" – nach der Dokumentation von VroniPlag Wiki auf fast der Hälfte der 62 Seiten starken Dissertation.

Vor diesem Hintergrund wäre auch eine andere Entscheidung durchaus "vertretbar" gewesen. So lässt sich etwa den Schriften des Bonner Rechtsprofessors und Plagiatsexperten Klaus Ferdinand Gärditz entnehmen, dass nicht nur eine klar beabsichtige Täuschung zum Titelverlust führen kann, sondern schon bedenkenlose billigend in Kauf genommene Schlamperei beim Zitieren ("bedingter Vorsatz"). Sein Münchener Amtskollege Volker Rieble bringt zudem das Argument ins Spiel, dass schon das bloße "Erwirken" des akademischen Grades mit einer plagiierten Arbeit zur Aberkennung führen könne – unabhängig von der Frage nach den Motiven des Plagiators. Der MHH-Präsident stellt jetzt in Aussicht, die Entscheidung seiner Uni noch näher zu "begründen" – "in einem Schreiben an Frau Dr. von der Leyen", auf das auch die juristische Fachöffentlichkeit und das allgemeine Publikum gespannt sein darf.

Verlieren die Plagiatsjäger ihre Glaubwürdigkeit

Nein. Mit der Hannoveraner Entscheidung pro von der Leyen sind die Plagiatsforscher um das VroniPlag Wiki in ihrer Glaubwürdigkeit überhaupt nicht widerlegt. Auch die Medizinische Hochschule Hannover hat offensichtlich mehrere Textpassagen entdeckt, die ohne Kennzeichnung übernommen wurden.

Mit den Sanktionen haben die Plagiatsjäger dann nichts mehr zu tun. Es ist vielmehr eine Sache, im Sinne der wissenschaftlichen Klarheit und Wahrheit Plagiate aufzudecken – und eine ganz andere Sache, Plagiatoren deswegen durch eine förmliche Ermahnung, Rüge oder gar den Titelentzug in ihrer sozialen Geltung und außerwissenschaftlichen Karriere zu erniedrigen. Dazu bemerkte der Rechtsprofessor Paul Laband schon vor mehr als hundert Jahren: "Die Verleihung eines Titels hebt den dadurch Ausgezeichneten bei weitem nicht in dem Grade, wie ihn die Entziehung herabsetzt." Guttenberg, Schavan und andere "Sünder" bekamen das zu spüren. 

Mit von der Leyen den nächsten Promi bloßzustellen, wurde deshalb unter den Mitarbeitern von VroniPlag Wiki zunächst sogar kontrovers diskutiert. Für einen ihrer bekannten Sprecher, Gerhard Dannemann, handelte es sich im Vergleich zu anderen medizinischen Dissertation um einen "mittelschweren Fall", nicht ganz außerhalb der in der Medizin zumal vor 25 Jahren üblichen Promotionspraxis. Andererseits wollte und konnte man darüber nicht wider besseres Wissen schweigen, so Insider, um nicht selbst in einen Verdacht falscher Rücksichtnahme zu geraten.

Kommen Plagiatoren also künftig davon?

Erst acht Jahre nach von der Leyens Promotion wurden für alle Hochschulen in Deutschland verbindliche Empfehlungen zu guter wissenschaftlicher Praxis eingeführt (1998). Diese gelten seither für jeden Doktoranden. Textklau steht dabei ganz oben auf der Tabuliste. Viele Forschungsinstitute bieten inzwischen auch eigene Kurse zum "wissenschaftlichen Schreiben an – sie scheinen gerade für Mediziner besonders nützlich, die meist zum letzten Mal im Abituraufsatz einen zusammenhängenden Text verfasst haben. 

Verblüffend ist aber die Argumentation der Medizinischen Hochschule in Hannover, die von der Leyen zugute hält, dass "handwerkliche Fehler sich im Wesentlichen auf den Einleitungsteil der Arbeit" beschränken. Demgegenüber wurden "im zentralen Ergebnisteil der Dissertation", also bei den hard facts der Untersuchung, "keine Mängel festgestellt". Ob diese Unterscheidung und dieses Verständnis von Wissenschaft wirklich dem Kampf gegen das Plagiatsunwesen dient, darf bezweifelt werden.