Schriftstellerin als Dozentin Herta als alle anderen
Herta Müller leitete 2005 eine Schreibwerkstatt in Berlin. Den Studenten machte sie eindringlich klar, was sie von deren Texten hielt: nichts. Maria Krausch war dabei.
"Dass euch das gleich klar ist: Wir machen hier kein Wischi-Waschi. Ich spreche Klartext, wenn mir eure Texte nicht gefallen." Die Schriftstellerin Herta Müller tritt ihre Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin an. Im Rahmen einer Literaturwerkstatt am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft bekommen zwanzig Nachwuchsautoren die Möglichkeit, ihre Texte mit Herta Müller zu diskutieren. Ich bin eine von ihnen. Mit selbst verfassten Kurzgeschichten und Gedichten haben wir uns um die Teilnahme beworben.
Jede Seminarsitzung ist einem der Nachwuchsautoren gewidmet. Mit zittriger Stimme tragen wir unsere Texte vor den Kommilitonen und der Dozentin vor. Darauf soll die konstruktive Analyse folgen, praxisbezogen und unakademisch. Oder wie Herta Müller sagt: "Theorien sind immer so belehrend. Mit Theorien kann man den Leuten das Richtige ausreden."
Ein Kommilitone liest die erste Geschichte vor. Eine Liebesgeschichte mit Dialogen, die aus Gute Zeiten, schlechte Zeiten stammen könnten: "Ich bin schwanger!" - "Oh Gott!" Die Banalität entrüstet Herta Müller. Sie säubert ihre Brille und sagt, den Blick starr auf die Tischplatte gewandt: "Ok, ich stelle hier mal klar: Geht raus auf die Straße und sprecht mit den Leuten. Ihr müsst etwas sehen, um schreiben zu können. Der Schriftsteller in der feuchten Stube ist doch Klischee."
Das Vorlesen ist der Moment höchster Verletzlichkeit, das ist allen klar. Die Kommilitonen zeigen sich scheu und kritisieren sich gegenseitig sehr maßvoll: Stets erwähnen sie das Gute zuerst, dann erst das Schlechte. Wenn sie überhaupt etwas Negatives sagen.
Herta Müller teilt aus, gibt den Dieter Bohlen des Literaturseminars: "Hast du darüber mal nachgedacht, bevor du uns das zumutest?", "Du bedienst alle Klischees!" Wir bekommen so ziemlich alles zu hören, was wir eigentlich lieber nicht hören möchten.
Müller lobt nur eine Studentin. Die hat schon den Klagenfurter Literaturkurs besucht und liest eine eindringliche Geschichte über das Verhältnis einer Studentin mit ihrem Professor vor.
Die Botschaft der Schriftstellerin an die 19 anderen ist unmissverständlich: "Ich komme gerade von der Uni Leipzig, wo man Diplom-Schriftsteller werden kann. Dort gibt es Talente." Schweigen im Seminarraum. Doch die Dozentin hat eine genaue Vorstellung davon, wie sie uns Wissen und Kunstgefühl vermitteln will: "Ihr werdet euch jetzt im Seminar gegenseitig kritisieren. Ich will nicht, dass ihr euch erst auf dem Weg zur U-Bahn die Wahrheit sagt", droht sie.
Wir fühlen uns wie Aspiranten einer Talentshow, die sie mit verbalen Rundumschlägen das Fürchten lehrt: Entweder ihr liefert Qualität oder ihr tut Buße. Das ist die Botschaft, die bei uns ankommt.
Einige Wochen später: Selbstbewusst und mit Witz in der Stimme trägt eine Studentin eine Art Gaunerkomödie vor. Im Seminar macht sich Entspannung breit. Alle scheinen zu denken: "Das muss doch auch Herta Müller gefallen." Doch die schaut mürrisch wie immer, setzt langsam zum Reden an und bemüht sich zunächst noch um Wohlwollen.
Dann macht sie eine Pause und sagt: "Das ist wirklich schlimm. Und so etwas schreibst du gerne?" Die fröhliche Studentin hört zu. Es scheint, als protokolliere sie jedes Wort Müllers in ihrem Gedächtnis. Doch plötzlich rollen ihr Tränen über das Gesicht. Aus ihrem stillen Weinen wird Schluchzen. Wie in Trance packt sie ihre Sachen zusammen und verlässt den Raum.
