Wer neu an die Uni kommt, muss sich erst einmal zurechtfinden. Oftmals ist das mühsam

Wer heute mit dem Studium beginnt, betritt eine Baustelle – vergleichbar einem großen, alten Haus, das von Grund auf saniert wird und auch zehn Jahre nach Beginn der Bauarbeiten noch lange nicht fertig ist. Der Sanierungsauftrag, das ist der Beschluss zur Bologna-Reform von 1999. Wie bei jedem Großprojekt ist der Weg von der Idee bis zur endgültigen Fertigstellung weit. Es gibt gelungene Ecken – zum Beispiel moderne Fahrstühle, wo man vorher zugige Treppenhäuser hochsteigen musste. Manche Etagen jedoch wurden lediglich neu gestrichen, obwohl ein neuer Grundriss nötig wäre. Einige Räume, die vorher warm und gemütlich waren, sind nun mit Technik so vollgestopft, dass sich keiner mehr wohlfühlt; und manch hübscher Erker musste zweckmäßigen Räumen weichen.

Wie auf dem Bau gibt es auch bei den Hochschulen viele Verantwortliche: die Politiker in Bund und Ländern, die Professoren, die Hochschulleitungen, die Verwaltungen. Und wie auf der Baustelle schiebt man sich gerne wechselseitig die Schuld für Probleme und Verzögerungen zu. Am Ende aber müssen die Mieter einziehen und mit dem leben, was sie vorfinden. 

Im Fall des Bologna-Hauses sind das die Studenten. Viele von ihnen sind ganz und gar nicht zufrieden. Sie starteten im vergangenen Jahr eine Protestwelle im ganzen Land, besetzten Hörsäle, belagerten Rektoren und zwangen sie an Runde Tische. Einiges wird sich nun ändern, aber nicht sofort und nicht überall. Was also kommt auf jene zu, die demnächst ein Studium anfangen? Mit welchen Missständen müssen sie klarkommen? Und was können sie dagegen tun?

Vor allem drei Probleme beklagen Studenten immer wieder: Erstens kritisieren sie den hohen Druck im Studium. Zweitens fühlen sie sich durch mangelnde Wahlfreiheit und Kontrollen eingeengt. Und drittens berichten sie über Schwierigkeiten, im Bachelor ins Ausland zu gehen.

Problem Nummer 1: Stress

Manche Studiengänge sind überfrachtet. Zu viel Stoff, zu viele Prüfungen und zuweilen eine strenge Anwesenheitspflicht setzen die Studenten unter Druck. »Wir haben bei uns im Bachelor in Chemie neun Prüfungen pro Semester, also insgesamt 54 benotete Prüfungen. Das ist Irrsinn, einfach nicht zu schaffen«, sagt der Bologna-Beauftragte der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) Oliver Jahraus. Dass viele Noten aus den einzelnen Semestern von Anfang an in die Endnote auf dem Bachelorzeugnis einfließen, erhöht den Druck zusätzlich.

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Viele Studenten frustriere die Erfahrung, vor lauter Stress nicht mehr zum Nachdenken zu kommen und keine eigenen Ideen entwickeln zu können, sagt Tobias Rossmann, der für die Studierendenvertretung der Berliner Humboldt-Universität jahrelang Bachelorstudenten beraten hat. In den Sozialwissenschaften etwa würden Hausarbeiten mit einem Umfang von 15 Seiten verlangt – dafür gebe es zwei Credit Points. »Aber in 60 Zeitstunden ist das nicht zu schaffen, wenn man einen gewissen Anspruch an sich selbst stellt«, sagt Rossmann. Also nähmen sich die Studenten mehr Zeit, und die fehle ihnen anderswo. Das böse Wort vom »Bulimie-Lernen« macht an deutschen Hochschulen die Runde: Man stopft Wissen in sich rein und spuckt es auf Kommando wieder aus – geistiger Nährwert gleich null.

Am meisten stresse ihn der unsichere Übergang zum Master, sagt Christoph Höland, der im sechsten Semester Arabistik und VWL an der Universität Göttingen studiert. Er spricht damit ein Problem an, das viele Studenten umtreibt: Weil sie Angst haben, sonst keinen Masterplatz zu bekommen, kämpfen sie permanent um gute Noten. Das Ganze sei nur zu schaffen, wenn man es pragmatisch angehe und »auswendig lernt, abschreibt oder sich sonst irgendwie durchmogelt«, sagt Höland. Zunehmend entschieden sich die Studenten für die anspruchlosesten Dozenten und das Modul mit der niedrigsten Prüfungslast, um die Arbeit überhaupt bewältigen zu können.