Geschichte einer Annäherung

Ein Pochen in den Schläfen. Mir wird heiß, wie immer, wenn ich nervös bin. Der Weg von der Straßenbahnhaltestelle bis zur Uni fühlt sich ewig lang an. Ich ziehe an meinem Schal. Es ist die Frisur, denke ich und öffne meine Haare, binde sie wieder zusammen. Ich betrete den Uni-Saal 33.1.010: Einführungsveranstaltung für Erstsemester im Bachelor Transkulturelle Kommunikation. Es ist der 1. Oktober. Manche im Raum scheinen mich anzustarren, andere durch mich hindurchzuschauen. Ich sage es mir immer wieder, aber es fühlt sich unwirklich an: Ab heute bin ich Studentin.

Vom Studieren hatte ich schon in der Schule ein genaues Bild. Ich stellte mir vor, wie ich kluge Texte von klugen Menschen lesen und mit klugen Freunden bei viel Rotwein nächtelang darüber diskutieren würde. Ich stellte mir vor, dass ich selbst unglaublich klug sein würde.

Im Hörsaal, vorn am Stehpult, sagt eine Professorin, dass wir es als Dolmetscher am Arbeitsmarkt sehr schwer haben werden, aber ich höre nicht zu. Neben mir auf dem Boden sitzen ein Mädchen mit weiß-gelben Strähnen im Haar, vielleicht gefärbt, vielleicht noch von der Abi-Reise nach Italien, und ein Typ mit glatten Wangen und Eastpak-Rucksack. Ich versuche, mir vorzustellen, wie ich sie einlade und wir bis frühmorgens um meinen Küchentisch sitzen.

Zwei Wochen später. Gerade habe ich ein Studentenkonto eröffnet und das erste Mal in meinem Leben Staubsaugerbeutel gekauft. Meine Mutter ruft an und will alles wissen: Wie sind die Kommilitonen, die Seminare, wie ist das wilde Studentenleben? Ich schaue auf die Staubsaugerbeutel in meiner Hand. "Joah", sage ich.

In der Schule war alles klar: Ich wusste, wo ich dazugehöre, wer wo dazugehört und vor allem, wo ich dazugehören will. Ich dachte nicht weiter als bis zur nächsten Klausur, manchmal bis zum Abi. Es stand nur fest: Ich will weg nach der Schule, wie alle. Wir träumten von einem Studium in den USA, in England oder in Berlin.

Dann ist es aber einfach passiert: Ich beginne in Graz, meiner Heimatstadt, zu studieren. In diesem Tal irgendwo im Süden Österreichs, wo Berlin nur eine Idee ist, die vielleicht gar nicht passiert. Wo sich die erste Zigarette schon wie die größtmögliche Rebellion anfühlt.

Meine Schulfreunde und ich richten uns das Studentenleben gemütlich ein. Wir wissen alle nicht, wieso, aber aus irgendeinem Grund sind wir noch immer da. Abends treffen wir uns in unseren alten Lieblingsbars. Wenn wir über die Uni sprechen, dann kommt es wieder, dieses "Joah", das wir von Mal zu Mal länger ziehen. Wir haben eine schöne Zeit, aber wenn ich auf den Nachtbus warte, kommt mir trotzdem der Gedanke, ob es auch ein "zu gemütlich" gibt.

Ich stellte mir vor, wie ich kluge Texte von klugen Menschen lesen und mit klugen Freunden darüber diskutieren würde

Ich irre durch Zwischengeschosse und Seitenflügel der Uni, weiß nicht, wer hier meine neuen Freunde werden sollen. In den Seminaren erwartet niemand große Ideen von mir, sondern nur, dass ich pünktlich meine Referate halte. Meine Kommilitonen wollen nicht die Welt erobern, sondern darüber sprechen, dass der Dozent aus dem Mund stinkt und sich bestimmt eine junge Frau aus Osteuropa gekauft hat wie in dieser Fernsehsendung. Uni ist auch nicht anders als Schule, merke ich, nur dass hier keine Träume mehr möglich sind, weil die doch genau jetzt hätten Wirklichkeit werden sollen.

In diesem Herbst lerne ich vor allem: Man kann in einem 1,40-Ikea-Bett der Länge und der Breite nach schlafen. Man kann einer Zigarette minutenlang beim Verbrennen zuschauen. Man kann vergessen aufzustehen, und schon ist es draußen wieder dunkel.

Es wird Winter, es wird Frühling. Ich sitze in der WG-Küche, auf dem Kühlschrank reihen sich leere Weinflaschen, es ist ein Tag Anfang Juni, und ich bekomme eine E-Mail. Dass ich einen Pflichtbeitrag für die Studentenvertretung von 16,50 Euro trotz mehrerer Warnungen nicht bezahlt habe, steht da. Falls das bedeute, dass ich mein Studium abgeschlossen habe, gratuliere man mir sehr herzlich. Die Uni werde mich jetzt exmatrikulieren. Ich laufe zum Prüfungsamt, ich rufe die Studierendenvertretung an, Jura-Freunde und am Ende alle an der Uni, deren Telefonnummer ich finde. Meine Verzweiflung imponiert niemandem. Frist sei Frist, heißt es.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2016/17.

Weinend stehe ich auf meinem Balkon. Im Park darunter rauchen Schüler aus meiner ehemaligen Schule, und in diesem Moment begreife ich etwas. Niemand kontrolliert, ob ich meine Rechnungen zahle. Niemand schreibt mich für Kurse ein. Wenn ich kluge Texte von klugen Menschen lesen will, dann muss ich das einfach machen und nicht warten, bis mich jemand dazu auffordert. Wenn ich keine verschulten Sprachkurse besuchen will, sollte ich keine Sprachen studieren. Wenn ich nicht in meiner Heimatstadt leben will, muss ich wegziehen.

Ich bin nicht mehr in der Schule, vielleicht ist es das, wofür ich ein Jahr gebraucht habe, um es zu verstehen. Ich habe mich treiben lassen wie eine Qualle im Mittelmeer. Aber an der Uni kann ich selbst entscheiden, auf welchem Strand ich lande – und das werde ich auch.

SO GING’S WEITER: Zum nächsten Wintersemester schrieb Marie sich wieder für denselben Studiengang ein. Doch dieses Mal machte sie es anders: Sie hielt sich nicht an den starren Studienplan, sondern setzte sich auch in Germanistik-Seminare und machte ein Auslandssemester in Frankreich. Später entschied sie sich für einen Master in Osteuropastudien. Dafür zog sie nach Berlin.