Minarett-Streit "Wir wollen uns nicht abschotten"

Ibrahim ist 25 und studiert an einer Schweizer Uni. Welche Bedeutung hat das Minarett-Verbot für einen jungen, gebildeten Schweizer Muslim wie ihn? Ein Interview

Ein Plakat der Schweizer Kampagne gegen Minarette

Ein Plakat der Schweizer Kampagne gegen Minarette

ZEIT ONLINE: Wie lebt es sich als muslimischer Student in einem Land, das gerade per Volksabstimmung den Bau neuer Minarette untersagt hat? Werden Sie mit Vorurteilen konfrontiert?

Ibrahim*: Wenn ich auf meine bisherige Zeit an der Uni zurückschaue, kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Aber ich bin auch niemand, der seine Religion zur Schau stellt, das ist meine Privatsache. Daher nehmen mich die Kommilitonen wohl auch eher nicht als Moslem wahr. Manche sind aber doch irritiert oder befremdet, dass ich als rational-aufgeklärter Student einer Religion folge und dann auch noch einer, die vielen als "rückständig" gilt. Das bemerke ich in Gesprächen schon, das ist aber eher unterschwellig. Direkt gesagt hat mir das noch niemand.

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ZEIT ONLINE: Können Sie Ihre Religion an der Uni ausleben?

Ibrahim: Mein Gebet habe ich am Anfang des Studiums während des Tages nicht gemacht, sondern die Gebete zu Hause nachgeholt. Dann haben ein muslimischer Kommilitone und ich die Uni-Verwaltung gefragt, ob wir den christlichen Andachtsraum mitbenutzen könnten. Das ging ohne Probleme. Der Raum wurde dann aber aufgelöst. Eine Zeit lang haben wir tatsächlich ab und zu im Archiv im Keller gebetet, denn da verirrt sich normalerweise niemand hin. Irgendwann kam aber doch mal jemand in den Keller und hat sich fürchterlich über uns erschrocken. Jetzt benutzen wir den Musiksaal, wo nur ab und an mal jemand Klavier übt. Das Gebet dauert ja auch nur 15 Minuten, und wir sind nur vier oder fünf Leute.

ZEIT ONLINE: Welche Bedeutung hat Ihre Religion für Sie?

Ibrahim: Die Menschen denken oft, das Leben der Muslime sei durch ihre Religion bestimmt, aber so einfach ist es nicht. Die Religion gibt mir Gewissheit für das Diesseits und Jenseits, Stabilität und Ruhe. Das sind elementare Dinge im Leben eines Menschen. Ich bin in Pakistan geboren und mit fünf Jahren in die Schweiz gekommen. Meine Eltern sind religiös, aber liberal. Die Grundlagen der Religion habe ich zu Hause gelernt, ich war nie an eine Moschee gebunden. Vor allem meine Großeltern haben regelmäßig gebetet, aber es gab keinen Druck von den Eltern auf mich. So hatte ich die Möglichkeit, mich selbst frei für die Religion zu entscheiden.

ZEIT ONLINE: Beschränkt Ihr Glaube Sie mitunter in Ihrem Alltag?

Ibrahim: Meine Religiosität ist pragmatisch. Als ich beim Schweizer Militär war und der Ramadan in die Dienstzeit fiel, habe ich natürlich nicht gefastet. Ich weiß von einem Juden im Militär, der sich sogar sein koscheres Essen hat importieren lassen und ganz strikt in seiner Glaubensausübung war. Die Gemeinschaft hat ihn natürlich überhaupt nicht akzeptiert. So wäre es auch mir ergangen, hätte ich mich nicht angepasst.

ZEIT ONLINE: Ist das Minarett-Verbot ein Thema an der Uni?

Ibrahim: Genauso wie andere aktuelle Themen auch. Man redet darüber, aber die Diskussion läuft ja ohnehin seit drei Jahren. Ich habe an der Uni nichts davon mitbekommen, dass irgendjemand mit dieser Initiative gegen die Minarette sympathisiert hätte.

ZEIT ONLINE: Ist das Klima an der Uni denn ein anderes als im Rest des Landes?

Ibrahim: Studenten stammen ja meist aus bildungsnäheren Schichten. Sie sind relativ welterfahren und an den Unis findet ein reger internationaler Austausch statt. Die Studenten haben sicher nicht dieselben Ängste und Befürchtungen wie die Menschen in den ländlichen Gebieten in der Schweiz. Das Ergebnis der Volksabstimmung kann aber nicht nur ein voreingenommener Teil der Landbevölkerung verursacht haben. Bestimmt haben auch junge Leute für das Verbot gestimmt, vielleicht auch viele Studenten. Öffentlich zugeben würden einige es aber wohl nicht.

