Studie zu Hochschulabgängern"Die Chancen stehen gut"

Junge Akademiker sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Warum das so ist, erklärt der Studentenforscher Kolja Briedis. von Nadja Kirsten

ZEIT Studienführer: Herr Briedis, Sie erforschen beim Hochschul-Informations-System in Hannover den Berufsstart von Akademikern. Wie sieht es denn aus?

Kolja Briedis: Studieren lohnt sich, dieser Satz gilt nach wie vor. Wir haben kürzlich die Ergebnisse unserer letzten Absolventenbefragung hereinbekommen. Das war diesmal besonders interessant, weil die Absolventen mit ihren Bewerbungen mitten in die Wirtschaftskrise hineingeraten sind ...

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ZEIT Studienführer: ...und von ihr voll getroffen wurden.

Briedis: Nein. Sie hatten erstaunlich wenige Probleme mit dem Berufsstart, zumindest wenn man sie mit unserem letzten Erhebungsjahrgang, den Absolventen von 2005, vergleicht. Das gilt für viele Faktoren: Die Suchdauer war diesmal kürzer, die Arbeitslosigkeit niedriger, die Jobzufriedenheit höher. Und trotz Krise ist der Anteil der Absolventen, die nach Ende des Studiums noch Praktika machen, gesunken – auf etwa zehn Prozent.

ZEIT Studienführer: Wie erklären Sie sich die guten Nachrichten?

Der ZEIT Studienführer 2011

Der ZEIT Studienführer 2011  |  © ZEIT Studienführer

Briedis: Ich war ehrlich gesagt selbst überrascht, wie positiv die Zahlen sind. Offensichtlich haben die Unternehmen in der Krise bedacht, dass sie bei anziehender Konjunktur schnell ohne geeigneten Nachwuchs dastehen könnten, wenn sie zu drastisch kürzen. Viele scheinen den drohenden Fachkräftemangel schon im Hinterkopf zu haben. Günstig für künftige Absolventen wirkt sich auch aus, dass in den nächsten Jahren überdurchschnittlich viele Ältere in den Ruhestand gehen werden. Die Aussichten für all jene, die jetzt anfangen zu studieren, sind sehr erfreulich.

ZEIT Studienführer: Das gilt sicherlich für Ingenieure – aber gilt es auch für Germanisten? Die Zahlen aus Ihrer aktuellen Erhebung zeichnen da ein anderes Bild.

Briedis: In der Tat tun sich nicht nur Germanisten, sondern Geisteswissenschaftler allgemein beim Berufsstart schwerer. Wenn ein Geisteswissenschaftler ein Jahr nach dem Examen noch keine passende Stelle hat, ist das nichts Ungewöhnliches. Zum Beispiel jobben zehn Prozent der Germanisten zu diesem Zeitpunkt noch, nur ein Fünftel hat eine unbefristete Vollzeitstelle. Das ist aber meist kein Grund zur Sorge.

ZEIT Studienführer: Wie bitte? Das soll kein Grund zur Sorge sein?

Kolja Briedis
Kolja Briedis

Kolja Briedis forscht bei der HIS Hochschul-Informations-System GmbH über Absolventen und lebenslanges Lernen.

Briedis: Ja, denn mit der Zeit verbessern sich die Werte. Es handelt sich also um Startschwierigkeiten, mit denen Absolventen dieser Fächer mehr zu kämpfen haben als andere.

ZEIT Studienführer: Auch beim Gehalt sind Geisteswissenschaftler abgeschlagen. Ein Jahr nach Studienende verdienen Germanisten etwa halb so viel wie Mediziner!

Briedis: Das stimmt, und auch wenn das Gehalt im Laufe der Jahre steigt, bleibt der Abstand doch immer groß. Da darf man sich nichts vormachen.

ZEIT Studienführer: Dass Studieren sich lohnt, wie Sie sagen, gilt also nur für bestimmte Fächer?

Briedis: Entschuldigung, aber das ist Quatsch! Erstens wäre es dumm, den Wert des Studiums nur in Geld oder Berufsaussichten messen zu wollen. Gerade Geisteswissenschaftler schätzen am Studium, dass sie sich bilden und weiterentwickeln können, das wissen wir aus Befragungen. Und zweitens stehen sie ja gar nicht so schlecht da.

