Geisteswissenschaftler können im Taxi auch hinten sitzen.

Die Uni ist ein merkwürdiger Ort, erst recht in Bielefeld: ein langer grauer Betonklotz, der nahezu alle Fakultäten in einem riesigen Hauptgebäude beherbergt, in Trakten und Gängen, die wie die Arme einer Raumstation in die Landschaft ragen. In der Haupthalle reihen sich ein Versicherungsbüro, die Agentur für Arbeit, Supermarkt, Post und Sparkasse aneinander, sogar ein kleines Schwimmbad gibt es. Zwischen den Säulen und Treppen, den Cafés und Restaurants wuselt es wie in einer Einkaufspassage, ein paar Studenten backen an einem Stand Waffeln. Die Universität Bielefeld ist eine eigene kleine Stadt in der Stadt, mit fast 25.000 Bewohnern: 22.000 Studenten und 2.750 Mitarbeitern.

Gesine Hagmeister könnte sich vorstellen, bald dazuzugehören. Noch geht die 17-jährige Bielefelderin in die elfte Klasse des Max-Planck-Gymnasiums, ihre Leistungskurse sind Deutsch und Pädagogik. Und danach? Vielleicht ein Studium der Literatur und Philosophie, die volle geisteswissenschaftliche Dröhnung. Darauf hat sie Lust, oder glaubt es zumindest.

Heute ist sie an die Uni gekommen, um sicherzugehen. An einem grauen Morgen um kurz vor zehn trifft sie Manuel Höveler, 23, Philosophie-Bachelor im sechsten Semester, Studienergänzung in Literatur. Manuel ist Gesines persönlicher Tutor. "(M)ein Tag an der Uni" heißt das Programm in Bielefeld, bei dem Schüler einen ersten Eindruck vom Uni-Leben und Studieren bekommen können. 78 Jugendliche haben das im vergangenen Jahr genutzt.


Es werde kaum Zeit für ein Mittagessen bleiben, warnt Manuel Gesine gleich am Morgen. Um zwölf Uhr wartet das erste Seminar, vorher will er sie noch über den Campus führen und durch die Bibliothek. Eines ist dem Studenten mit dunkelblondem Zauselbart trotzdem ganz wichtig: "Dumme Fragen gibt es nicht. Fragen, fragen, fragen – wann immer du was wissen willst." Gesine nickt. Auf dem Weg in die Haupthalle geht es ihr gleich um die Existenz.

Gesine: Philosophie und Literatur machen mir Spaß, das weiß ich. Aber ist es auch sinnvoll, das zu studieren? Ich frage mich schon, was ich damit später machen kann und ob ich überhaupt einen Job finde.

Manuel: Auch als Philosoph hat man viele Berufsmöglichkeiten: bei Nichtregierungsorganisationen, als Lehrer für Erwachsene, in der Politik. Du lernst im Studium, mit Sprache umzugehen, kritisch und analytisch zu denken – das braucht man in vielen Berufen. Der Philosoph als Taxifahrer ist ein Mythos.

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Hier diskutieren zwei Vernunftmenschen. Manuel beißt in sein Leberwurstbrötchen, kaut und sagt: "Wenn du nach einem oder zwei Semestern merkst, dass das Studium nichts für dich ist, dann wechselst du einfach das Fach."

Beim zügigen Gang durch die Haupthalle erklärt Manuel die Prüfungsordnung, als habe er sie auswendig gelernt: Workload, Module, Creditpoints. "Ich bin in der Fachschaft, wir kümmern uns um alles", sagt er.

Gesine: Schreibt man auch zwischendurch Klausuren oder nur am Ende des Semesters?

Manuel: Nur am Ende, und da kann alles, was in den Vorlesungen vorkam, auch abgefragt werden. Mach erst mal nicht mehr als drei Veranstaltungen im Hauptfach, damit bist du gut bedient. Ich habe mich in meinem ersten Semester total übernommen. Am Ende wusste ich nicht mehr, wo oben und unten ist.

Gesine: Das ist bei mir jetzt manchmal schon in der Schule so.

Manuel: Ja, es wird ähnlich wie in der Schule. Nur interessiert es hier keinen, ob du lernst oder überhaupt zur Vorlesung gehst, und es hilft dir erst jemand, wenn du darum bittest. Aber dann halten Studenten zusammen.

Im ersten Stock der Haupthalle herrscht Plakat-Anarchie, hier breiten das Feministische Referat, die Antifa AG und die Fachschaften ihre Botschaften aus. "An der Uni kannst du dich in zig Initiativen engagieren, es gibt auch Poetry-Slams oder philosophische Filmabende. Da gucken wir zum Beispiel Matrix und philosophieren danach darüber", sagt Manuel. "Das Studium ist nicht alles, viele vergessen das. Genieß auch das studentische Leben, diese Freiheit hast du nie wieder." Und er gibt noch mehr Tipps: "Sport ist wichtig! Das Studium ist so verkopft, da brauchst du dringend Ausgleich."

Im Fachschaftsraum der Philosophen liegt Heidegger auf dem Tisch, in der Ecke stehen noch Grill und Bierkästen von der letzten Party. "Hier sitzen wir zwischen den Seminaren, trinken Kaffee und streiten", sagt Manuel. "Über Marx oder Schopenhauer zu diskutieren, das ist für manche Entspannung."