Die große Mehrheit der Abiturienten hat gar keine oder viel zu viele Ideen, wie es nach der Schule weitergehen soll. Ein Workshop soll helfen.

Psychologie studieren? Eventmanagement? Kommunikationsdesign? Oder erst mal für ein Jahr ins Ausland gehen? Alina Schewe ist hin und her gerissen, was sie nach ihrem Abitur machen soll. "Es gibt unendlich viele interessante Fächer – aber ich habe einfach keine Ahnung, was am besten zu mir passt", sagt die 18-Jährige.

Deshalb sitzt sie an einem Samstagmorgen im Februar in einem Seminarraum der Universität Bremen. ABITUR – und dann? heißt der Workshop, für den sie sich freiwillig angemeldet hat. Außer ihr sind zehn weitere Teilnehmer hier und haben in einem Stuhlhalbkreis Platz genommen. Alle sind zwischen 16 und 19 Jahre alt. Für die Teilnahme hat jeder zehn Euro bezahlt. Alina ist mit einer Freundin aus ihrer Parallelklasse da, sonst kennt sie niemanden. Die meisten warten still darauf, dass der Workshop beginnt. Manche wissen schon ziemlich genau, was sie studieren wollen, sie flüstern etwas von Technischer Informatik oder Sport auf Lehramt. Doch die große Mehrheit hat noch gar keine oder viel zu viele Ideen – genau wie Alina.

"Ich will auf keinen Fall mit der Schule fertig sein und nicht wissen, was ich danach mache. Ich habe das Gefühl, dass mir die Zeit wegläuft. Klar ist: Ich will studieren, Karriere machen und nicht zu alt sein, wenn ich eine Familie gründe. Und eine Zeit ins Ausland will ich auch. Aber wie gelingt das alles? Welches Fach soll ich wählen? Für mich ist diese Entscheidung die bisher schwierigste meines Lebens. Ich hoffe, dass der Workshop mich ein Stück weiterbringt."

Draußen ist es grau, Nieselregen benetzt die Fensterscheiben, im Hintergrund sieht man verschwommen ein paar Uni-Gebäude und den Bremer Fallturm. Genau das richtige Wetter, um sich einen ganzen Tag lang in einem Raum zu verschanzen und über sich selbst und die eigene Zukunft nachzudenken.

"Die wenigsten Menschen wissen schon als Kind, was sie später einmal werden wollen", sagt die Kursleiterin Vanessa Reiber, eine junge Frau mit zum Zopf gebundenen Locken, leuchtend pinken Turnschuhen und Kapuzenpulli. Sie ist 21 Jahre alt, stand also vor nicht allzu langer Zeit selbst vor der Entscheidung, was sie studieren sollte. "Ich bin auf viele Berufsmessen gegangen", erzählt sie. Jedes Mal sei sie mit einem Stoß Flyern zurückgekommen. "Doch wirklich auseinandergesetzt habe ich mich mit dem Thema nicht." Als sie endlich herausfand, wo es sie hinzog – in die Medien –, beschloss sie, Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Uni Bremen zu studieren. "Vielen geht es wie mir: Sie schauen sich eine Menge Studiengänge an und wissen am Ende trotzdem nicht, was sie machen sollen", sagt sie. "Die Lösung heißt: gezieltes Suchen." Dazu müsse man aber zuerst wissen, was man wolle und was zu einem passe. Das sollen die Kursteilnehmer heute herausfinden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2016/17.

Workshops wie den in Bremen gibt es an vielen Unis und Fachhochschulen. Meist findet man sie über die Websites der jeweiligen Studienberatung. Mitmachen darf jeder, der noch nicht weiß, wie es nach dem Abi bei ihm weitergehen soll. Wer allerdings glaubt, dass er Infos zu verschiedenen Studiengängen bekommt, wird enttäuscht: Das Ziel der meisten Orientierungsworkshops besteht darin, dass die Teilnehmer sich und ihren Zielen ein Stück näherkommen.

