Ein Gruppenarbeitsraum, wie es zig gibt an der Universität im niederländischen Maastricht : nüchterne graue Wände, eine Tafel, die Tische sind im Quadrat zusammengestellt. Heute sitzen hier Schüler statt Studenten, die acht Frauen und zwei Männer zwischen 17 und 21 wollen sich an diesem Schnuppertag ein Bild vom Psychologiestudium in Maastricht machen – auch Hanna Busch und drei andere Deutsche. Sie überlegen, es den knapp 21000 Deutschen gleichzutun, die aktuell in den Niederlanden studieren. "Verstaat iedereen genoeg Nederlands?", fragt Lianne Loosveld in die Runde. Die vier Deutschen schütteln den Kopf. "OK, let’s do it in English." An diesem Schnuppertag soll die Sprache kein Hindernis sein, heute sollen sich alle das Probleemgestuurd Onderwijs anschauen.

Problemorientiertes Lernen

Problemorientiertes Lernen (POL) ist Standard an niederländischen Hochschulen; in Deutschland ist es die Ausnahme. Der Fall heute: Zwei englische Kinder haben in den Neunzigern einen Zweijährigen erschlagen, nachdem sie einen Horrorfilm angeschaut hatten, in dem etwas ähnliches mit einer Puppe geschieht. Die Schüler sollen sich in die Rolle eines Gerichtsgutachters versetzen und beleuchten, ob und wie der Horrorfilm die Jungen beeinflusst hat. Psychologiestudenten hangeln sich jede Woche an einer solchen Aufgabe entlang, in sieben festgelegten Schritten.

Heute ist diese Woche auf einen Tag komprimiert, damit die Schüler die Methode kennenlernen: Sie haben Fachbegriffe geklärt und eine Fragestellung formuliert, als dritter Schritt folgt Brainstorming. Jeder darf alles sagen, was ihm zu dem Fall oder dem Thema einfällt. Ob das alles hundertprozentig korrekt ist, spielt erst einmal keine Rolle, wichtiger ist, anderen damit Ideen zu entlocken. Niemand braucht sich zu verstecken, das merken die Schüler schnell. Das Englisch der Holländer ist genauso wenig geschliffen wie das der Deutschen.

Die Ideen werden an der Tafel gesammelt, im vierten Schritt gebündelt, damit die Gruppe im fünften Schritt Rechercheaufträge formulieren kann. Droht die Diskussion abzugleiten oder ein Aspekt unter den Tisch zu fallen, gibt die Mentorin Lianne Loosveld einen Impuls in die richtige Richtung. Auch im Studium ist immer ein Mentor dabei, ein Dozent oder – wie Lianne Loosveld – ein Kommilitone aus einem höheren Semester. Die Studenten allerdings müssten sich jetzt eine Woche lang in der Bibliothek auf die Suche nach Literatur machen. Hanna Busch und die anderen bekommen heute Kopien von Fachartikeln. Bis zum Nachmittag sollen sie die Texte auf der Suche nach Antworten durcharbeiten.

Für Hanna Busch ist der Schnuppertag der zweite Termin in Maastricht. Die Essener Abiturientin hat sich bereits beim Tag der offenen Tür ein paar Wochen zuvor an der niederländischen Uni umgeschaut. "Ich habe durch Zufall von Psychologie hier gehört", sagt Hanna Busch. Sie ist wegen des POLs hier: "Mir liegt die Arbeit in kleinen Gruppen." Der 19-Jährigen graust beim Gedanken an anonyme Massen-Unis.

Gründliche Vorbereitung ist besonders wichtig, wenn Deutsche im Ausland studieren wollen. Sie müssen rechtzeitig mit der Planung beginnen und sich ein paar Gedanken mehr machen als Mitschüler, die im Inland bleiben, sagt Peter Stegelmann, der sich mit seiner Firma edu-con auf Auslandsstudienberatung spezialisiert hat. "Sie sollten spätestens ein Jahr vor dem Abi beginnen, sich zu informieren." Zunächst muss klar werden, wo sie ihren Studienwunsch im Ausland verwirklichen können und ob das Wunschland ihr Abitur anerkennt. In der Europäischen Union dürfen deutsche Abiturienten grundsätzlich überall studieren, mit Ländern außerhalb der EU gibt es entsprechende Abkommen, zum Beispiel mit den USA. Informationen darüber geben Botschaften und Konsulate oder der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) in seinen Länderporträts . Doch auch in der EU ist Vorsicht geboten: In den Niederlanden etwa muss man für einige Fächer ganz bestimmte Leistungskurse in der Oberstufe belegt haben – oder Vorsemester absolvieren. Darüber informieren die Hochschulen auf ihren Internetseiten.

Andere Länder, andere Hürden

In Deutschland war es zuletzt selbst mit einem Abi-Schnitt von 1,6 schwierig, einen Medizinstudienplatz zu ergattern. Auch in Zahnheilkunde, Veterinärmedizin, Pharmazie, Architektur und eben in Psychologie sind die Hürden hoch, und kein Mensch kann sagen, wie hoch sie in diesem Jahr ohne Wehrpflicht und angesichts doppelter Jahrgänge letztlich ausfallen werden. Knapp 103000 Deutsche haben dem neusten Destatis-Bericht des Statistischen Bundesamtes zufolge im Jahr 2008 im Ausland studiert. Eine ganze Reihe von ihnen dürfte der NC ins Exil gedrängt haben.