Interview mit einem Bildungsforscher

ZEIT Studienführer: Wie viele Hochschulen wählen ihre Studenten mit eigenen Tests aus?

Tino Bargel: Das ist nicht bekannt. Es ist sehr schwer, sich da einen Überblick zu verschaffen, weil die Professoren jedes Fachs an jeder Uni jedes Jahr neu entscheiden können, ob und wie sie testen. Manche verlangen eine schriftliche Begründung für den Studienwunsch, manche führen Auswahlgespräche oder organisieren einen fachbezogenen Wissenstest. Für die meisten Studiengänge reicht aber das Abiturzeugnis.

ZEIT Studienführer: Auswahlverfahren sind also nicht die Regel.

Bargel: Nein. In einer Umfrage, die wir alle drei Jahre für das Bildungsministerium durchführen, haben zuletzt 18 Prozent der fast 5.000 befragten Bachelorstudenten angegeben, dass sie vor Studienbeginn an einem Auswahltest oder Eignungsverfahren teilgenommen haben. Also macht grob jeder fünfte Student so einen Test.

ZEIT Studienführer: Gibt es Fächer, in denen Tests verbreiteter sind?

Bargel: Besonders häufig sind Auswahlverfahren in der Medizin: Dort testen fast zwei Drittel der Universitäten ihre Bewerber. Dann kommen die Kultur- und Sprachwissenschaften. Da sind es immer noch knapp die Hälfte. Darauf folgen die Ingenieur- und Naturwissenschaften. An Fachhochschulen sind Auswahlverfahren übrigens generell seltener als an Universitäten.

ZEIT Studienführer: Was halten die Studenten von solchen Tests?

Bargel: Immerhin die Hälfte hat gesagt, das Auswahlverfahren vor dem Studienbeginn sei nützlich gewesen. Es kann Abiturienten eine Orientierung geben, ob ein bestimmtes Fach etwas für sie ist oder in welchen Bereichen sie Wissenslücken haben. Viel nützlicher für den Studienstart finden die Studenten aber Tutorenprogramme und Orientierungswochen, die nach der Einschreibung angeboten werden.

ZEIT Studienführer: Kann ein Test auch die Abiturnote verbessern?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2015/2016.

Bargel: Wenn der Zugang zum Traumfach von der Abi-Note abhängt – was ja gar nicht überall der Fall ist –, kann ein Auswahlverfahren die Chancen teilweise erhöhen. Um wie viel ein gutes Ergebnis die Note verbessert, hängt davon ab, welches Gewicht die Hochschule dem Test beimisst. Darüber kann man sich vorab beim entsprechenden Fachbereich erkundigen.

ZEIT Studienführer: Was wollen die Unis mit ihren Tests erreichen?

Bargel: Erst einmal geht es ihnen darum, die Studenten dabei zu unterstützen, das Fach zu wählen, das ihnen liegt, das ihnen Spaß macht und das sie auch bewältigen können. Zweitens haben die Hochschulen ein Selektionsinteresse. Sie wollen es sich einfacher machen: Wenn die Gruppe auf dem gleichen Wissensstand ist, fällt die Lehre leichter. Drittens wollen sie die Zahl der Studienabbrecher verringern. Man denkt, die sind getestet, die passen zum Fach, die gehen wahrscheinlich nicht weg.

ZEIT Studienführer: Und, funktioniert das?

Bargel: Nicht wie erhofft. Nach einem Auswahlverfahren meint man, die Schlauköpfe herausgefiltert zu haben. Das trifft aber in der Regel nicht zu. Die meisten Tests ermitteln, was jemand bis heute gelernt hat, aber sie eignen sich nicht, um Potenzial zu erkennen. Die Tests können nicht vorhersagen, was die Zukunft bringt – in wen sich ein Student verlieben wird, wo er wohnen wird, ob er vom Statistikprofessor gelangweilt sein und deswegen das Fach wechseln wird. Die Studienabbrecherquoten sind trotz Auswahlverfahren ähnlich geblieben.