"Ich musste schon einmal eine Entscheidung über meine Zukunft fällen", erzählt Alina. Damals ging es um die Frage, ob sie nach der Realschule eine Ausbildung machen oder weiter zur Schule gehen sollte. Sie beschloss, ihr Abitur zu machen, auch wenn das mit Pendeln verbunden war. Nebenbei arbeitet sie in der Pflanzenabteilung eines Baumarktes. Vielleicht wirkt sie deshalb so eigenständig. Wie jemand, der es gewohnt ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Nach einer Vorstellungsrunde werden die Teilnehmer in Kleingruppen eingeteilt. In einer Sitzecke im Erdgeschoss des Uni-Gebäudes soll jeder von einem Hobby erzählen, das ihm wichtig ist. Die anderen sollen überlegen, welche Interessen sich daraus ergeben. "Ich fotografiere gerne", sagt Alina. Sie hat eine Gruppe mit drei zunächst wortkarg wirkenden Jungs erwischt. Beim Brainstorming kommen sie in Fahrt. Ihre Einschätzung: Alina interessiere sich für Kreativität, Perfektion, Details und Menschen.

Die nächste Frage steht im Raum: Welche Fähigkeiten und Talente kann man aus dem Hobby Fotografieren ableiten? Wieder trifft sich die Kleingruppe in der roten Sitzecke unter dem Treppenaufgang. "Offen für Neues sein", sagt einer, "mit Menschen umgehen" und "gut beobachten können" ein anderer. Am Ende darf Alina sagen, was ihr selbst am Fotografieren wichtig ist. Sie umkringelt "kreativ sein" und "mit Menschen umgehen können".

"Es hat mich erstaunt, wie viele Interessen und Fähigkeiten die anderen aus meinem Hobby ableiten konnten. Die Leute in meiner Gruppe kannten mich ja vorher nicht, die haben einfach gesagt, was ihnen einfiel. Zuerst wirkten alle ziemlich lustlos. Umso überraschter war ich, was da zusammengekommen ist. Auf vieles wäre ich alleine überhaupt nicht gekommen. Es trifft aber alles zu."

Ich will auf keinen Fall mit der Schule fertig sein und nicht wissen, was ich danach mache

Als alle wieder im Stuhlhalbkreis sitzen, sollen sie die Ergebnisse in einen Bogen mit der Überschrift Mein Profil eintragen. Ihre Interessen und Fähigkeiten bilden die beiden Grundpfeiler eines Hauses, auf dem ein Dach mit der Überschrift Studien- und Berufsfelder gemalt ist. Ohne diese zu kennen geht also nichts. "Und ohne über die eigenen Ziele Bescheid zu wissen, kann man sich ebenfalls schlecht für einen bestimmten Beruf entscheiden", sagt Vanessa Reiber und teilt Kärtchen für ein Rollenspiel aus.

"Stellt euch vor, ihr seid auf einer Stehparty und werdet gefragt, wer ihr seid und was ihr macht. Antwortet jeweils in der Rolle, die auf eurer Karte beschrieben ist", sagt die Kursleiterin.

Alina schaut auf ihre Karte. "Die Wissbegierige" steht darauf. Die anderen, die eben noch in Gedanken versunken im Halbkreis saßen, stehen auf. Vanessa Reiber zückt ihr Handy und spielt A-Punk von Vampire Weekend ab. Partystimmung will in dem Seminarraum mit dem grauen Teppich und den Neonröhren trotzdem nicht aufkommen. "Ich lese gerne und interessiere mich für fast alles", sagt Alina in ihrer Rolle als Wissbegierige zu den anderen Partygästen. Nach kurzer Zeit hat sie die anderen Charaktere kennengelernt – zum Beispiel eine Frau, die sich im Job nach Sicherheit sehnt, und eine, die das Leben genießen will. Die Rollen wirken übertrieben, die Kursteilnehmer müssen grinsen, wenn sie den karriereorientierten Chef oder den dauerhilfsbereiten Mitarbeiter spielen. Aber der Sinn der Übung wird dabei klar: Mithilfe ihrer Rollen, dem, was sie daran gut finden, und dem, was sie abstößt, sollen sie ihren eigenen Wünschen und Zielen näherkommen.

"Ich bin gespannt, wie lange die Party noch geht. Ein wenig fühle ich mich wie in der Schule, wenn wir eine Gruppenarbeit machen, die den Unterricht auflockern soll. Mir persönlich hat die Übung bisher nichts gebracht, außer vielleicht, dass ich gemerkt habe, dass es doch eine Gemeinsamkeit zwischen der ›Wissbegierigen‹ und mir gibt: Wir möchten beide am liebsten alles studieren."

Dann wird ein Fragebogen ausgeteilt: Jeder soll ankreuzen, wie wichtig ihm Ziele wie Anerkennung, Einkommen, Familie oder Freizeit sind.

Will sie in ihrem Beruf unabhängig sein? Verantwortung tragen? Sind ihr flexible Arbeitszeiten wichtig? So genau hat Alina über all diese Dinge noch nie nachgedacht. Beim Ausfüllen merkt sie, was sie will: reisen, mit Menschen zusammenarbeiten und gefordert werden.

