Studenten auf dem Balkan Im Krieg hat niemand gewonnen

Sie waren Teenager, als ihre Länder gegeneinander kämpften. Wie sehen Studenten aus Kroatien und Serbien die Kriege der 1990er Jahre heute? Von Mathias Hamann, Belgrad

Platz der Republik im heutigen Belgrad

Platz der Republik im heutigen Belgrad

"Früher hätten sie versucht, mich umzubringen", lacht Borna Sor. Der 25-jährige Politik-Student aus Kroatien hat gerade im serbischen Parlament gesprochen, als bester Redner eines Debattierturniers. Nun stößt er mit seinem serbischen Freund Marko Ćirović an. Sie lachen, und Borna erklärt seine Bemerkung: 1928 wurde Stefan Radic von einem Gegner erschossen, mitten im serbischen Parlament. Der kroatische Politiker wollte mit seiner Partei damals nicht zum Königreich der "Serben, Kroaten, Slowenen" gehören. Marko Ćirović und Borna Sor stoßen noch einmal an - darauf, dass sie heute "friedlich hier zusammen sind" und Witze darüber machen können.

Die beiden nehmen teil an einem Debattierturnier, den Belgrade Open. Seit acht Jahren treffen sich hier Studenten vor allem aus den Republiken des ehemaligen Jugoslawiens. Während ihre Elterngeneration gegeneinander mit Waffen stritten, kämpfen sie gegeneinander mit Worten und gehen danach einen trinken.

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Dabei reden sie auch ab und zu über die jüngere Geschichte ihrer Länder. Wie sehen die Studenten die 1990er Jahre? Ob junge Serben oder junge Kroaten, viele denken, dass die Bevölkerung ihrer Länder missbraucht wurde. "Niemand hat wirklich gewonnen", sagt der Kroate Borna Sor, sein serbischer Freund Marko Ćirović nickt: "Durch die Kriege wurde jeder zum Verlierer."

Borna Sor
Borna Sor bei seiner Rede im serbischen Parlament

Borna Sor bei seiner Rede im serbischen Parlament

Mit ihren Eltern reden sie selten über die Kriegsjahre. Zu tief sitzen die Wunden. Marko Ćirović hat Freunde während der Nato-Luftangriffe auf die serbische Hauptstadt verloren. Trotzdem sagt er: "Das war die Zeit meines Lebens." Auch andere jungen Serben sehen das so. Die Erklärung: In den Schutzräumen hätte er schnell neue Bekanntschaften geschlossen und dort gemeinsam mit den anderen Gesellschaftsspiele gespielt. "Wir hatten ja noch keine Spielkonsolen", lacht er. Der Krieg schweißte sie zusammen.

Vor allem die junge und gebildete Studentengeneration will das Trennende überwinden. Oft treffen sie sich auf Sportveranstaltungen, Debattierturnieren oder Sommeruniversitäten, auch Austauschsemester werden populärer. Das akademische Auslandsamt der Uni Belgrad nennt sechs Slowenen und vier Kroaten, die gerade an der Philosophischen Fakultät studieren. Jelena Erdeljan, die Leiterin des Auslandsamtes, arbeitet mit Hochdruck an weiteren Kooperationen. Als Professorin lehrt sie gleichzeitig Kunstgeschichte und ist, wie so viele in den 1990er Jahren, gegen Slobodan Milosevic auf die Strasse gegangen. Die Bombardierung Belgrads war für sie keine Party, aber sie glaubt, dass viele Menschen nur so mit der Situation umgehen konnten.

Leser-Kommentare
  1. kann man im positivsten Sinne des Wortes wohl zu dieser Entwicklung sagen.
    Doch sollten die jungen Leute vorsichtig sein, denn ihr entspannte Haltung ist das Ergebnis des Krieges und wäre ohne Ihn vermutlich nicht möglich gewesen.
    Rein objektiv kann man natürlich dem Endruck verfallen, wie sinnlos das war, doch Gesellschaften handeln genauso selten wie das Individuum objektiv. Wenn Emotionen einzeln oder im kollektiv zu stark sind, entsprechedende Dynamiken erst mal in Gang gekommen sind, ist rationaler Umgang unmöglich und nicht immer gibt es die Chance oder Rahmenbedingungen diese Emotionen und deren Dynamik wieder friedlich abzubauen.

    Ohne den Krieg würden die Studenten wohl kaum in der Lage sein heute Ausgleich zu pflegen.

    H.

    • dorena
    • 09.03.2010 um 17:22 Uhr

    Da gibt es nichts hinzuzufügen,ausser dass man hofft,dass auch in anderen Teilen der Welt junge Leute dafür eintreten,dass Krieg zu nichts führt und daher unterbleiben muss.
    Aber leder scheint es starke unbelehrbare Kräfte zu geben,die es immer wieder schaffen,dass Regierungen hohe finanzielle Mittel bereitstellen für den Kauf neuer Rüstungsgüter. Über die Bestellung des neuesten Transportfllugzeuges seitens der Bundesregierung kann ich mich jedenfalls nur wundern.Was will unser Land mit so viel grossen Transportflugzeugen ?
    Seufz! Gruss Dorena

    • Puella
    • 09.03.2010 um 18:41 Uhr

    Entweder man setzt diakritische Zeichen (Hatscheks) oder man verzichtet ganz darauf. Im Artikel ist es uneinheitlich,ausserdem hiess der 1928 angeschossene Stjepan Radić.

    Von der ZEIT ist man eigentlich Besseres gewohnt...dies nur am Rande.

    • wremja
    • 10.03.2010 um 2:14 Uhr

    Die offene Auseinandersetzung der Jugend ist zu begrüßen. Was ist mit den "Bosniern" und den Armeniern? Ich hoffe daraus wächst noch mehr. Was mir auf meiner Reise nach Kroatien und Bosnien gefehlt hat ist, dass die Studenten recht satt vom Krieg waren. Statt der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, besonders mit Fehlern der älteren Generation, wollte man lieber Spaß, Geld und Karriere haben. Prinzip: Vergesst gestern, lebt den Kapitalismus von morgen! - Zugegeben nicht ganz unverständlich.

    Ein Paar Beispiele: Die Denkmäler die ich gesehen haben, erinnerten oft nur an Verbrechen der Anderen. Eine serbische Studentin mit Schwierigkeiten in Ämtern/Behörden und bei der Jobsuche in Kroatien. Wahlplakate für die Wahl in Kroatien in großen Bannern in bosnisch-kroatischen Bezirken. Religionskrieg in Mostar, wer hat mehr und den Längsten (Turm), besonders die katholische Kirche. Der Kirchturm auf "kroatischer" Seite, der glatt als Hochbunker gelten könnte und das riesige Kreuz am Berg.

    Ich Frage mich, was ist mit den Spannungen geworden: Religion, Sprache, Land-, Reichtums- und Machtverteilung? Alles wieder gut?

    Ich hatte 2007 Gelegenheit einige Monate in Kroatien zu arbeiten und nach Bosnien-Herzegowina zu reisen. Da ich (glücklicher Weise) in meiner Generation nur den Balkankrieg per Medien, Europa nah erleben durfte hat mich der Krieg sehr interessiert. Ich habe mich vor der Reise belesen sowie in Kroatien Bücher, Studenten, alte Kriegsschauplätze und Museen aufgesucht.

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