Das Staatsexamen hilft Studenten, die gut auswendig lernen, den Repetitor zahlen und dem immensen Druck standhalten. Fünf Gründe, warum der Abschluss nicht zeitgemäß ist

Dieser Text war der Auftakt zur Frage, ob das Jurastudium reformiert werden muss. Lesen Sie alle folgenden Debattenbeiträge und persönlichen Geschichten auf unserer Themenseite.

"[W]ir müssen uns m.E. damit abfinden, dass der gesamte Stoff unserer Wissenschaft längst nicht mehr in einem einzigen Kopf Platz findet, zumal nicht in einer Ausbildungszeit von vier Jahren."

Eine klare Ansage, die Professor Peter Noll da in einer Juristenzeitschrift gemacht hat. Eine Reform des Jurastudiums müsse her – je schneller, desto besser. Eine klare Ansage allerdings, die Noll bereits vor 50 Jahren gemacht hat. Passiert ist seitdem fast nichts. Nolls Reformaufruf von 1965 könnte 2015 fast wortgleich noch einmal veröffentlicht werden. Wenn die Jura-Fakultäten sich so schwer damit tun, das Studium und seine Abschlussprüfung neu zu gestalten, muss das Staatsexamen eben abgeschafft werden. Fünf Gründe für eine überfällige Reform:

1. Das Examen bereitet nicht auf die Realität im Job vor

Das Ziel des deutschen Jurastudiums ist es, sogenannte Einheitsjuristen auszubilden. Einen Strafbefehl bekommen? Der Vermieter möchte die Dusche nicht reparieren? Das Ordnungsamt will, dass der Apfelbaum abgeholzt wird? Kein Problem, der Einheitsjurist kann zu all dem juristischen Rat geben. Diese umfangreiche Ausbildung ist international Spitzenklasse. Doch sieht so der durchschnittliche Arbeitstag eines Anwalts, einer Richterin oder eines Unternehmensjuristen aus? Höchstens in der Vorstellung der Kumpels, die nach Feierabend nach kostenlosem Rechtsrat fragen.

Wer sich auf das Arbeitsrecht spezialisiert hat, wird es im Job nicht mit der Frage zu tun bekommen, ob der Bundespräsident Gesetze auf ihre Verfassungsmäßigkeit hin überprüfen darf oder was passiert, wenn der Mörder aus Versehen den Falschen erschießt. Und sollte so eine Frage doch mal auf dem Schreibtisch eines Anwalts landen, gibt er sie an seine Kollegin weiter, die sich auf diesem Rechtsgebiet spezialisiert hat. Trotzdem musste er diese und viele weitere Fälle im Examen lösen können. Dabei vergessen die Klausursteller eins: Das Jurastudium ist Teil einer Berufsausbildung – und dieser Beruf erfordert keine so umfassenden Kenntnisse auf allen Rechtsgebieten, wie sie im Staatsexamen abgeprüft werden.

2. Das Examen engt Studenten und Unis ein

Weil Examenskandidaten aber angehende Einheitsjuristen sind, müssen sie sich am Ende ihres Studiums auf allen drei Rechtsgebieten auskennen – also im Zivilrecht, im Straf- und im öffentlichen Recht. Die Universitäten wenden daher viel Zeit und Energie dafür auf, ihnen die im Examen abgeprüften Fächer zu vermitteln. Da bleibt wenig Raum, um sich schon im Studium eigenen fachlichen Interessen zu widmen. Ob das Streamen von Filmen verboten ist, wer im Prozess gegen den pfuschenden Arzt was beweisen muss oder wie genau die UN funktionieren – darum geht es in den Standardvorlesungen nicht.

Sicher, im Schwerpunktstudium können Studenten sich auf Fragen des Urheberrechts, des Medizin- oder Völkerrechts spezialisieren. Doch dieser persönliche Schwerpunkt wird erst in den letzten Semestern gewählt und deshalb neben der Examensvorbereitung von vielen halbherzig betrieben. Fächerübergreifende Kurse, zum Beispiel BWL-Vorlesungen oder Politik-Seminare, bieten die wenigsten Universitäten an. Müssten die Studenten sich weniger auf den Pflichtstoff konzentrieren, hätten sie mehr Zeit für das, was sie wirklich interessiert – und würden durch die Einblicke in andere Studienfächer nicht Gefahr laufen, zum Fachidioten zu werden.

3. Das Examen prüft die falschen Fähigkeiten

Seit der erste Examenskandidat über seiner Abschlussklausur schwitzte, ist das abgefragte Recht deutlich komplexer geworden – und es ändert sich ständig. Studenten müssen heute zum Beispiel nicht nur Landes- und Bundesgesetze anwenden können, sondern mit dem Europarecht eine zweite Rechtsordnung parat haben. Und sie müssen nicht nur eine Menge wissen, sondern das auch ziemlich genau: In mancher Examensklausur hängt eine gute Note vor allem davon ab, ob ihr Verfasser in der Vorbereitung zufällig das passende Urteil des Bundesverfassungsgerichts gelesen hat – das Staatsexamen ist dann eine reine Wissensprüfung.

Ziel des Jurastudiums ist es aber gerade nicht, am Ende möglichst viele Urteile auswendig runterbeten zu können. Es sollte stattdessen Juristen hervorbringen, die auch neue Gesetze anwenden und damit unbekannte Fälle lösen können. Wenn man aber auch ohne diese Fähigkeit in vielen Klausuren erfolgreich sein kann, trainiert man sie in der Examensvorbereitung gar nicht erst. Warum auch kniffelige Übungsklausuren bearbeiten, wenn es im Examen viele Punkte für auswendig gelerntes Lehrbuchwissen gibt? Dabei bräuchte man dieses Handwerkszeug im Beruf dringender als das Detailwissen, das man als fertiger Jurist auch einfach mal nachlesen darf.