Studienanfang "An der Universität bluffen alle"
Die Uni schüchtert viele Studienanfänger ein. Wie sie ihre Scheu überwinden, sagt der Professor und Buchautor Wolf Wagner.
ZEIT Studienführer: Viele Erstsemester fühlen sich an der Uni eingeschüchtert. Woher kommt das?
Wolf Wagner: In den Seminaren wetteifern die Studenten um die Gunst der Profs und werfen mit tollen Zitaten und Gedanken um sich. Das haben sie von den Dozenten gelernt, weil auch die bluffen und geblufft werden wollen. Nur wer diese Kunst beherrscht, kommt weiter.
ZEIT Studienführer: Was meinen Sie mit bluffen? Hochstapeln?
Wagner: Nein. Ich meine damit, sich gut zu vermarkten, sich ein bisschen klüger zu geben, als man ist. Tragen Sie zum Beispiel Ihre Argumente zögerlich, in einem suchenden, leicht gelangweilten Ton vor, als ob Sie sie aus einer riesigen Wissensmenge zusammenstellen müssten. Bereiten Sie aus dem Text, der für die nächste Seminarsitzung aufgegeben ist, die schwierigste Stelle vor. Stellen Sie dann eine Frage wie "Ich habe das nicht genau verstanden – könnte es vielleicht sein, dass…" – und präsentieren Sie dann die richtige Antwort. Streuen Sie in Ihre Arbeiten exotische Fremdwörter und berühmte Namen ein. Drücken Sie sich kompliziert aus.
ZEIT Studienführer: Wie blufft man bei Hausarbeiten?
Wagner: Man sollte die wichtigsten Texte verstanden haben und deren Inhalt in eigenen Worten runterschreiben. Danach kann man den Text aufmotzen: schöne Zitate suchen; die Literaturliste aufblasen mit Büchern, von denen man nur die Zusammenfassung gelesen hat; Fremdwörter verwenden. Und nicht zuletzt den eigenen Professor zitieren, um ihn zu bauchpinseln. Hausarbeiten aus dem Netz zu kopieren bringt dagegen nichts – Plagiate enttarnen die Dozenten mittlerweile leicht.
ZEIT Studienführer: Aber ich studiere doch nicht, um vor den Profs eine Show abzuziehen, sondern damit sie mir etwas beibringen.
Wolf Wagner, 65, will mit seinem Buch "Uni-Angst und Uni-Bluff" Studenten helfen, sich an der Hochschule zurechtzufinden. Zuletzt lehrte er Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Erfurt.
Wagner: Ja, und Sie können an der Uni auch viel lernen. Aber täuschen Sie sich nicht. Auch den Professoren geht es vor allem um ihr Ansehen. Für ihre Karriere müssen sie ihre Fachkollegen beeindrucken, nicht ihren Studenten helfen.
ZEIT Studienführer: Man muss sich im Studium also ständig aufplustern?
Wagner: Keine Angst, das müssen Sie nicht. Aber Sie sollten den Mechanismus verstehen und einsetzen können, wenn es darauf ankommt – zum Beispiel in Prüfungen oder wenn Sie jemand per Bluff angreift. Wenn Sie das Spiel durchschauen, studieren Sie entspannter und können sich auf das konzentrieren, was ein Studium spannend macht: die unbefangene Neugier auf den Stoff, den Spaß daran, knifflige Probleme zu lösen.
Das Interview führte Thierry Backes
- Datum 21.05.2010 - 11:25 Uhr
- Quelle ZEIT Studienführer 2010
- Kommentare 41
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








"Für ihre Karriere müssen sie ihre Fachkollegen beeindrucken, nicht ihren Studenten helfen."
Es ist meiner Ansicht nach kein gutes Zeichen, wenn Studenten von Menschen unterrichtet werden, die "geblufft werden wollen" und mehr an einer steilen Karriere interessiert sind als daran ihr Wissen weiterzugeben. Für mich haben sie ihren Beruf verfehlt.
Im Übrigen halte ich Ehrlichkeit für eine Eigenschaft, die man in der Uni nicht abtrainieren sollte.
Volle Zustimmung zu Ihrem Kommentar.
Was ist das für eine ethisch äußerst fragwürdige Aufforderung zur Darstellung falscher Tatsachen. Diese Mentalität trägt in ihrer letzten Konsequenz zu den Krisen bei, die durch aufgeblasenes Nichts entstehen - und in der Wissenschaft zu sinnentleerten Forschungen, Aufsätzen und Berichten, die aber durch gute Lobbyarbeit aufgewertet werden.
