Proteste an Unis

Heißer Sommer, heißer Herbst

An 20 Unis haben Studenten Hörsäle besetzt. Ihre Forderungen sind dieselben wie beim Bildungsstreik im Sommer - und immer noch berechtigt. Justus Bender kommentiert

In Greifswald campierten rund 20 Studenten in einem Hörsaal

In Greifswald campierten rund 20 Studenten in einem Hörsaal

Müssen wir uns das jetzt schon wieder anhören? Das Gejammer von Bachelor-Studenten, die über zuviel Lernstoff klagen. Die keine drei Klausuren in der Woche schreiben wollen. Die mehr Freizeit haben möchten und mehr Geld, als hätten wir das nicht alle gerne. Hat es diese Klagen nicht gerade erst gegeben, beim Bildungsstreik im vergangenen Sommer, als etwa 100.000 junge Menschen in allen deutschen Großstädten auf die Straße gingen?

Im Sommer forderten die Studenten eine bessere und gerechtere Bildungspolitik und mehr Geld für die Universitäten. Sie wollten erreichen, dass die Lehrpläne entschlackt werden und alle, die wollen einen Master-Studienplatz bekommen. Ihre Forderungen sind gleich geblieben und sie sind jetzt so berechtigt wie im vergangenen Sommer.

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Die Lehrpläne sind zu voll, weil viele Professoren gerade ihren Forschungsschwerpunkt für unentbehrlich halten. In vielen Fächern wurde der Stoff aus acht oder neun Semester in sechs gepresst und immer noch nicht angepasst. Für Auslandsaufenthalte und Praktika bleibt dadurch wenig oder gar keine Zeit. Gleichzeitig wird den Studenten eingeredet, dass sie Praxis- und Auslandserfahrungen sammeln müssen. Sie hätten sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt, heißt es.

Die Hochschulen sind unterfinanziert, weil der Bildungsetat in vielen Kabinettsrunden immer noch stiefmütterlich behandelt wird. Und die Abbrecherquoten sind durch die Einführung des Bachelors gerade in den technischen Fächern gestiegen, deren Absolventen die deutsche Wirtschaft besonders dringend nötig hat.

Sogar Bildungspolitiker geben mittlerweile zu, dass viele Lehrpläne zu dicht gepackt sind. Aber sie geben die Schuld dafür den Hochschulen. Die Hochschulen wiederum geben zu, dass ihre Lehre schlecht ist. Sie wiederum machen das mangelnde Geld dafür verantwortlich und geben die Schuld daran den Bildungspolitikern.

Mittendrin, zwischen den Fronten, sitzen die Studenten und ärgern sich, dass die Probleme wohl erst dann gelöst sein werden, wenn sie die Hochschule schon verlassen haben. Eins haben sie aber trotzdem erreicht: Niemand leugnet mehr, dass es Probleme gibt.

Wollen die Hochschulen weitere Proteste verhindern, müssen sie den Studenten jetzt signalisieren, dass kurzfristige Reformen möglich sind. Und dass diese Korrekturen den Studenten von heute noch zugute kommen, und nicht erst der Nachfolger-Generation in sechs Semestern.

Es hilft nicht weiter, wenn wie im vergangenen Sommer die Studenten von allen Seiten Applaus bekommen: von den Bildungspolitikern für ihre kritische Haltung gegenüber den Hochschulen, von den Hochschulen für ihre Geldforderungen gegenüber der Politik. Die Verantwortlichen müssen aufhören, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben. Solange dies nicht geschieht, ist es richtig, dass die Studenten wieder auf die Barrikaden gehen.

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Leser-Kommentare

  1. 1. 2004

    war ich dabei. Dem Protest geht die Puste aus, sobald es auf Semester- oder Weihnachtsferien zugeht.

    • 12.11.2009 um 19:53 Uhr
    • Yman

    Man muß die Forderungen der StudentInnen unterstützen und noch weitergehen!

    Laßt uns eine akademische Universität aufbauen und die zur Berufsschule verkommene Institution abschaffen. Wir brauchen keine Marke „Universität“, deren Wert nicht von der Lehre, sondern von der Marketingabteilung abhängt.

    Laßt uns endlich reformieren und Bachelor und Master abschaffen!

    Laßt uns unser Diplom und den Magister einführen!

    Laßt uns das duale Ausbildungssystem und das Abitur erhalten!

    Laßt uns modularisierte Studiengänge und den Modulzwang verbieten!

    Laßt uns strukturierte Studienprogramme mit entschlackter Curricula abschaffen!

    Laßt uns Akkreditierungsagenturen verbieten! Das Geld brauchen wir an unseren Unis!

    Laßt uns die Tätigkeit, auch die kostenlose, von Hochschulberatungsinstituten etc. verbieten!

    Laßt uns unser Doktorat erhalten. Wir brauchen keine DBAs, MDs, PhDs und schon gar nicht von der Wirtschaft geschaltete Graduiertenprogramme dafür!

    Laßt uns die Habilitation erhalten!

    Laßt uns unsere Volluniversität, als das was sie ist erhalten! Wir brauchen keine Monoversitäten oder University. Nur die wirkliche Volluniversität darf Promotionsrecht haben!

    Die Verantwortlichen für das gescheiterte Experiment müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Sie sind für die Unglücklichen verantwortlich, welche als Versuchskaninchen mißbraucht worden!

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    Lasst uns den Pöpel von den Universitäten werfen: 5% eines Jahrganges genügt!

    Lasst die Universitäten wieder ausschließlich Theologie, Philosophie, Juristerei und Medizin lehren - Alles andere ist nicht akademisch und dieser hochwürdigen Institution unwürdig!

    Lasst uns alle Macht alleine den Professoren geben! Praxisrelevanz ist etwas, dass einen wahren Geist nicht interessiert. Und einmal ganz ehrlich - beginnt das Menschsein nicht erst als Ordinarius?

    Lasst uns Elite sein! Abbrecherquoten von 90% sind ja nur Zeichen von wahrer Exzellenz - Wer es nicht schafft, hat es halt nicht verdient!

    Lasst uns Nichtakademikerkinder von den Universitäten ausschließen - Sie machen nur Arbeit und ihre Chancen sind sowieso minimal!

    Lasst uns den klassischen Bildungskanon als Aufnahmeprüfung voraussetzen! Wer Goethe, Schiller und ein paar Baladen nicht kann, der hat an einer Universität nichts zu suchen!

    Lasst uns alles Geld verteilen und nicht danach fragen, was damit geschieht! Es ist eine dreiste Unverfrorenheit, von einem Universitätsprofessor Rechenschaft über Steuermittel zu verlangen!

    Lasst uns nur Forscher ausbilden! Praxisrelevanz ist etwas für den Pöpel und diejenigen, die nicht das Zeug zum Forscher haben, sollen doch an die Fach-"hochschulen"

    Ich könnte kotzen, wenn ich soetwas höre.

    Ein Student

  2. und werde etwas konkreter:

    Was der Studiengang Biologie unbedingt verpflichtend braucht, ist die "Biochemie der Ostseebraunalgen".

    Und überhaupt finde ich, dass die neuzeitlichen, universitären Inhalte viel zu wenig rein akademisch sind!

    ;-)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es tut gut Zuspruch zu erfahren ;-)

    Selbstverständlich muß Wissenschaft es möglich machen, sich mit der „Biochemie der Ostseebraunalgen" beschäftigen zu können…aber klar - Wissenschaft ist zunächst mal zweckfrei!
    Hierfür benötige ich aber den akademisch gebildeten Menschen, keinen Berufsschüler. Deshalb darf es eben nicht „verpflichtend“ geschehen, man kann so was nicht in Module packen, strukturieren, optimieren, harmonisieren und im Multiple- Choice- Verfahren abprüfen.

    Das Bachelor- und Mastersystem hat keinen Fehler – es ist ein Fehler !!!

  3. Ich kann den Studenten bei Ihren Protesten nur Recht geben sowie Sie dazu ermuntern, weiterzumachen. Allerdings sollten sie auch bedenken, daß ihre Proteste bei weitem zu kurz gegriffen sind.

    Offensichtlich geht es den Studenten nun um die gegenwärtige Situation der schlechten Ausstattung der Unis, der schlechten Lehre, der Probleme bei der Umstellung zum Bachelor-Master-System sowie der angespannten finanziellen Situation durch Studiengebühren, Wirtschaftskrise etc. Eine Situation, welche sich im Laufe der vergangenen Jahre immer mehr zugespitzt hat. Jedenfalls könnte man das meinen.

    Wer die Augen allerdings weit öffnet sowie auch noch weiter in der Vergangenheit recherchiert, wird jedoch sehr schnell feststellen, daß es nicht bloß Jahre, sondern sogar bereits Jahrzehnte sind, in denen es zu immer größeren Zuspitzungen gekommen ist. Immer mal wieder gibt es dann auch Proteste sowie Berichte darüber, was dann auch kurzfristig durchaus zu Aktionen und Reaktionen führt. Mittelfristig aber verläuft das ganze dann im Sande und langfristig ändert sich alles lediglich in Richtung weiterer Zuspitzungen und Verschlechterungen. Wer Interesse daran hat, kann diesbezüglich gerne unter meinem Namen klicken. Neben einem Leserartikel mit diversen Kommentaren und Links, die alle eine Durchsicht lohnen, habe ich auch noch weitere Artikel zu diesem Themenkomplex kommentiert. Und auch hier lohnt sich eine Durchsicht dieser Artikel, mitsamt Kommentaren und Links.

    Weiter Teil 2

  4. Gegenwärtig bin ich, ausstudierter Diplom-Chemiker und Dr. rer. nat. gerade dabei, an einer Fortbildung teilzunehmen, die für mich hoffentlich nach mehr als 5 Jahren in einer Beschäftigung endet. Wie heißt es doch so schön: Die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt.

    Wesentlich interessanter ist es jedoch, daß in dieser Fortbildung, und dies ist nicht die erste und einzige, auch viele gut ausgebildete Leute mit akademischem Hintergrund sitzen, welche trotz hoher Qualifikation ALG1 oder ALG 2 beziehen. Und keiner dieser Leute, auch nicht die Akademiker, sind in diese Situation aufgrund von Arbeitsunwilligkeit gekommen.

    Bezeichnend ist diesbezüglich auch ein heute gesagter Satz, der in etwa lautet, daß die Anforderungen immer höher geschraubt werden, die Karrierechancen sowie der Verdienst und die Aussicht auf eine sichere und lebenswerte Zukunft sich jedoch immer mehr reduzieren. Genauso wie die Investitionen in die Bildung, so habe ich zumindest den Eindruck, mit jedem Jahr weiter schrumpfen. Hier meine ich nicht nur das Geld, sondern auch das Engagement und den Idealismus der dafür Verantwortlichen.

    Weiter Teil 3

  5. Aufgrund dieser bedauerlichen Realitäten sowie den langfristig offenbar wirkungslosen Protesten schlage ich den Studenten nun folgendes vor: Geht hin und verlangt notariell beglaubigte und rechtlich einklagbare Garantieerklärungen von den Verantwortlichen sowie den zukünftigen Arbeitgebern. Garantieerklärungen für materielle und psychische Unterstützung im Studium sowie für zukünftige berufliche und soziale Sicherheit. Und wenn Ihr die nicht bekommt, tut garnichts mehr. Dieses System lebt nämlich vom Schüren diverser Ängste und davon, daß immer mehr Leute sich immer höher qualifizieren, diverse leere Versprechungen einer guten Zukunft jedoch immer weniger eingehalten werden. Allerhöchstens wird hier im Rahmen eines diversen Verlautbarungsjournalismus die noch zu niedrige Studentenquote beklagt, damit bei ausreichender Absolventenzahl die Qualität der Löhne sowie der Arbeitsbedingungen wieder gedrückt werden können. Erst wenn diesem System durch pure Verweigerung die Gefolgschaft ausbleibt, erst wenn dann ein tatsächlicher Fachkräftemangel deutlich spürbar wird, erst dann wird sich tatsächlich etwas verändern können.

    Weiter Teil 4

  6. Es ist im Prinzip so, wie zu Beginn der Industrialisierung. Gleich nach der Bauernbefreiung gingen viele als Arbeiter in die Fabriken, da die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten hier deutlich besser waren als auf dem Land. Je mehr jedoch dazu kamen, desto drastischer verschlechterten sich die Bedingungen und desto mehr wurden die Löhne gedrückt. Erst die Begründung von Arbeiterbewegung und Gewerkschaften brachte hier eine Änderung.

    Heute haben wir in etwa dasselbe Problem. Nur eben auf einer viel höher qualifizierten Ebene, nämlich dem Prekariat von Studienabbrechern und Ausstudierten anstatt einem Proletariat. Die Auswirkungen aber werden dieselben sein, wenn es nicht endlich eine Vereinigung für alle Akademiker gibt. Für die Vordiplom- oder Bachelor-Leute ebenso wie für die Ausstudierten, die erfolgreichen, die Dauerpraktikanten und auch die Hartz 4 Empfänger. Ein kleiner Anfang wurde bereits unter

    http://www.diaa.de/diaa/e...

    gemacht. Hier tauschen Leute, zu denen später auch so mancher heutige Student gehören kann, anonym Ihre Erfahrungen aus. Dies muß nicht nur hier, sondern in vielen anderen Foren und Bereichen noch mehr werden. Nicht nur die Situation an den Unis, sondern auch die Situation vieler ehemaligen Studenten danach, muß schonungslos ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden.

    Weiter Teil 5

  7. Sicher gibt es Auswege aus dieser nun schon Jahrzehnte schwellenden Krisensituation. So etwa alternative Lernmethoden (Autosuggestopädie), der verstärkte Einsatz von Computern (auch Virtuelle Realität) sowie E-Learning, um nur einige Beispiele zu nennen. Um aber wirklich eine Änderung des gegenwärtigen Systems diesbezüglich zu erwirken, muß der Druck durch Öffentlichkeit hier massivst erhöht werden. Nicht nur bezüglich der Unis sondern ebenfalls bezüglich des damit verbundenen sehr weiten Umfeldes.

    Dr. Jens Romba

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  • Von Justus Bender
  • Datum 17.11.2009 - 15:42 Uhr
  • Quelle ZEIT ONLINE
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  • Schlagworte Student | Hochschule | Protest | Bologna-Prozess | Bologna-Reform
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