Wie wichtig sind die Jobchancen?

Studier was Sicheres! Nein, mach das, womit du glücklich wirst! Zwischen Vernunft und Gefühl wird gerne ein Gegensatz konstruiert, wenn es darum geht, welche Rolle der Arbeitsmarkt für die Wahl des Studienfachs spielen sollte. In dieser Logik ist es "vernünftig", ein Fach mit guten Jobperspektiven zu wählen, zum Beispiel ein Ingenieur- oder Medizinstudium. Etwas wie Literaturwissenschaften zu studieren wird dann als "unvernünftige" Entscheidung "aus Leidenschaft" gesehen. Während die einen zur Vernunft raten, plädieren die anderen dafür, seinem Herzen zu folgen. Nur so werde man glücklich. Was nütze all das Geld, wenn man dafür sein Leben lang etwas machen müsse, was einen nicht interessiere.

Wunsch nach Kontrolle

Kopf gegen Herz. Diese simple Einteilung ist verlockend, weil sie es erlaubt, sich schnell der einen oder anderen Seite zuzurechnen. Aber sie vernebelt mehr, als dass sie hilft.

Zunächst einmal: Hinter der angeblich rationalen "Kopfentscheidung" für etwas "Sicheres" stecken ja auch Gefühle. Oft ist es der Wunsch nach Kontrolle, die Angst vor unsicheren Situationen. Man will seine berufliche Zukunft in der Hand haben, wissen, wie es nach dem Studium weitergeht, und sich darauf verlassen können, dass man dann gutes Geld verdient.

Ohne Garantie

Dieser Wunsch ist berechtigt und verständlich. Nur wird darüber gerne vergessen, dass Arbeitsmarktprognosen keine Garantien sind. Wie die Lage in fünf oder zehn Jahren aussieht, hängt von zahlreichen Faktoren ab: Wie viele andere entscheiden sich für das Fach? Welche technologischen Entwicklungen wird es bis dahin geben? Werden die Unternehmen zunehmend Bewerber aus anderen Ländern einstellen? Und auch wenn eine Studienrichtung generell gefragt ist, kann es sein, dass man mit seinen Spezialisierungen oder seinen Ortswünschen lange suchen muss, um etwas Passendes zu finden.

Die Sicherheitsstrategie birgt zudem ein Risiko, das nicht in den äußeren Umständen, sondern in der eigenen Person liegt. Untersuchungen zeigen: Studiert jemand ein Fach nicht aus Interesse, sondern vor allem, weil er sich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt verspricht, passiert es leichter, dass er das Studium nicht durchhält. Einen Studienabbruch aber erleben gerade sicherheitsorientierte Menschen als belastend.

Von wegen "brotlos"

So betrachtet ist die Entscheidung für ein "sicheres" Studienfach weit weniger rational, als es scheint. Umgekehrt hat die Empfehlung, seinem Herzen zu folgen, auch etwas Vernünftiges: Wer sich brennend für etwas interessiert, übersteht auch Durststrecken im Studium leichter.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2016/17.

Aber hilft eine hohe Motivation auch bei der Jobsuche? Oder kommt es letztlich eben doch darauf an, dass eine gefragte Fachrichtung auf dem Abschlusszeugnis steht?

Interessant in diesem Zusammenhang sind ein paar Zahlen zu Geisteswissenschaftlern. Im Jahr 2004 gab es laut Mikrozensus 179.000 Erwerbstätige mit einem Abschluss in Sprach- und Kulturwissenschaften, Geschichte oder Philosophie. Fächer, die schon damals vielen als "brotlose Kunst" galten. Bis zum Jahr 2013 ist die Zahl der Erwerbstätigen mit diesen Abschlüssen jedoch stark gestiegen: auf 327.000. Und das, obwohl kaum Stellen ausgeschrieben werden, die sich ausdrücklich an Geisteswissenschaftler richten.

Offensichtlich war es den Absolventen trotzdem gelungen, sich einen Weg in den Arbeitsmarkt zu bahnen – mit Ausdauer, hohem Einsatz und Flexibilität. Absolventenstudien zeigen, dass viele Geisteswissenschaftler fachfremd arbeiten, die Mehrheit jedoch auf Positionen, die einem Hochschulabschluss angemessen sind. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Berufseinstieg für Geisteswissenschaftler in der Regel langwierig ist, dass manche unter Niveau beschäftigt sind und dass in vielen anderen Fachrichtungen besser verdient wird. Berufseinsteiger in den Sprach- und Kulturwissenschaften erhalten laut der Gehaltsdatenbank Gehalt.de nur rund 70 Prozent dessen, was Ingenieure oder Juristen bekommen.

Gefühl und Verstand

Ganz egal, ob man die Studienwahl überwiegend am Arbeitsmarkt oder am fachlichen Interesse ausrichtet – Gefühl und Verstand sollten zusammenspielen. Zunächst muss man sich über seine Werte, Gefühle und Ziele klar werden. Der eine ist glücklich bei dem Gedanken, sich drei Jahre lang mit Literaturgeschichte zu befassen. Glücklich machen kann aber auch die Aussicht auf eine planbare Zukunft oder ein abbezahltes Haus.

Im nächsten Schritt sollte der Verstand ins Spiel kommen. Wer sich vor allem an guten Jobperspektiven orientiert, sollte trotzdem nichts studieren, das ihn völlig kalt lässt. Interesse am Fach lässt einen erst gut werden. Und falls sich die Wirklichkeit nicht an die Arbeitsmarktprognosen hält, ist der Frust dann nicht so groß wie bei einem ungeliebten Fach.

Wählt man sein Fach hingegen nach Interesse, sollte man den Blick auf den Arbeitsmarkt nicht versäumen. Gerade wenn die Lage dort schwierig ist, kann man sich früh darauf einstellen und das Studium nutzen, um sich durch Praktika und Hausarbeitsthemen ein eigenes Profil zu schaffen.

Neigung und Arbeitsmarktorientierung gegeneinander auszuspielen ist Unsinn. Denn eine gute Entscheidung berücksichtigt immer beides: Herz und Kopf.