Jetzt ist für Herta Müller das eingetreten, was sie unbedingt verhindern wollte: Wir Studenten streiten nicht über unsere Texte, die sind gar nicht mehr interessant. Auf dem Weg zur U-Bahn gibt es nur ein Thema: die Taktlosigkeit der Dozentin. Alle sind sich einig: Lernen von den Großen ist ja grandios. Aber wenn die Lust aufs Schreiben ruiniert wird, hat es keinen Sinn.
Nach vier Wochen ist das Seminar sichtlich zusammengeschrumpft. Nach den Tränen der Kommilitonin sind einige der Studenten nicht mehr ins Seminar zurückgekehrt. "Könnten sie nicht etwas konstruktiver sein?" fragt einer der Übriggebliebenen. "Das wäre wirklich nett." Auch seine Kurzgeschichte hat Herta Müller verrissen.
In einer der letzten Sitzungen bin ich an der Reihe, ich trage ein Theaterstück vor. Es handelt von Machtkämpfen in einem Altenheim. Herta Müller schaut aus dem Fenster. Als ich fertig bin, wendet sie ihren Kopf und sagt schroff: "Jetzt bin ich mal nett: Damit kann ich nichts anfangen. Das ist ja so absurd."
Seit dem Sommersemester 2005 besteht am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik. Die Literaturwerkstatt leitet jeweils der Gewinner des Berliner Literaturpreises. Im Sommersemester 2005 war es Herta Müller.
- Datum 13.10.2009 - 13:00 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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wie genial! "Herta" hört sich an wie "härter", deswegen! Versteht ihr? Das ist einfach nur genial und so etwas kann nur von sehr sehr kreativen Menschen kommen. Wer denkt, so etwas würde einem einfach so auf dem Klo einfallen, der irrt gewaltig. Ich kann mir vorstellen, dass dies das Ergebnis von stundenlangem Brainstorming ist. Aber es hat sich gelohnt!
Solche Wortspiele sind DER Bringer und zeigen wie qualitativ hochwertig eine Zeitung ist.
DochDoch.
hahahahahahahahahaha
Ein kleiner Schwenker dazu aus Berlin (in Klammern soz.:)
In Berlin gab es in den 60er Jahren eine Bar mit Kunst-Galerie, die Chefin hieß Herta. Schon damals hieß es: "Herta, Herta, du bist härter als ich dachte!"
:) Maria Reinecke
DochDoch.
hahahahahahahahahaha
Ein kleiner Schwenker dazu aus Berlin (in Klammern soz.:)
In Berlin gab es in den 60er Jahren eine Bar mit Kunst-Galerie, die Chefin hieß Herta. Schon damals hieß es: "Herta, Herta, du bist härter als ich dachte!"
:) Maria Reinecke
schreibt wie sie aussieht: verkrampft.
Die gepriesenden Wortbilder wirken wie erlernte Technik, ich habe den Eindruck, als habe ein SekIIer sich mal so richtig ausgetobt.
Nein, überzeugend ist diese Literatur eigentlich wenig. Zum Einen ist diese Form der Ausdrucksweise in keiner Weise einzigartig oder gar etwas Neues, zum anderen sind auch die geschriebenen Themen nicht wirklich neu.
Herta Müller, ein Lichtblick insofern, weil die Beliebigkeit erhellt wurde.
Ich bin damals mit der Überzeugung aufgewachsen, dass sich intellektuelle Brillanz stets mit Mitmenschlichkeit, Nachsicht und Toleranz vereinen lassen müssen. Oder anders ausgedrückt: einen guten Wissenschaftler, Schriftsteller oder Dozenten sollte nicht nur hohe geistige Leistungsfähigkeit auszeichnen, sondern auch außerordentliche ethische und moralische Qualitäten (Verständnis und Mitgefühl). Ich muß gestehen, ich habe diese Überzeugung heute immer noch - komme mir aber damit mittlerweile ziemlich altmodisch und allein vor.
hohe ethische und moralische Ansprüche lassen wenig Raum für Nachsicht und Toleranz.
Ein intelligenter Mensch kann außerdem sehr viel aus einer Geschichte heraushören, ein bestimmtes Weltbild des Verfassers z.B.
Ich kann mir denken, dass in den Geschichten der deutschen Schriftsteller-Aspiranten, sehr viel Dummheit und Ignoranz steckt. Das kann für einen "Höhergesinnten" einfach beleidigend sein. Für diese Studenten wäre es viel besser, sie würden etwas Gutes lesen, anstatt selbst zu versuchen, zu schreiben.
... "intellektuelle Brillanz" einerseits und "Mitmenschlichkeit, Nachsicht und Toleranz" schliessen einander sicher nicht grundsätzlich aus, aaaaber ...
