StudiumWo ist mein Weg?

Warum die Entscheidung für ein Studienfach oft schwerfällt und wie man trotzdem locker bleibt. von Nadja Kirsten

Studienentscheidung

Was soll ich studieren? Mit der Entscheidung tun sich viele Schulabgänger schwer  |  © cydonna/photocase

Die Frage klingt harmlos, aber sie hat es in sich: »Und was willst du mal studieren?« »Das wüsste ich auch gerne« wäre oft die passendste Antwort. Eltern, Omas und Tanten mögen nerven. Aber noch nerviger als die freundlich-besorgten Erkundigungen ist das Gefühl, dass man selbst dringend eine Antwort, die Antwort haben will und sie nicht findet.

Spätestens nach dem Abi-Stress kommt der Entscheidungsstress. Und der wird anders als bei der Lernerei für den Abschluss nicht durch enge Vorgaben ausgelöst, sondern im Gegenteil dadurch, dass so wenig vorgegeben und so viel möglich ist. Freiheit kann anstrengend sein.

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In jeder Schule gibt es Abiturienten, für die das alles kein Problem ist. Die schon immer wussten, was sie mal machen wollen, oder es mit ein wenig Nachdenken herausgefunden haben. Wenn sie mit Schwierigkeiten kämpfen, dann mit der Frage, wie sie trotz Bewerberandrang ihren Wunschstudienplatz bekommen. Aber es gibt auch viele, die sich alles irgendwie und nichts richtig vorstellen können. Die Ideen springen dann hin und her: von Geschichte zu Jura, von da zu Internationaler BWL und dann wieder zur Kulturwissenschaft. Oder vielleicht doch lieber Lehrer werden?

Auf der Suche nach Klarheit surfen viele stundenlang im Internet. Doch wenn es schlecht läuft, wird der Kopf immer voller und die Unentschlossenheit nur noch größer. Dann die jähe Erleichterung: Das hier, dieser Studiengang, der klingt doch gut! Endlich ist etwas gefunden, endlich kann man sich selbst und anderen eine Antwort geben auf die Frage »Wie weiter?«. Ein schönes Gefühl! Aber schon am nächsten Tag kommen die Zweifel wieder.

Der ZEIT Studienführer 2011

Der ZEIT Studienführer 2011  |  © ZEIT Studienführer

Die Studienwahl ist für viele die erste wichtige Entscheidung, die sie selbst verantworten müssen. Sich damit zu plagen ist nichts Außergewöhnliches. Fach und Studienort zu wählen fällt oft gleich aus mehreren Gründen schwer. Die drei wichtigsten: Erstens erschwert die große Auswahl an Studiengängen die Entscheidung, zweitens schrecken viele vor Festlegungen und dem damit verbundenen Verzicht zurück, und drittens schwingt bei vielen Beschlüssen das Gefühl mit, sich für den Fall, dass man falsch liegen sollte, gleich die ganze Zukunft zu verbauen.

Wer studieren will, hat allein in Deutschland die Wahl zwischen mehr als 400 Hochschulen und Tausenden Studiengängen; darüber hinaus kann er ins Ausland gehen . Dass diese Fülle nicht nur Freude auslöst, ist völlig normal. Die Kapazitäten unseres Gehirns reichen bei Weitem nicht aus, um alle relevanten Informationen herauszufiltern und zu bewerten. Zu viel Auswahl, das wissen Wissenschaftler schon lange, überfordert uns und kann schlechte Gefühle auslösen. Oft sind Menschen zufriedener und tun sich mit der Entscheidung leichter, wenn sie weniger Optionen haben.

Hinzu kommt: Mit der Entscheidung für ein Studienfach ist immer ein Verzicht verbunden. Denn die Entscheidung für etwas ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen etwas anderes. Wer sich für Betriebswirtschaft einschreibt, wird kein Literaturwissenschaftler mehr werden und auch kein Ingenieur – jedenfalls ist die Wahrscheinlichkeit klein. Wer nach Berlin geht, wird nie wissen, wie es gewesen wäre, in München oder London mit dem Studium zu beginnen.

In wichtigen Entscheidungssituationen quält uns daher oft die Angst, etwas zu verpassen, was sich vielleicht als schöner, interessanter, spannender herausgestellt hätte. Mehr noch: Wir fürchten, uns darüber hinaus künftiger Möglichkeiten zu berauben und uns ein für alle Mal auf einen bestimmten Pfad zu begeben. Es ist wie bei Google Earth, wo man zunächst über dem Planeten schwebt, unter sich alle möglichen Ziele. Doch hat man erst eine Auswahl getroffen, verschwinden beim rasanten Sinkflug ganze Kontinente mit unerbittlicher Zwangsläufigkeit aus dem Blick, bis man nur noch ein paar Straßenzüge sehen kann. Die Situation nach dem Abi kann sich ähnlich anfühlen. Kein Wunder, dass mancher da lieber noch ein bisschen länger nachdenken will, bevor er einen Entschluss fasst.