ZEIT Studienführer: Sie sagten doch gerade, die Geisteswissenschaftler hinken beim Gehalt hinterher?

Briedis: Ja, wenn man sie mit den größten Gewinnern am Arbeitsmarkt vergleicht. Aber man muss auch die absoluten Werte sehen. Zehn Jahre nach dem Abschluss verdient die Hälfte der Geisteswissenschaftler über 46.000 Euro im Jahr. Das ist doch nicht schlecht! Die Geisteswissenschaften sind keine brotlose Kunst und bringen auch nicht reihenweise Taxifahrer hervor, wie es das Klischee will.

ZEIT Studienführer: Trotzdem ist die Aussicht, mehr als ein Jahr nach der ersten Stelle zu suchen, ziemlich abschreckend.

Briedis: Das kann ich verstehen. Aber wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass der Hochschulabschluss allein einen erfolgreichen Berufsstart garantiert. Auch Akademiker müssen kämpfen, sich anpreisen, sind von der Konjunktur abhängig, aber auch von Zufall und Glück.

Leserkommentare
  1. wird hier in diesem Artikel den zukünftigen Akademikern verkauft.

    Eine Leserempfehlung
  2. Genau das, was hier gesagt wird, ist so wahr.
    Was nützt es einem einen Beruf nach Prognosen zu wählen?
    Selbst mit Studienfach Germanstik kann man sehr gut vorankommen wenn man genug Engagement und vor alle Dingen Freude an dem Fach hat. Für mich ist klar, dass es jeder schaffen kann, mit ein bisschen Geduld zwar aber ich bin mir sicher, dass man irgendwie immer irgendwo reinkommen kann.
    Eine Freundin von mir hat Germanistik studiert und arbeitet nun in einer sehr hohen Position beim ADAC.
    Super Interview, gute und interessante Fragen.

    2 Leserempfehlungen
  3. JUNGE Akademiker sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Wie jung genau? Ab Mitte 30 ist der Zug in Deutschland abgefahren, wenn man als Akademiker Berufsanfänger ist. Da bleibt nur noch die Freiberuflichkeit bzw. Selbständigkeit oder eine Anstellung im Ausland.

    Und wenn laut Herrn Briedis die Hälfte der Geisteswissenschaftler zehn Jahre nach ihrer Erstanstellung immer noch ein Jahreseinkommen von weniger als 50 000 € erwirtschaften, ist das sehr wohl recht mager. Ein Laborarzt an der Uni kommt nach nur 5 Jahren Berufstätigkeit auf ein Jahresgehalt von 270 000 € (Quelle: karriere.de). Der kann dann zum Geisteswissenschaftler doch nur noch sagen: Eure Armut kotzt mich an!

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    Es kommt doch nicht immer darauf an wieviel man verdient. Hauptsache ist, dass man sich wohlfühlt in seinem Job und er dabei einigermaßen gut bezahlt wird. Und keine Sau hat hier geschrieben, dass Geisteswissenschaftler 10 Jahre auf einen Anstellung warten müssen. Es gibt sogar immer mehr Unternehmen, die Geisteswissenschaftler einstellen und die sich dann mehr auf die Wirtschaftspsychologie beschäftigen und damit, dass es kommunikativ in dem Unternehmen stimmt..

    270.000 als Laborarzt an der Uniklinik?

    Ich kann Ihnen versichern dass das nie im Leben hinkommt. Quelle? Der Tarifvertrag für Ärzte an Universitätskliniken!

    Vielleicht kommt der Ärztliche Direktor einer großen Klinik auf so ein Jahresgehalt...

    • macey
    • 04. Mai 2011 12:31 Uhr

    Das Medizinstudium ist fast das einzige Studium, das sich finanziell wirklich lohnt! In diesem Bereich sollten viel mehr Studienplätze angeboten werden, stattdessen wenig aussichtsreiche Fächer gekürzt oder ganz wegfallen. Sehr wichtig ist es heute zudem, dass man eine Berufsausbildung wählt, die man gut im Ausland ausüben kann. Hundertausende von Hochschulabsolventen haben in den vergangenen Jahren Deutschland verlassen, weil es hierzulande kaum noch anständig bezahlte und sichere Jobs für Hochqualifizierte mehr gibt. Mit Germanistik, Soziologie oder ähnlichen Softfächern, vorzugsweise von Frauen studiert, kann man nicht einmal in die Schweiz oder nach Skandinavien flüchten, man bleibt häufig entweder arbeitslos oder kommt in Jobs unter, für die keine Studium notwendig ist. Viele Frauen mit wenig aussichtsreichen Fächern versacken zudem als Hausfrau und finden niemals mehr auf den Arbeitsmarkt zurück.

