Binationales Studium: Ein Porträt

Für europäische Beine sind die engen Busse in Bogotá einfach nicht gebaut. Wenigstens ist es heute Morgen nicht so überfüllt, sodass Elena Krafft, eine 23 Jahre alte Studentin aus Münster, die einstündige Fahrt bis zur Uni im Sitzen verbringen kann – mit angezogenen Beinen. Von ihrer WG mit Haushälterin in einem Hochhaus in der 147. Straße bis zur Universität im Vorort Chía sind es 20 Kilometer: Mittelklasse-Wohnblocks, Einkaufszentren, viel Verkehr.

Elena fällt auf: Sie ist 1,70 groß und blond – Durchschnitt in Deutschland, eine Attraktion in Kolumbien. "Auf die Dauer geht einem das ganz schön auf die Nerven", sagt sie. "Ich werde richtig angestarrt." Auch an der Uni in Bogotá fühle sie sich wie ein Promi. Sie studiert den deutsch-lateinamerikanischen Studiengang Betriebswirtschaft ("Carrera Alemana-Latinoamericana de Administración", kurz Cala) an der FH Münster und der Universidad de La Sabana: ein Studium auf zwei Kontinenten.

Die ersten vier Semester hat Elena Krafft hinter sich. Da besuchen die Studenten in Münster BWL-Kurse und Wirtschaftsspanisch. Dann geht es für drei Semester an eine Uni in Lateinamerika: nach Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Mexiko oder eben Kolumbien. In dieser Zeit schreiben die Calas auch ihre Bachelorarbeit und machen ein Praktikum in einem Unternehmen. Am Ende haben sie sowohl einen deutschen Bachelor als auch einen lateinamerikanischen Abschluss, meist ein Diplom.

"Die perfekte Mischung"

100 deutsche Bewerber streiten sich jährlich um 20 bis 25 Plätze. Neben einem Mathe- und Sprachtest haben sie ein Auswahlgespräch zu bestehen. "Der Wirtschaftsteil interessiert mich mittlerweile auch, aber ich habe mich für Cala entschieden, weil mir das Spanische und der Kontinent gefallen", sagt Elena. Für sie war nach dem Abi klar, dass sie etwas mit Sprachen studieren will. Deshalb fing sie mit einem Dolmetscherstudium an, aber nach einem halben Jahr war Schluss – zu einseitig. Cala sei für sie "die perfekte Mischung".

Dass die Studentin in Kolumbien gelandet ist, hat auch mit den Austauschstudenten zu tun, die nach Münster kommen. Man lernt sich gut kennen, Cala ist ein kleiner Studiengang. "Die Kolumbianer waren immer total offen und herzlich, mit denen kam ich super klar."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2015/2016.

Der Bus hält an einer von drei Schnellstraßen, die an der Uni vorbeiführen. Elena steigt aus und geht über einen großen Parkplatz – für die Autos der Studenten. Ein eigenes Auto als Student, das ist in Kolumbien noch ungewöhnlicher als in Deutschland. Aber die Universidad de La Sabana ist auch keine normale Uni, sondern eine der renommiertesten Privathochschulen des Landes. 2.000 bis 6.000 Dollar kostet ein Semester, je nach Fach. Hier studieren die Kinder der Reichen plus ein paar Glückliche mit Stipendium. Für Calas aus Münster ist das Studium kostenlos.