Zielstrebig läuft Christin Gerber, 24, auf das Bücherregal mit der Signatur XNB zu. Gerade kommt sie von ihrem Praktikum in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik. In der Bibliothek der Ruhr-Uni Bochum will sie nun noch ein paar Fachbücher holen, bevor sie zu ihrem Studentenjob muss. Es ist Freitagnachmittag, die Bibliothek leert sich schon, nur bei den Medizinern sind viele Tische noch besetzt. Christin fühlt sich wohl hier. Als sie anfing, war das ganz anders. Die Uni hat es ihr zuerst nicht leicht gemacht.

Christin Gerbers Vater ist Maurer, die Mutter Sozialversicherungsfachangestellte. Die Eltern leben getrennt, beide sind seit vielen Jahren arbeitslos. Christin ist die Erste in ihrer Familie, die studiert. Damit gehört sie zu einer Minderheit, denn an deutschen Hochschulen lernen nach wie vor überwiegend Kinder aus Akademikerfamilien. Nur ein gutes Viertel der Studenten haben Eltern, deren höchster beruflicher Abschluss eine Lehre ist, ermittelte eine Studie des Deutschen Studentenwerkes. Und wer von ihnen doch studiert, wählt selten Medizin.

Christin aber will Ärztin werden, seit Langem schon. Als kleines Kind sagt sie zu ihrem Opa: "Ich möchte mal Krankenschwester sein." Er antwortet: "Da musst du so vielen Leuten den Hintern abwischen. Werd lieber Ärztin."

In der elften Klasse macht sie ein Praktikum in einem Krankenhaus. Sie wischt Urin auf, sieht Blut, und es macht ihr nichts aus. Sie mag es, Menschen zu helfen. Das Pflegen liegt ihr – und ist ihr nicht genug. Die Diagnose, das letzte Wort, kommt von den Ärzten. Das will sie auch.

In den folgenden zwei Jahren besorgt sie sich jede Uni-Broschüre, die sie bekommen kann. Sie wird zur Expertin für Medizinstudienplätze. Der Beratungslehrer an ihrer Schule empfiehlt ein Ingenieurstudium, die Mutter rät zu einer Ausbildung. Aber Christin bleibt hartnäckig. Weil sie weiß, dass sie für Medizin ein gutes Abitur braucht, gibt sie Schülervertretung und Theater-AG auf, schafft eine 1,7 – und bekommt einen Studienplatz an der Uni Bochum.

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Doch als ihr Traum wahr wird, beginnen auch die Probleme. Christin erinnert sich noch gut an das Gefühl, nicht hineinzupassen in diese neue Welt. Den anderen scheint alles viel leichter zu fallen. Sie lernt, wann immer sie kann, und trotzdem reicht es nicht. Als Einzige aus der Clique, mit der sie immer zusammensitzt, besteht sie zwei von sechs Klausuren nicht. Sie, die zielstrebige Schülerin mit dem Einser-Abi, hat plötzlich das Gefühl, für die anderen "die Dumme" zu sein. Gesagt hat das niemand, aber auf einmal hört ihr keiner mehr zu, wenn sie einen Vorschlag macht. Und dann ist da diese fürsorgliche Art, mit der sich die anderen nach ihren Noten erkundigen. "Ich war die Außenseiterin", erinnert sie sich. In der Biochemieklausur sitzt sie vor ihrem Aufgabenblatt und kann sich nicht konzentrieren, weil sie ständig denken muss: "Wenn du jetzt durchfällst, schaffst du es nicht mehr in der Regelstudienzeit, dann kriegst du kein Bafög mehr und musst das Studium abbrechen."

Als das Semester vorbei ist, vergräbt sie sich mit einem Stapel Romane in ihrem alten Kinderzimmer. Ihre Sorgen behält sie für sich. Ihre Schulfreundinnen machen eine Ausbildung oder ein Freiwilliges Soziales Jahr, ihre Mutter will vom Medizinstudium nichts hören. Blut erträgt sie schon im Fernsehen nicht.

Aber aufgeben kommt für Christin nicht infrage, also sucht sie Hilfe und geht zur Studienberatung. Der Berater fragt: "Haben Sie schon einmal dran gedacht, dass Ihre Probleme damit zusammenhängen könnten, dass Sie als Erste in Ihrer Familie studieren? Dass Sie keinen Ansprechpartner haben?" Christin wird klar, dass er recht hat.

In der Campus-Zeitung ihrer Universität liest sie kurz darauf zufällig einen Artikel über die Initiative ArbeiterKind.de, die Studenten ohne akademischen Hintergrund betreut. Sie trifft sich mit einer Mentorin. Die beiden reden zwei Stunden lang. Nach und nach versteht Christin: Sie ist nicht die Einzige, die eine Klausur mal nicht schafft. Auch andere fallen ab und zu durch, nur wird nicht so viel darüber gesprochen. Es ist auch normal, dass man nicht jeden Tag von morgens bis abends lernen kann. Langsam begreift sie: "Der ganze Druck, den ich gefühlt habe, der kam von mir selbst."

Als das zweite Semester beginnt, wählt sie bewusst Kurse, in denen sie noch niemanden kennt, setzt sich zu anderen Studenten und findet richtige Freunde, einfach so.

Inzwischen ist Christin Gerber im achten Semester und betreut selbst als Mentorin bei ArbeiterKind.de Schüler und Studenten. Sie macht ihnen Mut, auch mit ihrem eigenen Beispiel, denn viele ihrer ursprünglichen Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. "Ich hatte mir zum Beispiel viele Gedanken ums Geld gemacht. Aber mit Bafög und meinem Nebenjob komme ich gut zurecht", sagt sie.

Mittlerweile findet sie, dass es sogar Vorteile hat, als Erste aus der Familie zu studieren. Da ist keine Mutter, die erwartet, dass man dasselbe studiert wie sie. Kein Vater, der jede Note kommentiert. Christin ist weit gekommen. Das Physikum, die bei Medizinern gefürchtete Zwischenprüfung, liegt hinter ihr. Im letzten Semester hat sie in zwei Wochen elf Klausuren geschrieben – und alle bestanden. Ihrem Ziel, Ärztin zu werden, ist sie ganz nah.