Ich bin enttäuscht, dass Professoren dieses Spiel nicht nur dulden sondern auch fördern.
Es ist leider traurige Wahrheit, daß in Deutschland sich Engagement in der Lehre in keiner Weise für die Karriere eines Professors lohnt - alles, was zählt, sind Forschungsergebnisse, Publikationen, Drittmittel, und Mitgliedschaft in diversen Gremien. Solange die Lehre vom System selber als lästige Ablenkung von der Forschung betrachtet wird, wird die Lehre in Deutschland weiterhin miserabel sein.
Volle Zustimmung zu Ihrem Kommentar.
Was ist das für eine ethisch äußerst fragwürdige Aufforderung zur Darstellung falscher Tatsachen. Diese Mentalität trägt in ihrer letzten Konsequenz zu den Krisen bei, die durch aufgeblasenes Nichts entstehen - und in der Wissenschaft zu sinnentleerten Forschungen, Aufsätzen und Berichten, die aber durch gute Lobbyarbeit aufgewertet werden.
Ich bin enttäuscht, dass Professoren dieses Spiel nicht nur dulden sondern auch fördern.
Es ist leider traurige Wahrheit, daß in Deutschland sich Engagement in der Lehre in keiner Weise für die Karriere eines Professors lohnt - alles, was zählt, sind Forschungsergebnisse, Publikationen, Drittmittel, und Mitgliedschaft in diversen Gremien. Solange die Lehre vom System selber als lästige Ablenkung von der Forschung betrachtet wird, wird die Lehre in Deutschland weiterhin miserabel sein.
wenn ich in der Zeit die Reportagen aus der wundervollen Welt der akademischen Geisteswissenschaften lese (die ich als im klassischen Schwanitz´schen Sinne ungebildeter Naturwissenschaftler doch klammheimlich immer bewundert hatte). Ich kann mich gut erinnern, daß ich auch in den ersten Semestern ziemlich eingeschüchtert war. Aber nicht von den paraklugen Theaterspielen von Kommilitonen und Dozenten. Sondern vom Studienführer der Fachschaft, der eine solch unfaßbare Menge Stoff, Vorlesungen, Seminare, Laborpraktika, Kolloquien und Prüfungen enthielt, daß ich erst meinem Vordiplomszeugnis glauben konnte, daß ich es schaffen würde. Und das als Diplomstudent, dem die Prüfungsordnung tatsächlich noch Zeit zu lassen schien. Wie schlimm muß es heute den Bologna-Chemikern ergehen, die noch ganz am Anfang stehen? Ich mag es mir nicht vorstellen.
so schlimm ergehts uns nicht, die chemie ist ja die selbe geblieben, ob nun bologna oder nicht ;)
so schlimm ergehts uns nicht, die chemie ist ja die selbe geblieben, ob nun bologna oder nicht ;)
so schlimm ergehts uns nicht, die chemie ist ja die selbe geblieben, ob nun bologna oder nicht ;)
aber d(Stoff)/dt^2 dürfte um einiges steiler sein? Ich wünsche dennoch viel Spaß und Erfolg in diesem hoffentlich immer noch spannenden Fach!
aber d(Stoff)/dt^2 dürfte um einiges steiler sein? Ich wünsche dennoch viel Spaß und Erfolg in diesem hoffentlich immer noch spannenden Fach!
Ich kann mich allerdings auch auf den Tisch stellen, die Backen auseinanderziehen und die heiße Luft hinten raus lassen.
Ende der sechziger als Assistent hatte ich die Aufgabe, mit einem Kollegen zusammen, die Veröffentlichung der dicken Habilationsschrift unseres Prof. vorzubereiten. Wir hatten u.a. die Fussnoten zu überprüfen. Mein Kollege, ein äusserst akribischer, stellte fest, die Fussnoten stimmten überwiegend NICHT.
Wurde eine gestrichen ? KEINE.
Es ist so veröffentlicht worden. Ein Erweckungserlebnis zum Thema Wissenschaftlichkeit des Arbeitens.
PS. Der Professor wurde hoch renommiert.