Dass die Studienwahl oft schwerfällt, hat aber auch mit persönlichen und gesellschaftlichen Erwartungen zu tun. Das Studium soll schließlich nicht nur Spaß machen, sondern die Zukunft sichern. Die einen denken dabei an gutes Geld und an eine künftige Karriere, den anderen ist es wichtiger, später im Beruf spannende Aufgaben und nette Kollegen zu haben. Aber hier wie da soll die Entscheidung die spätere Zufriedenheit ermöglichen. Nicht selten kommen dabei große Worte wie »Glück« ins Spiel: »Du kannst studieren, was du willst, Hauptsache, du wirst glücklich damit«, sagen viele Eltern. Eigentlich wollen sie damit Druck von ihrem Sohn oder ihrer Tochter nehmen. Aber ein solcher Satz kann auch Druck erzeugen. Jeder ist seines Glückes Schmied, das bedeutet ja umgekehrt auch: Wenn du unglücklich wirst, bist du selbst schuld daran!

Leserkommentare
  1. ...ist auch mein Problem. Nachdem ich mich für einen Studiengang entschieden habe muss ich mich jetzt für einen Studienort entscheiden...und ich habe überhaupt keine Ahnung welche Aspekte (Lebenshaltungskosten, Reputation der Uni, Entfernung, Größe der Uni, Stadt, ...) ich wie gewichten soll...am Schluss wird wahrscheinlich eine Münze geworfen ;)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • pong89
    • 03. Mai 2011 12:06 Uhr

    all die Kriterien, die du aufzählst, sind wichtig. Aber mit Abstand am wichtigsten ist dein Bauchgefühl. Fahr in die Top 5 Städte deiner Wahl und sieh dich in den Innenstädten und auf dem Campus um. Wenn es dir dort gefällt, passt auch alles andere.
    Aus eigener Erfahrung ist die schönste Zeit des Studiums die Zeit, die man gemeinsam mit Freunden verbringt. Dafür ist es egal, ob du in München, Hamburg, Berlin oder in einer beliebigen 100.000-Einwohner Stadt studierst und dort ne gute Zeit verbringst.

    • pong89
    • 03. Mai 2011 12:06 Uhr

    all die Kriterien, die du aufzählst, sind wichtig. Aber mit Abstand am wichtigsten ist dein Bauchgefühl. Fahr in die Top 5 Städte deiner Wahl und sieh dich in den Innenstädten und auf dem Campus um. Wenn es dir dort gefällt, passt auch alles andere.
    Aus eigener Erfahrung ist die schönste Zeit des Studiums die Zeit, die man gemeinsam mit Freunden verbringt. Dafür ist es egal, ob du in München, Hamburg, Berlin oder in einer beliebigen 100.000-Einwohner Stadt studierst und dort ne gute Zeit verbringst.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Genau das..."
    • mikerg
    • 03. Mai 2011 13:38 Uhr

    Entfernt wegen Werbung. Die Redaktion/sh

  2. Während der Schulzeit befindent man sich in festen, vorgegebenen Strukturen. Danach ist die Freude vorerst groß über den erfolgreich bestandenen Abschluss, die Mehrheit weiß jedoch nicht wie es weitergehen soll. Der Anteil derjenigen, die vorgeben es bereits zu wissen, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollen, sind darüber enttäuscht, dass ihre berufliche Wahl nicht ihren Vorstellungen entspricht.
    Sich also durchbeißen und einfach weitermachen? Oder die Bremse ziehen und sich umorientieren in der Hoffnung man findet seinen richtigen Weg?

    • marv_k
    • 05. Mai 2011 17:38 Uhr

    Man muss sich auch die Frage stellen, obs einen nur um den Studiengang und/oder die tolle Uni/FH geht oder obs einem um das Leben "drumherum" geht. Berühmtes Beispiel ist ja Berlin, wo viele nur wegen dem drumherum hinziehen zum Studieren.

    Aber ja, so Faktoren wie Bauchgefühl sind in der Tat wichtig. Und mit den richtigen Menschen um sich herum kann man überall Spaß haben.

  3. kannst du es dir erlauben SO wählerisch zu sein?
    wer heute überhaupt einen platz bekommt kann sich glücklich schätzen. bedanken dafür können wir uns bei den doppeljahrgängen, dem wegfall der wehrplicht usw.
    ich selbst habe mich an 14 unis beworben und nur 2 zusagen bekommen - mit einem 1,8er abitur! da war die frage ob ich es dort schön finde oder nicht dann doch sehr zweitrangig..

    • maymay
    • 28. September 2011 12:18 Uhr

    ...an die Autorin. Sie hats es geschafft alle unterschiedlichen Gedanke und Gefuehle die man als Abiturient hat in den Text zu packen. Sehr schoen geschrieben mit gutem Schluss!

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  • Quelle Zeit Studienführer
  • Schlagworte Google | Gehirn | Jura | Lehrer | Studiengang | USA
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