Studienbeginn : "Ich teste mich"

Mittlerweile sind zahlreiche Interessen- und Fähigkeitstests auf dem Markt, die unentschlossenen Studenten die Wahl erleichtern sollen. Unsere Autorin hat drei von ihnen ausprobiert.

Für mich ist die Studienwahl längst gelaufen, und eigentlich bin ich zufrieden. Trotzdem frage ich mich hin und wieder, ob ich nicht doch besser Ärztin oder Agrarökonomin hätte werden sollen, anstatt eine so brotlose Kunst wie Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren und wie Hunderte andere von einem Leben als Journalistin zu träumen. Dann wieder habe ich Ausbruchsfantasien: Wäre es nicht schöner, in Lappland Rentiere zu züchten, als sich allein zu Hause vier Wochen lang mit einer Hausarbeit abzuquälen oder in Uni-Seminaren den Selbstdarstellern beim Fremdwortpingpong zuzuhören?

Der ZEIT Studienführer 2011 © ZEIT Studienführer

So bin ich sofort neugierig, als die ZEIT Studienführer- Redaktion mich während meines Praktikums fragt, ob ich mich probeweise durch ein paar Studiertests klicken möchte. Vielleicht entdecke ich ja Fähigkeiten, die mir bis jetzt überhaupt nicht bewusst waren? Oder ich bin tatsächlich nicht fürs Studium, sondern für ein Aussteigerleben geeignet? Deshalb probiere ich es jetzt noch einmal aus: Ich unterziehe mich drei Studien- und Berufswahltests und sehe, was passiert.

Explorix

Explorix ist der kürzeste und unkomplizierteste Test. Er dauert zwanzig Minuten und lässt sich gut zwischen Abendbrot und Fernsehkrimi quetschen. Im Gegensatz zu den anderen Tests kommt er ohne Gehirnakrobatik und Knobelei aus. Ich soll lediglich Fragen aus vier Bereichen (Tätigkeiten, Fähigkeiten, Sympathien für Berufe und Selbsteinschätzung) mit »Gern« oder »Ungern«, »Ja« oder »Nein« beantworten: Wie sehr schätze ich den Beruf des Sanitärinstallateurs oder den des Schriftstellers? Es beschleicht mich der Verdacht, dass einfach meine Vorurteile abgefragt werden. Ich will aber doch aufgezeigt bekommen, was mir selbst noch verborgen ist!

Knapp 15 Euro muss ich nun per Kreditkarte bezahlen, um das Ergebnis zu erhalten. Es erscheint zunächst ein Diagramm mit einem Berg. Berg ist schon mal gut, denn die Neigungen bilden Gipfel und die Abneigungen Täler. Das beweist, ich habe ein eindeutiges Profil. Die Typeigenschaften »untersuchend-forschend« und »künstlerisch-kreativ« bilden den Gipfel, das technisch-handwerkliche Interesse ist das tiefste Tal. Ja, denke ich spontan, das passt: Ich bin tatsächlich neugierig, sensibel, eigensinnig und analysiere gern. Möglicherweise funktioniert das aber ähnlich wie beim Horoskop: Irgendeine der schmeichelhaften Voraussagen wird schon stimmen. Jetzt folgt eine ellenlange Liste mit mehr als 40 Studien- und Berufsvorschlägen. Auf den oberen Plätzen rangieren Romanistik, Germanistik, diverse Literaturwissenschaften und Psychologie, gefolgt von Parfümeurin und Biologin. Die ersten Plätze kommen meinem tatsächlichen Fach ziemlich nah, aber Parfümeurin? Andere Vorschläge sind Hochschullehrer oder Kinesiologin. Wikipedia hilft – Kinesiologie hat was mit Chiropraktik zu tun. Keine Ahnung, wie die darauf kommen. Trotz meiner technischen Aversion ist auch die physikalisch-technische Assistentin dabei. Vieles passt recht gut, aber die Fülle der Vorschläge und die Abwegigkeit einzelner Ideen lassen mich mit einem schwammigen Gefühl zurück.

Borakel

Anders als Explorix erfragt das Borakel der Uni Bochum die Vorlieben und Fähigkeiten nicht nur, sondern testet sie. Ich bin froh, mich vorher mit einem Liter Ginkgotee und Nussschokolade eingedeckt zu haben. Das hier kostet Zeit und Nerven. Das Borakel will von mir gefühlte fünfzig Mal die dritthöchste von sechs vierstelligen Zahlen wissen, in drei Sekunden. Kann ich nicht. Die blitzschnelle Kontrolle von sechs Feldern ist eine Überforderung für meine Augen. Auch der folgende Mathetest gereicht mir nicht zur Ehre. Bin ich denn wirklich so beschränkt im Kopf? Zum Glück ist die nächste Passage eher mein Ding. Jetzt geht es um sprachliches Abstraktionsvermögen. In eineinhalb Minuten soll ich möglichst viele Zubereitungsarten für Kartoffeln nennen: Von Kartoffelpüree über Rosmarinkartoffeln bis hin zum spanischen Kartoffelomelett purzeln die Ideen nur so in die Tastatur. 17 Antworten insgesamt!

