StudierenDie Uni-Pionierin

Die meisten deutschen Studenten stammen noch immer aus Akademikerfamilien. Wer als Arbeiterkind an die Uni geht, betritt unbekanntes Terrain. Das kann anfangs hart sein. von Friederike Lübke

Zielstrebig läuft Christin Gerber, 24, auf das Bücherregal mit der Signatur XNB zu. Gerade kommt sie von ihrem Praktikum in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik. In der Bibliothek der Ruhr-Uni Bochum will sie nun noch ein paar Fachbücher holen, bevor sie zu ihrem Studentenjob muss. Es ist Freitagnachmittag, die Bibliothek leert sich schon, nur bei den Medizinern sind viele Tische noch besetzt. Christin fühlt sich wohl hier. Als sie anfing, war das ganz anders. Die Uni hat es ihr zuerst nicht leicht gemacht.

Christin Gerbers Vater ist Maurer, die Mutter Sozialversicherungsfachangestellte. Die Eltern leben getrennt, beide sind seit vielen Jahren arbeitslos. Christin ist die Erste in ihrer Familie, die studiert. Damit gehört sie zu einer Minderheit, denn an deutschen Hochschulen lernen nach wie vor überwiegend Kinder aus Akademikerfamilien. Nur ein gutes Viertel der Studenten haben Eltern, deren höchster beruflicher Abschluss eine Lehre ist, ermittelte eine Studie des Deutschen Studentenwerkes. Und wer von ihnen doch studiert, wählt selten Medizin.

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Christin aber will Ärztin werden, seit Langem schon. Als kleines Kind sagt sie zu ihrem Opa: "Ich möchte mal Krankenschwester sein." Er antwortet: "Da musst du so vielen Leuten den Hintern abwischen. Werd lieber Ärztin."

In der elften Klasse macht sie ein Praktikum in einem Krankenhaus. Sie wischt Urin auf, sieht Blut, und es macht ihr nichts aus. Sie mag es, Menschen zu helfen. Das Pflegen liegt ihr – und ist ihr nicht genug. Die Diagnose, das letzte Wort, kommt von den Ärzten. Das will sie auch.

In den folgenden zwei Jahren besorgt sie sich jede Uni-Broschüre, die sie bekommen kann. Sie wird zur Expertin für Medizinstudienplätze. Der Beratungslehrer an ihrer Schule empfiehlt ein Ingenieurstudium, die Mutter rät zu einer Ausbildung. Aber Christin bleibt hartnäckig. Weil sie weiß, dass sie für Medizin ein gutes Abitur braucht, gibt sie Schülervertretung und Theater-AG auf, schafft eine 1,7 – und bekommt einen Studienplatz an der Uni Bochum.

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Doch als ihr Traum wahr wird, beginnen auch die Probleme. Christin erinnert sich noch gut an das Gefühl, nicht hineinzupassen in diese neue Welt. Den anderen scheint alles viel leichter zu fallen. Sie lernt, wann immer sie kann, und trotzdem reicht es nicht. Als Einzige aus der Clique, mit der sie immer zusammensitzt, besteht sie zwei von sechs Klausuren nicht. Sie, die zielstrebige Schülerin mit dem Einser-Abi, hat plötzlich das Gefühl, für die anderen "die Dumme" zu sein. Gesagt hat das niemand, aber auf einmal hört ihr keiner mehr zu, wenn sie einen Vorschlag macht. Und dann ist da diese fürsorgliche Art, mit der sich die anderen nach ihren Noten erkundigen. "Ich war die Außenseiterin", erinnert sie sich. In der Biochemieklausur sitzt sie vor ihrem Aufgabenblatt und kann sich nicht konzentrieren, weil sie ständig denken muss: "Wenn du jetzt durchfällst, schaffst du es nicht mehr in der Regelstudienzeit, dann kriegst du kein Bafög mehr und musst das Studium abbrechen."

Als das Semester vorbei ist, vergräbt sie sich mit einem Stapel Romane in ihrem alten Kinderzimmer. Ihre Sorgen behält sie für sich. Ihre Schulfreundinnen machen eine Ausbildung oder ein Freiwilliges Soziales Jahr, ihre Mutter will vom Medizinstudium nichts hören. Blut erträgt sie schon im Fernsehen nicht.

Aber aufgeben kommt für Christin nicht infrage, also sucht sie Hilfe und geht zur Studienberatung. Der Berater fragt: "Haben Sie schon einmal dran gedacht, dass Ihre Probleme damit zusammenhängen könnten, dass Sie als Erste in Ihrer Familie studieren? Dass Sie keinen Ansprechpartner haben?" Christin wird klar, dass er recht hat.

In der Campus-Zeitung ihrer Universität liest sie kurz darauf zufällig einen Artikel über die Initiative ArbeiterKind.de, die Studenten ohne akademischen Hintergrund betreut. Sie trifft sich mit einer Mentorin. Die beiden reden zwei Stunden lang. Nach und nach versteht Christin: Sie ist nicht die Einzige, die eine Klausur mal nicht schafft. Auch andere fallen ab und zu durch, nur wird nicht so viel darüber gesprochen. Es ist auch normal, dass man nicht jeden Tag von morgens bis abends lernen kann. Langsam begreift sie: "Der ganze Druck, den ich gefühlt habe, der kam von mir selbst."

Als das zweite Semester beginnt, wählt sie bewusst Kurse, in denen sie noch niemanden kennt, setzt sich zu anderen Studenten und findet richtige Freunde, einfach so.

Inzwischen ist Christin Gerber im achten Semester und betreut selbst als Mentorin bei ArbeiterKind.de Schüler und Studenten. Sie macht ihnen Mut, auch mit ihrem eigenen Beispiel, denn viele ihrer ursprünglichen Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. "Ich hatte mir zum Beispiel viele Gedanken ums Geld gemacht. Aber mit Bafög und meinem Nebenjob komme ich gut zurecht", sagt sie.

Mittlerweile findet sie, dass es sogar Vorteile hat, als Erste aus der Familie zu studieren. Da ist keine Mutter, die erwartet, dass man dasselbe studiert wie sie. Kein Vater, der jede Note kommentiert. Christin ist weit gekommen. Das Physikum, die bei Medizinern gefürchtete Zwischenprüfung, liegt hinter ihr. Im letzten Semester hat sie in zwei Wochen elf Klausuren geschrieben – und alle bestanden. Ihrem Ziel, Ärztin zu werden, ist sie ganz nah.

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Leserkommentare
    • Acrux
    • 17. Juli 2013 8:30 Uhr

    Ich habe Physik/Astronomie Diplom, Doktorgrad und Habilitation, und bin heute Wissenschaftler an einer internationalen Forschungseinrichtung ausserhalb Deutschlands.

    Dass ich Arbeiterkind war, hatte zu keiner Zeit irgendeine fuer mich wahrnehmbare Bedeutung. Allerdings war Physik, und besonders Astronomie, schon immer deutlich internationaler ausgerichtet als die meisten anderen Faecher.

    16 Leserempfehlungen
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    seit beginn den 20.jh. stetig gestiegen.
    die zahl der studierenden ist seit beginn des 20.jh. stetig gestiegen.

    das heißt, die angehende medizinerin ist nicht nur kein einzelfall, sondern eher die regel.

    der wöchentliche jammerartikel über arbeiterkinder an der uni nervt langsam. die uni verlangt in erster linie durchhaltevermögen und zwar von allen. ich habe orchideenkinderchen studium abrechen sehen, weilsie in ihrer vorstadtvilla nicht gelernt haben, sich mal durchzubeißen.

    ungeachtet dessen wünsche ich der angehenden ärztin viel erfolg.

    Mich fragte ein Medizinstudent unter offenbar vorsätzlicher Verkennung dessen, was an wissenschaftlich nicht mehr widerlegbarer Leistung von mir erbracht ist, ob ich mich in meinem Leben jemals durchgesetzt habe. Spätestens damit war klar, dass besagter Student der Humanmedizin blanken Ideologien im Horkheimer'scher Sinne nachhängt und daher völlig desinteressiert an den fortgeschrittensten Erkenntnisständen war. Eine Antwort darauf konnte ich mir also zu Recht sparen. Allerdings verordnete mir anschließend die mich damals tatsächlich behandelnde Ärztin ein Medikament, um die dadurch unweigerlich eingetretene Angst zu lösen.

  1. 2. Hmm...

    Hmm, mittlerweile der gefühlt 100. Artikel zu diesem Thema.

    Leider auch einer der Oberflächlicheren - es ist doch eher interessant zu sehen, warum es in Deutschland so schwierig ist, aus der "Arbeiterschicht" zum Akademiker zu werden, und zwar nicht am Einzelfallbeispiel. Und wenn es einem/einer gelingt, mal darauf zu schauen, welcher Beruf ergriffen wird - das ist dann nämlich im Normallfall nicht Ärztin, sondern Ingenieur oder Pädagoge, also eher das Akademierproletariat (sagt einer, der selbst dazu gehört). Und auch hier die Frage: warum schafft es kaum jemand, in den Zirkel der Ärzte oder Juristen aufzusteigen? Kapselt sich hier jemand ab? Fehlt das Interesse von außerhalb? Warum ist gefühlt jeder Arzt Sohn von Ärzten? Das wäre doch mal spannender, als das immer gleiche Thema gleich abzuhandeln...

    10 Leserempfehlungen
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    @Hans Glück: Was soll denn das von dir bezeichnete „Akademierproletariat“ sein?

  2. Stammt jemand aus einer Familie, in der es noch keine Akademiker gibt, so ist er sozusagen derjenige, der voran geht und eine neue Linie begründet. Denn seine Nachkommen werden womöglich auch studieren und so weiter und so weiter.

    Nach der Bildungsexpansion in den 60ern gab es einfach mehr Akademiker also zuvor. Darauf aufbauend studierten eben auch mehr Leute aus den zuvor erst entstandenen Akademikerfamilien. So einfach ist das.

    Eigentliche Arbeiter waren immer nur diejenigen, die keine Ausbildung hatten und somit ungelernte Arbeiter waren. Hier findet also eine Bedeutungsverschiebung statt, die den Leuten, die diese Begrifflichkeiten nutzen wohl gar nicht bewußt ist.

    Einen bedeutsamen Unterschied gibt es allerdings. Die prozentualen Anteile der Bürger ohne abgeschlossene Ausbildung überwiegen in den westlichen Bundesländer gegenüber den östlichen Bundesländer zum Teil sehr deutlich.

    Daraus lässt sich schließen, dass es ein gesellschaftliches Problem ist. Das ist nicht neu. Man weiß ja schon seit langem, dass die Union und die FDP eine gut Bildung und Ausbildung für den großen Teil der Bevölkerung systematisch verhindert, aus ideologischen wie aus egoistischen Gründen. Weniger gut ausgebildete Bürger bedeuten für die bereits etablierten Kreise auch weniger Wettbewerb. Man hält sich also den Wettbewerb vom Leib, indem man die gute Ausbildung für große Teile der Bevölkerung hintertreibt.

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  3. mit allen Mitteln!!

    Könnte man zumindest meinen, wenn man die vielen Stimmen in diesem Land hört. Ich verstehe nicht, was daran so schwierig sein soll, Abitur zu machen (dessen Ansprüche heutzutage wirklich geringst geworden sind, eine Freundin von mir bekam es trotz eines Deutschkurses mit 0 Punkten), und sich an einer Hochschule einzuschreiben??

    Meine Eltern und viele ihrer Freunde stammen allesamt aus Arbeiterfamilien und haben alle studiert. Auch habe ich viele Freunde an der Uni, die aus Nichtakademikerfamilien stammen!

    Fragt auch mal jemand nach dem anderen Weg? Ein Akademikerkind hat es doch viel schwieriger, einen Ausbildungsberuf zu ergreifen!

