Doppeljahrgänge Es wird eng an den Unis
In den nächsten Jahren werden durch die verkürzte Schulzeit doppelte Abiturjahrgänge an die Hochschulen strömen. Worauf sich Studenten einstellen müssen und wie sie damit am besten umgehen.
"Hamburg freut sich doppelt", steht auf dem Linienbus, der am Gymnasium von Janina und Yasmin vorbeifährt. Der Satz spielt auf den doppelten Abiturjahrgang an, der in diesem Jahr in Hamburg die Schulen verlässt. Janina, 19, und ihre Schwester Yasmin, 17, gehören dazu. Beide werden zusammen Abi machen. Den Spruch finden sie ziemlich daneben. "Was ist schon toll daran, wenn die doppelte Menge von Menschen an die Unis drängt?", fragt Yasmin.
Tatsächlich wird es für Janina, Yasmin und alle anderen eng werden, und das auf Jahre hinaus. 2011 entlassen Bayern und Niedersachsen doppelte Jahrgänge, 2012 folgen Berlin, Brandenburg, Baden-Württemberg und Bremen, 2013 Hessen und Nordrhein-Westfalen und 2016 ist Schleswig-Holstein dran. Für den gesamten Zeitraum bis 2020 rechnet die Kultusministerkonferenz mit mehr als 1.100.000 zusätzlichen Studienberechtigten. Besonders hoch ist der Studentenberg zwischen 2011 und 2013, wenn mehr als hunderttausend zusätzliche Abiturienten aus den großen Flächenländern starten.
Zwar hatten die Bundesländer im Hochschulpakt vereinbart, zwischen 2011 und 2015 rund 275.000 neue Plätze für Studienanfänger zu schaffen. Experten halten das allerdings für viel zu wenig. "Wir brauchen mindestens 450.000 zusätzliche Plätze", sagt Dieter Dohmen vom Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie. In den zulassungsbeschränkten Fächern würden die NCs mit großer Sicherheit ansteigen, prophezeit Christian Berthold vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE).
Was kann man als Abiturient in dieser Lage tun? Zunächst einmal: die Nerven behalten. Nicht überall wird es gleich schwierig werden. Kleinere, weniger bekannte Fächer versprechen ebenso bessere Chancen wie Hochschulen in unbekannteren Städten. Zudem wollen viele Abiturienten einen Studienplatz in der Nähe ihres Elternhauses. Wenn also in einem Bundesland Doppeljahrgänge anstehen und man bereit ist, weiter weg zu ziehen, ist man im Vorteil.
Vor allem der Blick nach Osten lohnt: Anders als im Westen geht die Zahl der Abiturienten wegen des Geburtenknicks nach der Wende dort gerade zurück, und viele Studienplätze bleiben unbesetzt. Ostdeutsche Hochschulen bieten oft eine gute Betreuung und moderne Gebäude, außerdem sind die Lebenshaltungskosten niedriger als im Westen. "Es wird nicht jeder das Fach seiner Wahl am Ort seiner Wahl studieren können. Trotzdem sollten sich Abiturienten nicht von einem Studium abschrecken lassen", sagt Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz.
Beate Ebbinghaus, Expertin für Akademische Berufe bei der Arbeitsagentur, empfiehlt, Zulassungskriterien und Studieninhalte zu vergleichen: "Manchmal ist es einfacher, in VWL oder Holzwirtschaft hineinzukommen, als in BWL. Vielleicht gefällt einem das sogar besser. Und falls nicht, kann man sich Studienleistungen anrechnen lassen und später versuchen zu wechseln." Auch das Ausland ist eine Alternative. Schon jetzt lernen in Österreich rund 18.000 deutsche Studenten. Besonders beliebt sind die Niederlande, wo 2009 bereits 22.500 Deutsche studierten.
Janina und Yasmin wollen sich nicht stressen lassen. Janina hat sich erst einmal für ein freiwilliges soziales Jahr in Togo beworben und Yasmin zieht es nach Frankreich. "Wir wollen mal raus, was anderes sehen, uns engagieren", sagt Janina. Das ist ein Satz, den Beate Ebbinghaus häufig hört. Viele Abiturienten tauchen erst mal ab. Andere wollen zunächst eine Ausbildung beginnen. Doch dem Problem entgehen sie so nicht.
Bund und Länder haben sich vorgenommen, die Hochschulen für den Ansturm fit zu machen, und Geld bereitgestellt. Ob dies allerdings rechtzeitig so ausgegeben wird, dass die Studienbedingungen sich nicht verschlechtern, ist fraglich. "Die Hochschulen kämpfen mit Planungsschwierigkeiten", sagt Christian Berthold vom CHE. "Außerdem gibt es bei manchen die Neigung, den Ansturm als kurzfristiges Phänomen zu betrachten, das man aussitzen kann". Manche Unileitung plagt auch die Sorge, langfristig betrachtet Überkapazitäten aufzubauen. Er hätte gerne neue Professoren berufen, sagt Erich Barke, der Präsident der Leibniz-Universität Hannover. "Aber wie soll ich jemanden auf Lebenszeit einstellen, wenn ich keine Planungssicherheit habe?"