  4. Es kommt doch nicht immer darauf an wieviel man verdient. Hauptsache ist, dass man sich wohlfühlt in seinem Job und er dabei einigermaßen gut bezahlt wird. Und keine Sau hat hier geschrieben, dass Geisteswissenschaftler 10 Jahre auf einen Anstellung warten müssen. Es gibt sogar immer mehr Unternehmen, die Geisteswissenschaftler einstellen und die sich dann mehr auf die Wirtschaftspsychologie beschäftigen und damit, dass es kommunikativ in dem Unternehmen stimmt..

  5. Zitat: "Und keine Sau hat hier geschrieben, dass Geisteswissenschaftler 10 Jahre auf einen Anstellung warten müssen."

    Habe ich etwa irgendwo geschrieben, ein Geisteswissenschaftler müsse bis zu 10 Jahre auf eine Erstanstellung warten? Wie kommen Sie zu Ihrer Aussage?

  6. 270.000 als Laborarzt an der Uniklinik?

    Ich kann Ihnen versichern dass das nie im Leben hinkommt. Quelle? Der Tarifvertrag für Ärzte an Universitätskliniken!

    Vielleicht kommt der Ärztliche Direktor einer großen Klinik auf so ein Jahresgehalt...

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    Oh doch, das kommt hin. Laborärzte bei uns an der Uni Heidelberg verdienen über 20 000 € brutto monatlich. Die Verdienstgrenzen für Chefärzte haben Sie ebenfalls zu niedrig gewählt: Klinikdirektoren verdienen inklusive Nebeneinkünfte völlig legal zwischen 500 000 und 5 000 000 € pro Jahr. Das ist die Realität.

    • macey
    • 04. Mai 2011 12:31 Uhr

    Das Medizinstudium ist fast das einzige Studium, das sich finanziell wirklich lohnt! In diesem Bereich sollten viel mehr Studienplätze angeboten werden, stattdessen wenig aussichtsreiche Fächer gekürzt oder ganz wegfallen. Sehr wichtig ist es heute zudem, dass man eine Berufsausbildung wählt, die man gut im Ausland ausüben kann. Hundertausende von Hochschulabsolventen haben in den vergangenen Jahren Deutschland verlassen, weil es hierzulande kaum noch anständig bezahlte und sichere Jobs für Hochqualifizierte mehr gibt. Mit Germanistik, Soziologie oder ähnlichen Softfächern, vorzugsweise von Frauen studiert, kann man nicht einmal in die Schweiz oder nach Skandinavien flüchten, man bleibt häufig entweder arbeitslos oder kommt in Jobs unter, für die keine Studium notwendig ist. Viele Frauen mit wenig aussichtsreichen Fächern versacken zudem als Hausfrau und finden niemals mehr auf den Arbeitsmarkt zurück.

  7. oder Ingenieurwissenschaften - würde mir mittlerweile genauso viel Spaß machen, und würde mehr Geld bringen...

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    • macey
    • 04. Mai 2011 12:51 Uhr

    Studieren macht doch eigentlich nur dann Spaß, wenn man weiß, dass man die theoretischen Kenntnisse in der Praxis anwenden kann und wenn das viele Lernen finanziell honoriert wird, das ist bei vielen Fächern an deutschen Universitäten leider nicht der Fall.
    Man sollte seine Zukunft nicht dem Glück und dem Zufall überlassen und bei der Berufswahl, bei der es schließlich um die Existenz geht, nicht zu risikofreudig sein. Außerdem ist es nicht angenehm, bei Unternehmen betteln zu gehen, damit man einen Job bekommt!
    Deshalb ist es wichtig, nur ein Fach zu studieren, das gute Jobschancen bietet. Wer sich als Arbeitnehmer anpreisen und vermarkten muss, der ist auf dem heutigen Arbeitsmarkt verloren! Die Not der Jobsuchenden wird von den Unternehmen meist schamlos ausgenutzt. Viele Akademiker landen bereits bei Zeitarbeitsfirmen und müssen zu Niedriglöhnen schuften.

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