Hassan Khateeb lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Deutschland. Hier ging er zu Schule, machte sein Abitur und studiert nun im dritten Semester Jura an der Goethe-Universität Frankfurt. Er, seine sechs Geschwister und die Mutter sollen abgeschoben werden, sein Vater ist bereits ausgewiesen worden. Die Ausländerbehörde behauptet, die Khateebs hätten bei der Einreise vor 17 Jahren falsche Angaben gemacht. In Wirklichkeit stamme die Familie aus Jordanien und nicht wie behauptet aus Palästina. Beweise dafür blieb die Behörde bisher schuldig.

ZEIT ONLINE: Müssen Sie jeden Moment damit rechnen, abgeschoben zu werden?

Hassan Khateeb: Wir haben im August einen Brief von der Ausländerbehörde bekommen, dass wir ausreisen sollen oder abgeschoben werden. Dann haben wir eine Petition aufgesetzt. Über diese sollte der Petitionsausschuss des Hessischen Landtags eigentlich im vergangenen Dezember entscheiden.

ZEIT ONLINE: Das ist aber nicht passiert?

Khateeb: Wir haben Dokumente und auch ein unabhängiges Gutachten vorgelegt, die unsere palästinensische Herkunft beweisen. Der Ausschuss ist zu keinem Ergebnis gekommen. Unsere Petition soll wieder auf die Tagesordnung, wenn der Ausschuss rechtliche Klarheit hat. Das ist frühestens in diesem Monat der Fall.

ZEIT ONLINE: Was denken Sie, wie Ihre Chancen stehen, in Deutschland zu bleiben?

Khateeb: Unsere Angst, abgeschoben zu werden, ist wohl berechtigt. Dabei hat der deutsche Staat so viel Geld in unsere Ausbildung gesteckt. Mein Bruder und meine Schwester machen demnächst auch ihr Abitur. Wenn wir jetzt gehen müssen, hat Deutschland gar nichts davon.

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: Wie ist die Situation für Sie persönlich? Können Sie sich auf Ihr Studium konzentrieren?

Khateeb: Einfach ist es nicht. Im Dezember saß ich in der Bibliothek und habe für eine Klausur über Grundrechte gelernt. Gleichzeitig tagte in Wiesbaden der Petitionsausschuss, der über unsere Petition und damit über unser Leben hätte entscheiden sollen. Da konnte ich mich natürlich nicht aufs Lernen konzentrieren, sondern wartete die ganze Zeit auf den Anruf.

ZEIT ONLINE: Wie klappt das überhaupt mit dem Lernen? Sie leben mit sechs Geschwistern und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung.

Khateeb: Anders als meine Kommilitonen lerne ich nur in der Uni, zu Hause ist das unmöglich.

ZEIT ONLINE: Sie sind der erste Stipendiat des Rudolf Steinberg Stiftungsfonds. Das Sozialamt will Ihnen das Geld aus dem Stipendium nun direkt wieder abnehmen und mit den Leistungen verrechnen, die Sie als Flüchtling bekommen.

Khateeb: Ja, aber wir lassen gerade prüfen, ob es rechtens ist, das Stipendium zu verrechnen.

ZEIT ONLINE: Wie unterstützt Ihre Hochschule Sie?

Khateeb: Der Uni-Präsident Werner Müller-Esterl hat sich in einem Brief an die Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann für ein Bleiberecht ausgesprochen. Meine Professoren haben Gutachten über die Herkunft unserer Familie verfasst und einen Brief an Roland Koch geschrieben. Im vergangenen Jahr gab es eine Kundgebung auf dem Campus, an der auch viele Studenten teilgenommen haben.

ZEIT ONLINE: Was sagen Ihre Kommilitonen zu Ihrer Geschichte?

Khateeb: Viele sind bestürzt und fragen, ob sie irgendwie helfen können. Einer sagte mir, er schäme sich. Vorher habe er einen starken Glauben an den Rechtsstaat gehabt und den habe er jetzt so nicht mehr. Viele reagieren auch wütend und sagen: Das kann doch gar nicht sein.