"Vielleicht passt Psychologie ja doch zu mir. Oder ich werde Veranstaltungskauffrau", sagt sie in der Pause zu ihrer Freundin Rümeysa. Die beiden sitzen auf einer Bank im Erdgeschoss, essen Weintrauben und überlegen, was sie bei der Übung später für ein Fach angeben sollen. Sie wissen, dass es bei dem Workshop nicht um einzelne Studiengänge gehen soll. Umso mehr wundert es sie, dass sie doch ein Fach nennen dürfen. "Mal sehen, was das soll", sagt Alina.

Zurück im Seminarraum erfährt sie: Das Fach soll als Beispiel dienen, an dem etwas geübt werden kann. "Viele Ideen werden nicht weitergedacht, sondern schnell wieder verworfen", sagt die Kursleiterin. Deshalb möchte sie der Runde eine Strategie vorstellen, mit der man Pläne und Ideen konkretisieren und alltagstauglich machen kann.

Diese Strategie hat sich der berühmte Micky-Maus-Erfinder Walt Disney ausgedacht. Sie besteht darin, eine Idee von drei Figuren bewerten zu lassen: Da gibt es erstens den kreativen Ideengeber, der die positiven Seiten eines Vorhabens aufzählt; zweitens den Kritiker, der seine Bedenken äußert, auf Risiken und Schwierigkeiten hinweist und einen davor bewahrt, etwas Wichtiges zu übersehen. Und dann ist da noch der realistische Planer – einer, der versucht, Lösungen für die Probleme zu finden, die der Idee im Wege stehen. "Meistens kommt diese letzte Stimme gar nicht zu Wort, dabei hat sie oft eine Lösung parat oder zumindest eine Idee, wie man weiter vorgehen könnte", sagt Vanessa Reiber.

"Ist es sinnvoll, Psychologie zu studieren?", steht auf Alinas Zettel. Sie erzählt ihrer Kleingruppe: "Das Fach interessiert mich sehr. Ich höre gerne Menschen zu, es macht mir Spaß, ihnen zu helfen. Ich habe früher eine Weile in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet." Sie denkt kurz nach. "Ich weiß allerdings nicht, ob es mir fehlen wird, kreativ zu arbeiten."

Die anderen sollen mithilfe der Walt-Disney-Strategie überlegen, was für und was gegen diese Idee spricht und wie man die Bedenken aus der Welt schaffen könnte. Alina wird angefeuert ("Du hast schon häufig anderen Menschen geholfen") und gebremst ("Wirst du denn so ein gutes Abi haben, dass du einen Studienplatz bekommst?") – und es gibt jemanden, der nach konkreten Lösungen sucht: "Bei Mathe-Problemen kannst du Nachhilfe nehmen. Und was den Punkt mit der Kreativität angeht: Es gibt bestimmt Nischen in diesem Beruf, in denen du das auch sein kannst."

Alina nickt. So hat sie das noch nicht gesehen. Ihr wird noch etwas anderes klar: Bisher hatte sie zwar viele Ideen – aber alles war sehr vage. Das lag vor allem daran, dass sie weder über ihre eigenen Ziele noch über die Studiengänge Bescheid wusste. In eine Liste mit der Überschrift Meine nächsten Schritte trägt sie ein, bis wann sie sich über das Fach Psychologie und ihre anderen Wunschfächer genauer informiert haben will. Außerdem nimmt sie sich vor, mit Studenten zu sprechen und zur Studienberatung zu gehen.

"Ich habe herausgefunden, dass ich gerne kreativ sein und etwas mit Menschen machen will. Die Walt-Disney-Strategie hat mir besonders gut gefallen. Davon werde ich meinen Freunden erzählen. Vielleicht können wir ja gemeinsam versuchen, sie auf andere Fächer anzuwenden. Ich fühle mich ruhiger und optimistischer als noch heute morgen, nicht mehr ganz so planlos. Ich habe zwar immer noch keine Klarheit – aber ich weiß jetzt, was ich tun muss, um sie zu bekommen."

Inzwischen ist es Abend geworden. Draußen regnet es noch immer. Alina legt den Stift zur Seite und sammelt ihre Zettel ein. Sie wirkt erleichtert. Was sie studieren will, weiß sie zwar weiterhin nicht – vielleicht doch Veranstaltungsmanagement? –, aber sie ist der Lösung heute ein Stück nähergekommen.