Ein kleiner Trost bleibt angesichts dieser Lage all jenen Abiturienten, die einen Platz in einem zulassungsbeschränkten Studiengang haben. Weil hier von vornherein nicht alle reinkommen, kann es auch nicht viel voller werden als zuvor.
- Datum 05.05.2010 - 11:47 Uhr
- Quelle ZEIT Studienführer 2010
- Kommentare 12
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Auf Politiker die allenfalls bis zur nächsten Wahl blicken.
Plötzlich haben wir doppelt so viele Studienanfänger, plötzlich haben wir einen Lehrermangel, plötzlich ein Problem in der Rentenkasse, plötzlich ein Loch im Haushalt.
Alles verursacht durch Meteoriteneinschlag, leider in keinster Weise vorhersehbar.
Die Uni soll ein Ort der Bildung sein....kein Kindergarten! Mit 17 zur Uni? Leider sind dafür die meisten noch nicht reif! Erschreckend musste ich dies auch schon Anfang dieses Semesters feststellen, als die Horden entlang der Gängen schlendern und lauthals sich darüber unterhalten "wie cool doch, das Saufen im Park gestern war", oder "wie süüüüüüüüss doch die Jungs im Seminar sind" (meist ältere Semester) und anfangen zu kichern.Zugegeben, das mag ech auch in den oberen Jahrgängen geben..... und nein, ich bin keine Langzeitstudentin
Sie müssen ja nicht mehr in die Uni. Wenn man bedenkt, dass die den Unis kaum Gelder geben für erweiternde Maßnahmen, um Professorenstellen gepockert werden muss und auch sonst kein Geld da ist, müssen Vorlesungen bald in Festzelten und der Dortmunder Westfalenhalle stattfinden. Aber die Bildungsminister, zumeist nur Lehrer, also keine Ahnung von Planung und strategischen Denken, brauchen ja selber dies nicht mehr durch zu machen. Wenn sie denn mal Kinder haben, dann haben die entweder damit nichts zu tun, weil sie im Ausland studieren oder ihre Kinder studieren schon oder sind noch nicht dran mit dem Abitur. Wenn einer von den Ministern etwas Ahnung von Bildungssytemen hätte, dann könnte man die Massen jetzt gut ,,Verarbeiten" in den Unis.
Jobs gibts ohnehin von Jahr zu Jahr weniger. Selbst wenn die Wirtschaft "wächst", die Möglichkeit der Teilhabe sinkt, die Löhne sinken.
Also vielleicht besser eine Ausbildung zum Kleinunternehmer im Bereich erneuerbare Energien oder Ökolandbau (oder einer Kombination) anstreben um damit genug zu produzieren um sich selbst und die Familie versorgen zu können und geringe Überschüsse zu erwirtschaften um sich das leisten zu können was selbst nicht hergestellt werden kann.
Was braucht es denn schon viel für ein erfülltes Leben - vorausgesetzt man schafft es den Einfluss von Marketing auf die eigenen Ansichten und Bedürfnisse von den realen Bedürfnissen zu trennen?
Der Rat doch erstmal etwas ähnliches zu studieren und dann ggf. das Fach zu wechseln, klingt für diejenigen Studenten die auf BaFög angewiesen sind ganz schön zynisch.
Wollte damit nicht die Lehrer allgemein verunglimpfen. Man hat aber das gefühl bei den Politikern, dass sie nicht mehr wissen, was in den Schulen und Universitäten so läuft. Sie benehmen sich so als wüssten sie es, da sie ja den Lehrberuf erlernt haben, aber nie wirklich in diesen Leben mehr stecken. Defacto haben sie den Anschluss an die Bildungsfront verloren und spielen lieber mit ihren Ideen rum. Man kann den Bildungshaushalt nicht deckeln wie ein Ministergehalt. Dieser Bildungshaushalt unterliegt den Marktspezifischen Instrumenten und alles wird teurer, auch die Bildung.
...können hoffentlich deutsche Sätze fehlerlos und verständlich schreiben...
Meinen Sie denn jetzt die Lehrer oder die Politiker?
...können hoffentlich deutsche Sätze fehlerlos und verständlich schreiben...
Meinen Sie denn jetzt die Lehrer oder die Politiker?
es ist armselig in einem Land zu leben, dass nicht genug Hochschulplätze den Abiturienten bieten kann. Hab mein Studium in Österreich abgeschlossen (2006-2010)und da wars denen schon zuviel an "Pifken" und es ist wirklich so--- wir kommen wie Piraten daher, rauben den Bildungsschatz und gehen danach wieder. Gut fühlt man sich da nicht an... Noch mehr Deutsche nach Wien?! Die werden sich bedanken :-)
Wer sich an Universitäten auskennt, weiss, dass man Kapazitäten nicht von heute auf morgen verdoppeln kann. Das gilt für Räume, Labor- oder Bibliotheksplätze und natürlich für die Professuren. Und woher sollte das Geld kommen, wenn ständig nur gespart wird?
Mich würden konkrete Modelle interessieren, wie mit dem Ansturm umgegangen werden soll.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren