Die Party ging bis spät in die vergangene Nacht. Zehntausende lärmende Studenten zogen stundenlang mit selbst gemalten Transparenten, Trommeln, Trillerpfeifen und mobilen Soundsystemen durch die engen Gassen der Wiener Innenstadt. Mitten hinein ins Regierungsviertel zogen die Kolonnen und wieder zurück zur Universität an der gesperrten Ringstraße, dem Prachtboulevard aus der Gründerzeit. Dort stand Massenmambotanzen für das Bildungssystem auf dem Programm. Dann wieder hinein in das Audimax, den größten Hörsaal des Landes, den beherzte Kommilitonen seit einer Woche besetzt halten. Die einen verkrochen sich in ihren Schlafsäcken in schummrige Winkel, die anderen debattierten noch eine Weile, während die Mediengruppe ihre Protesthomepage und die Einträge in den sozialen Internetzwerken auf den letzten Stand brachte.

Am nächsten Morgen ging es weiter. Plenum, Diskussion, Basisdemokratie, Forderung um Forderung wird gestellt: Freie Bildung für alle, kein Sexismus, nieder mit dem Prekariat! Längst tot geglaubte Rituale aus der Blütezeit der Studentenbewegung werden revitalisiert und sind lebendiger denn je. Wie in einer Zeitmaschine begegnet das Sit-in von anno dazumal dem Internetzeitalter.

Am Nachmittag ein kleiner Knalleffekt: Eine Vertreterin des noch immer mächtigen Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) tritt an das Rednerpult im Audimax der Universität Wien und verkündet unter freudigem Johlen, der Bundesvorstand ihrer Organisation habe soeben einen Solidaritätsbeschluss gefasst. "Tief beeindruckt" seien die Arbeitnehmerfunktionäre von der studentischen Rebellion, sogar "Vorbildcharakter" hätte sie.  "Hochachtung", versicherte die Vizepräsidentin: "Der ÖGB steht an eurer Seite – haltet durch!"

Plötzlich hatte der spontane Aufstand die engen Grenzen des akademischen Reviers verlassen. Beeindruckt sind die Gewerkschafter wohl vor allem deshalb, weil den Studenten gelang, wozu sie seit langem nicht mehr in der Lage sind: Sie mobilisierten Massen, ohne Organisationsstrukturen, ohne Propagandareferat, ohne Funktionärsbasis. Einfach nur mit Twitter,Facebook und Mobiltelefonen. Was vor wenigen Tagen mit einer kleinen Unmutsgeste an der Wiener Kunstuni begann, ist mittlerweile zu einer landesweiten Protestwelle angeschwollen. Auch in Graz, Linz oder Innsbruck wurden Hörsäle besetzt, Wissenschaftler, Assistent, Gymnasiasten, einfach alle, die unzufrieden sind mit dem Bildungssystem in Österreich schlagen sich auf die Seite der studentischen Rebellen.

Der Aufstand hatte sich nicht angekündigt, niemand damit gerechnet. Die Politik wurde einfach überrollt und reagiert nun hilflos und orientierungslos. Ausgelöst hatte den Massenprotest der desolate Zustand, in dem sich die österreichischen Unis befinden. Als die Studenten zu Semesterbeginn zurück in die Hörsäle strömten, wurde ihnen schlagartig bewusst, dass sich ihre Studienbedingungen weiter verschlimmert hatten. Erstmals mussten die österreichischen Hochschulen mehr als 300.000 Studenten aufnehmen, seit 2001 hat sich ihre Anzahl verdoppelt.

Das System ist bestenfalls auf zwei Drittel der aktuellen Zahl ausgelegt, nun sollte es im Wintersemester neuerlich 40.000 Anfänger verdauen. Bei den Massenvorlesungen in den überlaufensten Studiendisziplinen (Sozialwissenschaft, Publizistik, Jura, Pädagogik oder Psychologie) sind die Hörsäle chronisch überfüllt. Das nun besetzte Audimax in Wien verfügt beispielsweise über 750 Plätze, doch gewöhnlich drängen sich weit über tausend Hörer in dem Saal, die dann sogar in Trauben auf der Bühne zu Füßen des Vortragenden kauern. Der größte Teil des Lehrbetriebs beruht auf Improvisation. Sowohl Rektorat als auch Studierende müssen alle Phantasie walten lassen, um irgendwie den Kollaps der Alltagsroutine zu verhindern.

Die Probleme sind nicht neu, doch werden sie systematisch ignoriert. Anfänglich versuchte man den Ansturm deutscher Studenten, die gerne "Numerus clausus-Flüchtlinge" genannt werden, für die ungemütliche Situation verantwortlich zu machen. Doch dass die Politiker hier nur einen Sündenbock suchten ist den meisten an den Hochschulen klar: Uni-Gäste aus dem nördlichen Nachbarland stellen nicht einmal sieben Prozent der Studierenden.