Als zum ersten Mal ein Lehrer ein Skelett in den Hörsaal brachte, lief das bestimmt auch nicht ohne Pannen ab. Warum sollte es mit dem ersten Skelett im virtuellen Seminarraum anders sein? "Ups!" Thierry Bücheler, wissenschaftlicher Assistent an der Uni Zürich, hat es versehentlich im Boden versenkt. Es braucht Übung, um sich unfallfrei im Pixelseminarraum zu bewegen.

Bücheler betreut die Vorlesungsreihe "ShanghAI Lectures" von Rolf Pfeifer, Professor für künstliche Intelligenz an der Universität Zürich. Per Videokonferenz werden Pfeifers Vorträge an Hochschulen von Südkorea über Australien bis nach Algerien übertragen. Die Vorlesungssäle sind entsprechend ausgestattet. Hat ein Student eine Frage, aktiviert er auf seinem Platz ein Mikro und eine Kamera schwenkt automatisch zu ihm.

Doch die globale Vorlesung ist noch nicht alles. Für die ergänzenden Seminare treffen sich die Studenten als Avatare auf einem virtuellen Campus. Zuvor gesehen haben sie sich nicht. "ShanghAI" ist mit rund 370 Teilnehmern der größte und global ambitionierteste Versuch, Studenten im virtuellen Raum zusammen zu bringen.

Unterricht in 3-D-Welten ist nicht neu. Universitäten und Sprachschulen bieten schon lange Kurse in Second Life an. Aber Second Life hat einen großen Nachteil: Die Kontrolle liegt allein bei der Betreiberfirma Linden Labs. Nur sie kann das System verändern. Doch jetzt kommt Bewegung in den Markt. Sun entwickelt mit Project Wonderland eine offene 3-D-Umgebung. Und Linden Labs hat mit OpenSim eine freie Version von Second Life veröffentlicht. Noch sind beide Systeme in der Entwicklung und entsprechend fehleranfällig. Die Wissenschaftler aus Zürich haben mit Project Wonderland aber einen virtuellen Campus gebaut, auf dem sich die Studenten als Avatare in separaten Räumen treffen und zusammenarbeiten können. Dort verfassen sie gemeinsame Paper oder Hausarbeiten und fertigen Zeichnungen an. Ist das mehr als eine Spielerei?