Einfach, weil es heutzutage überall darum geht, sich zu verkaufen, sich darzustellen. Viele meiner KommilitonInnen wollen nach eigener Aussage einfach nicht "als dumm" gelten, wenn sie etwas nicht verstehen und nachfragen; weder vor dem Prof/Dozenten, noch vor den anderen KommilitonInnen.
Ich denke es ist aber der falsche Ansatz zu glauben, man müsse als StudentIn schon alles wissen. Man geht doch zur Uni/FH um etwas zu lernen, nicht weil man schon alles weiß. Insofern braucht man absolut keine Scheu haben, andere (am besten den Prof/Dozenten) zu fragen. Auch gibt es - für die Schüchternern - häufig nach der Veranstaltung die Möglichkeit ein oder zwei Fragen an den Lehrerenden zu richten - so umgeht man vor allen fragen zu müssen.
Die KommilitonInnen, die nur eine Show abziehen um sich darzustellen erkennt man mit einiger Erfahrung jedoch relativ schnell. Nämlich daran, dass die Argumentation nicht zuende gedacht ist, Fremd- oder Fachwörter falsch eingesetzt werden, oder sie mit gegenläufiger Argumentation nichts anfangen, d.h. diese nicht umsetzen und verarbeiten, um angemessen erwiedern zu können.
Die Uni/FH ist auch nicht anders als der Schulhof, nur auf einem (vermeintlich) elitäreren Niveau....
Das betrifft übrigends alle Fächer -- nicht nur die Geisteswissenschaften.
Das betrifft übrigends alle Fächer -- nicht nur die Geisteswissenschaften.
Es verwundert mich nicht, dass viele Studenten bluffen. Sie haben in ihrer Schulzeit häufig erlebt, dass es keinesfalls um die richtige Antwort geht. Solange man die Lehrkraft einschätzen kann und versteht was diese/r hören möchte kann man sich mit sehr wenig Aufwand und Wissen bis hin zum Abitur schleichen.
Also warum soll man sich an der Uni/FH anders verhalten. Besonders wenn man im Hinterkopf behält, dass auch im Beruf häufig nicht ausschließlich nach Qualifikation entschieden wird. Bei gleicher bzw. leicht geringerer Qualifikation wird häufig derjenige eingestellt, der "am lautesten Schreit".
Die Studenten haben erst gelernt zu bluffen und dann denken sie sich: "Never touch a running system".
Ich teile Ihre Einschätzung. Allerdings trifft diese natürlich nur für einen Teil zu.
Wenn man nämlich den - für sich - richtigen Studiengang gefunden hat, sollte mMn. ab einem gewissen Punkt auch sowas wie Eingeninteresse an der Materie entstehen, d.h. man fängt an sich selbstständig mit den Inhalten auseinanderzusetzen, "selbst" zu denken, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.
Wer nicht auf der Suche ist, sammelt doch nur fragmentarisches Wissen, welches er - wie ein Automat - zum richtigen Zeitpunkt ausspucken kann. Einer umfassenden Bildung läuft dies jedoch zuwider, einem zusammenhängenden Verständnis sowieso.
Ich teile Ihre Einschätzung. Allerdings trifft diese natürlich nur für einen Teil zu.
Wenn man nämlich den - für sich - richtigen Studiengang gefunden hat, sollte mMn. ab einem gewissen Punkt auch sowas wie Eingeninteresse an der Materie entstehen, d.h. man fängt an sich selbstständig mit den Inhalten auseinanderzusetzen, "selbst" zu denken, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.
Wer nicht auf der Suche ist, sammelt doch nur fragmentarisches Wissen, welches er - wie ein Automat - zum richtigen Zeitpunkt ausspucken kann. Einer umfassenden Bildung läuft dies jedoch zuwider, einem zusammenhängenden Verständnis sowieso.
Ich teile Ihre Einschätzung. Allerdings trifft diese natürlich nur für einen Teil zu.
Wenn man nämlich den - für sich - richtigen Studiengang gefunden hat, sollte mMn. ab einem gewissen Punkt auch sowas wie Eingeninteresse an der Materie entstehen, d.h. man fängt an sich selbstständig mit den Inhalten auseinanderzusetzen, "selbst" zu denken, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.
Wer nicht auf der Suche ist, sammelt doch nur fragmentarisches Wissen, welches er - wie ein Automat - zum richtigen Zeitpunkt ausspucken kann. Einer umfassenden Bildung läuft dies jedoch zuwider, einem zusammenhängenden Verständnis sowieso.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren