Ein kleines blaues Netbook ist Schuld, dass Lisa, 20, in einer Kneipe auf dem Campus der Paderborner Uni nicht gemütlich ihren Kaffee trinken kann. Zusammen mit ihren Kommilitonen schlendert die Studentin der Wirtschaftswissenschaften in den Pub, der wie immer gut gefüllt ist. Als sie einen freien Tisch entdecken und sich setzen wollen, fangen Studenten aus einem höheren Semester an zu pöbeln: "Sucht euch woanders einen Platz!" Anlass für den Zoff ist das Netbook, das Lisa, die eigentlich anders heißt, unter dem Arm trägt. Ein Geschenk der Uni für alle Erstsemester, die in diesem Wintersemester ihr Studium in Paderborn begannen oder an die Uni gewechselt sind.

Studenten höherer Semester gingen leer aus, und das schürt offenbar Neid. Der Hersteller der Netbooks heißt Dell, und so haben die Neu-Paderborner von ihren älteren Kommilitonen bereits einen Spitznamen erhalten: Nicht mehr Erstis heißen sie, sondern "Dellis". Viele Studienanfänger haben die Hänseleien und abschätzigen Blicke satt und lassen den Computer nun häufiger in der Tasche.

Die Uni-Leitung wollte mit den Netbooks mehr Studenten nach Paderborn locken. Neben einem Netbook als Begrüßungsgeschenk schaffte die Uni an mehreren Fachbereichen den Numerus Clausus ab und sorgte damit in diesem Wintersemester für einen Massenansturm. Um 41 Prozent stieg die Zahl der Studienanfänger gegenüber dem Wintersemester 2008/09, so stark wie nirgendwo sonst in Nordrhein-Westfalen , dessen Unis im Schnitt Zuwächse von sechs Prozent verzeichneten.

Für Nikolaus Risch, Präsident der Uni Paderborn, ist vor allem der Wegfall des NCs für den Ansturm verantwortlich. "Die Netbook-Aktion hat bei der Entscheidung für den Standort Paderborn eher eine untergeordnete Rolle gespielt, das hat auch eine von uns durchgeführte wissenschaftliche Begleituntersuchung ergeben. Laut Risch hätten sich 50 Prozent der Neuanfänger wegen des guten Rufs für die Uni Paderborn entschieden. Schlechte Stimmung zwischen neuen Studenten und denjenigen der höheren Semester sieht Risch nicht. Das Verhältnis sei so gut "wie an jeder anderen Hochschule auch".

Pascal Mollet, Sozialreferent der Studierendenvertretung der Uni Paderborn, sieht das ganz anders. Die Aktion rufe Neid unter den Studenten hervor. "Für Studenten höherer Semester ist das ein Schlag ins Gesicht."

Jonas Rödiger, 20, ist neu in Paderborn. Im Fahrstuhl wurde er schon wegen seines Gratis-Netbooks mit einem Spruch bedacht. Er sagt: "Ich kann verstehen, dass die älteren Studenten neidisch sind, aber für mich ist das Netbook schon sehr praktisch." Die Stimmung an der Uni sei zunehmend gereizt, die Hörsäle überfüllt. In seinem Latein-Kurs sitzen 173 Studenten. "So kann man nicht lernen."