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    und Studium angeht. Das Schulsystem ist bewusst selektierend, fordert nur und fördert nicht. Schule als Bedarfslieferant von Wirtschaftsbeduerfnissen.

    Dazu kommen noch Eltern, welche die Kinder stark konditionieren und ihnen den Platz zur Eigenentwicklung vorenthalten. Ohne Mentor wird es dann schwer am Umgang mit hohen Energien und sich nicht selbst im Weg zu stehen. Das ist nicht mal eine Intelligenzfrage, eher eine Frage des Bewusstseins

    • Puella
    • 19. Juli 2013 16:24 Uhr

    kommen gleich die Tränen. Von der Politik wird wenig getan, um Arbeiterkindern das Studium zu erleichtern. Wie im Artikel steht - immer die Angst im Hinterkopf, das BaföG zu verlieren, dann bestimmte Kodices, die evtl nur bestimmte Kreise beherrschen.
    Oder Stipendien - wieso werden für eine besonders prestigeträchtige dt. Stiftung primär Akademikerkinder rekrutiert ?

    • Puella
    • 19. Juli 2013 16:24 Uhr

    Entfernt. Doppelposting. Danke, die Redaktion/jp

  4. > Und auch hier die Frage: warum schafft es kaum jemand, in den Zirkel der
    > Ärzte oder Juristen aufzusteigen? Kapselt sich hier jemand ab? Fehlt das
    > Interesse von außerhalb? Warum ist gefühlt jeder Arzt Sohn von Ärzten?

    Das hat den gleichen Grund, warum so viele Söhne und Töchter von Schreiner(meistern), Schreiner werden und so viele Söhne von Klempnern Klempner: Es gibt ein Geschäft, dass man übernehmen kann. Man muss die Praxis oder die Kanzlei dann nicht kaufen, sondern kann sie quasi "erben". Das erspart einem einen großen Teil des Schuldenbergs, den es kosten würde, das Unternehmen selbst aufzubauen und sorgt gleichzeitig dafür, dass der "Familienbetrieb" Bestand hat. Außerdem kann man bei Berufen, die schon von den Eltern oder Verwandten ausgeübt werden ganz gut feststellen, ob sie einem eher liegen oder eher nicht.

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    • fx66
    • 17. Juli 2013 9:20 Uhr

    Es ist doch Unfug. Als ob die Mehrheit der Arbeiter ein eigenes Geschäft hätten. Arbeiter, die in Werkshallen arbeiten oder Angestellte in Familienbetrieben werden an ihre Kinder dementsprechend nichts weiter vererben. Es ist also nur ein geringer Prozentsatz bei den Fällen, die sie da beschreiben.

    • Dunilu
    • 17. Juli 2013 9:00 Uhr

    Natürlich gibt es eine Menge Barrieren im medizinischen Ausbildungsberuf bis hin zum Facharzt zu überwinden, die der einen oder anderen Person mit oder ohne Unterstützung leichter und schwerer fällt. In Deutschland gibt es Bedarfsplanung und gedeckeltes Budget im Gesundheitssektor. Es ist daher überhaupt nicht verwunderlich, dass den Interessierten hier mehrere Steine auf den Weg geworfen werden.

    Eine Leserempfehlung
  5. 7. Eltern

    Ich glaube, dass die Eltern hier eine grosse Rolle spielen. Wenn das Kind weiss, dass es die Unterstuetzung der Eltern hat, wird es eher an die Uni gehen, als wenn man dauernd vorgebetet bekommt, man solle doch lieber eine Ausbildung beginnen, damit man Geld verdient.

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  6. Man muss sich auch mal fragen, warum so viele Kinder aus Akademikerfamilien studieren:

    Bereits ab Mitte der 60er-Jahre strömten doch geradezu Arbeiterkinder in die deutschen Universitäten. Die sind alle Akademiker geworden!

    Insofern ist es auch eher belustigend, diesem Artikel die Überschrift "Die Uni-Pionierin" zu gegen! Als ob sie die erste wäre...

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