ZEIT ONLINE: Von vielen Seiten ist zu hören, die Muslime hätten zu wenig getan, um für Verständnis für sich und ihre Religion zu werben.

Ibrahim: Ich bezweifle, dass es ein anderes Resultat gegeben hätte, wenn wir etwas gegen die Initiative unternommen hätten. Die muslimischen Vertreter haben vor längerer Zeit beschlossen, dass sie keine Gegenkampagne zu dem Volksentscheid starten. Ich denke auch, dass es kontraproduktiv gewesen wäre. Allgemein stimmt es aber vielleicht, dass wir zu wenig getan haben, um Vorurteile gegen den Islam abzubauen.

ZEIT ONLINE: Was könnten Sie denn als junge Muslime tun?

Ibrahim: Wir jungen Muslime bringen uns in die Gesellschaft ein und möchten ein Teil von ihr sein. Wir wollen uns nicht abschotten. Einerseits wird den Muslimen vorgeworfen, sie würden sich verstecken, sie bildeten eine Parallelgesellschaft. Aber die Initiative gegen die Minarette zeigt, dass gerade das Sichtbarwerden der Muslime als Problem aufgefasst wird. Natürlich müssen wir den Dialog fortführen, ich frage mich aber, wie viel das bringt. Gewisse Versuche für einen Dialog können auch als missionarisch wahrgenommen werden, teilweise sind sie es auch. Das Hauptproblem ist das Misstrauen. Wenn der andere einem nicht glaubt und davon ausgeht, dass man etwas Böses im Schilde führt, dann kann man noch so sachlich argumentieren, man wird nichts erreichen.

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie, dass die Muslime in der Schweiz immer stärker ausgegrenzt werden?

Ibrahim: Ein Unbehagen ist da. Niemand hat mit einem so eindeutigen Abstimmungsergebnis für das Minarett-Verbot gerechnet. Nun spricht man bereits über ein Burka- oder Kopftuchverbot, die Tendenz kann schon zu Denken geben. Viele Politiker haben vor der Abstimmung immer wieder betont, das Minarett-Verbot löse kein einziges Problem. Sie haben davon abgeraten, dafür zu stimmen. Dass die Muslime in der Schweiz integriert und friedliche Menschen sind, das hat man hingegen relativ selten gehört. Andererseits habe ich die Hoffnung, dass diese Abstimmung die Leute wachrüttelt. Ich denke nicht, dass jedem, der für das Verbot gestimmt hat, wirklich bewusst war, was es für Konsequenzen haben kann, diesen Kurs einzuschlagen.

ZEIT ONLINE: Könnte der Volksentscheid dazu führen, dass sich manche Muslime radikalisieren? Haben Sie selbst Berührungspunkte mit radikalen Muslimen?

Ibrahim: Ich bin Mitglied in einem Verein junger Muslime. Für diesen war ich einmal in einer Moschee, die von vielen Arabern besucht wird, um zu schauen, ob es auch dort interessierte junge Leute gibt. Zwei, drei junge Männer reagierten unglaublich aufgebracht und wollten eine Grundsatzdiskussion über den Glauben führen. Dass es in unserem Verein Männer und Frauen gibt, fanden sie beispielsweise unmöglich. Ihre Haltung und die ganze Situation befremdeten mich enorm. Doch das war das erste und einzige Mal, dass ich solchen Leuten begegnet bin. Aber Ziel der Initiative gegen die Minarette ist auch nicht primär, den Radikalen das Leben schwer zu machen.

ZEIT ONLINE: Sondern?

Ibrahim: Man verbietet den Bau von Türmen auf muslimischen Gebetslokalen, ein Symbol der ganz normalen gläubigen muslimischen Bevölkerung. Als junger, gebildeter und integrierter Moslem bin ich unglaublich enttäuscht. Ich habe mich immer zur Schweiz bekannt. Als Migrantenkind kannte ich von früher schon das Gefühl des Spagats zwischen zwei Heimaten. Irgendwann wurde mir klar, dass ich mich für ein Land entscheiden muss. Ich habe mich für die Schweiz entschieden und fühle das auch bis heute so. Jetzt muss ich als Schweizer zweifeln, ob ich hier toleriert werde, ob ich überhaupt noch dazu gehören darf. Das ist gerade für junge Muslime in der Schweiz, ob mit Pass oder nicht, ein großes Problem. Viele könnten sich abschotten. Es bleibt der schale Nachgeschmack, dass es genau das ist, was die Initianten des Verbots erreichen wollen, auch wenn sie andere Beweggründe nennen.

Die Fragen stellte Meike Fries

* Ibrahim möchte seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen
 

 
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