Viel interessanreer schreint mir die Frage, woher die Vermutung rührt, jemand wie Frau Müller könnte jemanden inspirieren und/oder weiterbringen können?
Oder anders herum gefragt: Wie viele Tore schiesst der Trainer?
hohe ethische und moralische Ansprüche lassen wenig Raum für Nachsicht und Toleranz.
Ein intelligenter Mensch kann außerdem sehr viel aus einer Geschichte heraushören, ein bestimmtes Weltbild des Verfassers z.B.
Ich kann mir denken, dass in den Geschichten der deutschen Schriftsteller-Aspiranten, sehr viel Dummheit und Ignoranz steckt. Das kann für einen "Höhergesinnten" einfach beleidigend sein. Für diese Studenten wäre es viel besser, sie würden etwas Gutes lesen, anstatt selbst zu versuchen, zu schreiben.
... "intellektuelle Brillanz" einerseits und "Mitmenschlichkeit, Nachsicht und Toleranz" schliessen einander sicher nicht grundsätzlich aus, aaaaber ...
Viel interessanreer schreint mir die Frage, woher die Vermutung rührt, jemand wie Frau Müller könnte jemanden inspirieren und/oder weiterbringen können?
Oder anders herum gefragt: Wie viele Tore schiesst der Trainer?
Die Dame scheint einfach sehr konkurrenzbewußt zu sein. Ja niemanden zulassen, der einem potentiell irgendwann im Licht stehen könnte. Extrem ehrgeizigen, rücksichtslose Leute gibts zur Genüge, aber als Dozentin ist das natürlich schwierig. Ansonsten ist sie wahrscheinlich kein "schlechterer" Mensch als viele andere "erfolgreiche" Leute.
DochDoch.
hohe ethische und moralische Ansprüche lassen wenig Raum für Nachsicht und Toleranz.
Ein intelligenter Mensch kann außerdem sehr viel aus einer Geschichte heraushören, ein bestimmtes Weltbild des Verfassers z.B.
Ich kann mir denken, dass in den Geschichten der deutschen Schriftsteller-Aspiranten, sehr viel Dummheit und Ignoranz steckt. Das kann für einen "Höhergesinnten" einfach beleidigend sein. Für diese Studenten wäre es viel besser, sie würden etwas Gutes lesen, anstatt selbst zu versuchen, zu schreiben.
Was, um Himmelswillen, ist denn ein "Höhergesinnter"? Und wo gibt es denn diese Spezies? In der Politik? Nö. Da treiben sich fast ausnahmslos Kleinkrauter herum. In der Wirtschaft? Außer Herr Müllermilch fällt mir niemand ein. In der Finanzwelt? Da beherrscht kaum jemand die vier Grundrechenarten. Im Showbizz? Allenfalls Bohlen und Kerner. In der Modebranche? Höchstens Boss Kik und Hathathat Lagerfeld. Bei Sang und Klang? Gotthilf Fischer und Karl Moik haben`se ja ausgemustert. Im Literaturbereich? Seit ich in ein Büchlein von Herta reingelesen habe, wohl auch nicht.
Aber: Sol lucet omnibus.(Asterix XI/26)
Was, um Himmelswillen, ist denn ein "Höhergesinnter"? Und wo gibt es denn diese Spezies? In der Politik? Nö. Da treiben sich fast ausnahmslos Kleinkrauter herum. In der Wirtschaft? Außer Herr Müllermilch fällt mir niemand ein. In der Finanzwelt? Da beherrscht kaum jemand die vier Grundrechenarten. Im Showbizz? Allenfalls Bohlen und Kerner. In der Modebranche? Höchstens Boss Kik und Hathathat Lagerfeld. Bei Sang und Klang? Gotthilf Fischer und Karl Moik haben`se ja ausgemustert. Im Literaturbereich? Seit ich in ein Büchlein von Herta reingelesen habe, wohl auch nicht.
Aber: Sol lucet omnibus.(Asterix XI/26)
... "intellektuelle Brillanz" einerseits und "Mitmenschlichkeit, Nachsicht und Toleranz" schliessen einander sicher nicht grundsätzlich aus, aaaaber ...
Viel interessanreer schreint mir die Frage, woher die Vermutung rührt, jemand wie Frau Müller könnte jemanden inspirieren und/oder weiterbringen können?
Oder anders herum gefragt: Wie viele Tore schiesst der Trainer?
...lese ich da - richtig - Ironie?
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