"Ich kann mir nicht vorstellen, wie man hier Außenseiter bleiben kann. Im College werden wir regelrecht auf soziale Kontakte gestoßen", sagt Sarah Schierack. Sarah macht gerade ihren Master in Geschichte in Durham, neben Oxford und Cambridge die dritte College-Universität in Großbritannien. Die vergangenen drei Jahre hat sie in Bonn studiert und schon jetzt sagt sie: "In den ersten paar Wochen habe ich im College mehr Leute kennengelernt als in drei Jahren an der Uni in Bonn."

St. Chads ist mit knapp 500 Studenten das kleinste der 16 Colleges in Durham. Im Gegensatz zu Oxford und Cambridge wird in Durham an den Colleges nicht unterrichtet; sie sind vor allem für das Knüpfen sozialer Kontakte gedacht. "Am Anfang des Semesters haben sich viele College-Clubs auf der Fresher's Fair, einer Messe für Erstsemester, vorgestellt. In Deutschland war es viel schwieriger, an verschiedene Gruppen heranzukommen", ist Sarahs Eindruck. Nach zwei Monaten in der neuen Heimat verbringt sie selbstverständlich einen Samstag am Ufer des Flusses Wear, um ihre Freundin Catie im Ruderteam bei der ersten Regatta des akademischen Jahres anzufeuern.

"Go Chads! Go Chads! Go Chads!" Obwohl die Regatta verlegt wurde, es kalt ist und leicht regnet, feuern Sarah und die anderen Chadsians ihre Crews lautstark an. Die meisten tragen ein dunkelgrünes Sweatshirt mit dem College-Wappen; einige haben sich das College-Kreuz sogar auf ihre Gesichter gemalt. "Go Chads!" Caties Crew gewinnt das erste Rennen um Längen, beim zweiten Wettkampf fängt eine Kameradin eine Krabbe mit dem Ruder und bringt so das Team um den Sieg. "Gegen die Krabben kann man nichts machen. Aber ich bin sehr stolz auf unser Team", freut sich Gen Porter, Caties Steuerfrau und Trainerin.

"Häufig wird St. Chads mit einer Familie verglichen", erzählt Gen. Neben ihrem Studium verbringt sie wöchentlich zehn Stunden damit, die Frauen-Rudermannschaften zu koordinieren. Ganz schön viel Zeit, die sie unentgeltlich für St. Chads opfert. "Warum ich das alles mache? Weil ich die College-Gemeinschaft toll finde und mich gerne einbringen möchte." Oberflächlich scheint es, als ob sich das College-Leben in gemeinsamen Sportteams und Kleidung in den Farben des Colleges erschöpft. Für die Studierenden in Durham ist es aber viel mehr.

Alle Fresher, also alle Erstsemester, wohnen auch im College. "Man trifft die anderen beim Essen, abends in der Bar, überall. Hier in St. Chads redet wirklich jeder mit jedem, alle kennen sich", erzählen Gen und Sarah. Jeder Student wird zwei akademischen Tutoren zugewiesen, die meist nach dem Studienfach ausgewählt werden.

Doch für Bachelorstudenten bietet das College noch mehr, und Familie ist für Gen nicht nur eine Metapher. "Jeder Fresher wird einer Mutter und einem Vater zugeteilt." Das sind Studierende in ihrem zweiten und dritten Jahr. Inzwischen ist Gen selbst "verheiratet" und hat zwei Kinder: "Vor allem am Anfang vom Studium haben wir den beiden viel geholfen. Welche Bücher sind sinnvoll, was muss man für einen Kurs wirklich an Leistung bringen, wo finden Kurse statt, die 'Eltern' helfen bei wirklich allen Fragen." Die Studenten in St. Chads nehmen das Familiensystem viel ernster als andere Colleges, wo es das nur während der ersten Wochen gibt. "Anfangs fand ich dieses System wirklich befremdlich, aber es ist sehr hilfreich", so Gen Porter.