Die folgende Persönlichkeitsbefragung ist fast schon Entspannung, bisweilen aber etwas merkwürdig: »Ich stehe häufig vor dem Spiegel und überlege, wie ich mein Outfit verbessern könnte« – was, bitte, hat das mit meiner Studienwahl zu tun? Egal. Nach zweieinhalb Stunden Test braucht der Computer zwei Minuten, und schon verrät er meine Zukunftschancen. Ebenso wenig wie sein berühmtes Vorbild in Delphi gibt das Borakel wirklich eindeutige Empfehlungen. Auf 36 Seiten werden die Testergebnisse detailliert aufgeschlüsselt, auf weiteren 22 Seiten die Top Five der passenden Studiengänge in Bochum angezeigt und außerdem, wie gut ich zu allen Studiengängen passe, die die Uni bietet.

Zu jedem Fach führt das Borakel zwei Balken auf: Der erste zeigt, ob ich die unverzichtbaren Fähigkeiten und Eigenschaften für den fraglichen Studiengang mitbringe, der zweite gibt dies für wünschenswerte Fähigkeiten an. Die Balken vor meinen Augen signalisieren Genauigkeit. Ich empfinde einen inneren Widerstand dagegen. Man kann doch nicht aufs Prozent genau angeben, ob ein Fach das Richtige für jemanden ist! Andererseits ist es toll, persönliche Ergebnisse zu allen Fächern zu erhalten. Ich komme ins Blättern und Nachdenken. Die höchste Passung habe ich zu Anglistik, gefolgt von Psychologie (schon wieder!), Kunstgeschichte und Slawistik.

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

wer solche Tests macht...

ist imho eher so planlos wie der Großteil seiner Generation nach dem Abschluss. Allerdings gab es mal Gerüchte, dass die Tests in den Arbeitsanstalten je nach Bedarf "nachjustiert" wurden.

Mit dem Explorix durfte ich mich selbst ausführlicher auseinandersetzen und zweifle nur etwas an der Zusammenstellung der Profile der Berufe: nämlich durch "Experten" der Arbeitsanstalten. Allerdings noch vertretbar und der Test ist dafür, dass er von sich selbst sagt, er will primär den Ausfüllenden Wahlmöglichkeiten ihrer Interessensgebiete aufzeigen (das Manual dazu umfasst eine riesige und zumindest im Vorhaben regelmäßig aktualisierte Liste von Berufen), find ich ihn - gerade im Vergleich mit älteren Werkzeugen zur Berufswahl - sehr gelungen, gerade wenn man vom Hauptschulabschluss bis Abitur jede Möglichkeit abdecken möchte. Weiterhin beinhaltet der Test auch die Empfehlung, mit dem Tester (der idR Ahnung haben sollte) die Berufsbilder und das eigene Profil genauer zu besprechen, was bei der Onlineversion nur sehr eingeschränkt geschehen kann.

Ohne mich!

Ich habe selbst ein, zwei Tests gemacht und ebenfalls Ergebnisse vor die Füße geworfen bekommen, die auch ungefähr meinen tatsächlichen Studienwünschen schmeichelten. Aber eben nur ungefähr! Ich lasse mein Leben nicht von Diagrammen und Statistiken bestimmen, dafür hasse ich Mathe und liebe Cicero und Seneca viel zu sehr!

Self-fulfilling prophecy

Ich bin mir nicht sicher, inwieweit solche Online-Tests tatsächlich bei der Studien- resp. Berufswahl weiterhelfen. Vielmehr bin ich überzeugt, (auch und vor allem nachdem ich selbst solche Tests bestritten habe) dass es sich bei diesen Tests nicht um einen allgemeinen Finder von geeigneten Berufs- und Studienfeldern handelt, sondern vielmehr einem Vorfühlen dient, ob der angestrebte Studien- und Berufswunsch, den man hegt, sich durch einen solchen FähigkeitenTest erhärten lässt. Dafür sind solche Tests dienlich; selbstverständlich stürzt sich eine Literaturwissenschaftlerin wie Judith Blage (oder jmd, der einer werden will) auf den sprachlch-kreativen Teil des Tests und ist eher nachlässig nach gefühlten 389 Zahlen- und Dreiecksreihen. Und selbstverständlich wäre es bei Max Mustermann genau andersherum, wenn er Informatik studiert. Das ist ja nicht schlimm. Doch wer zwischen Pädagogik, Mathedidaktik und Veterinärmedizin schwankt (überspitzt ausgedrückt), wird solchen Tests wohl nicht den nötigen wegweisenden Gehalt abringen können.