Migration "Ich kann mir nicht vorstellen, Deutschland zu verlassen"
Der Flüchtling Hassan Khateeb ist 22 und studiert Jura in Frankfurt. Ihm droht die Abschiebung nach Jordanien. Wie er mit der Angst lebt, erzählt er im Interview.
© privat

Hassan an der Frankfurter Goethe-Uni
Hassan Khateeb lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Deutschland. Hier ging er zu Schule, machte sein Abitur und studiert nun im dritten Semester Jura an der Goethe-Universität Frankfurt. Er, seine sechs Geschwister und die Mutter sollen abgeschoben werden, sein Vater ist bereits ausgewiesen worden. Die Ausländerbehörde behauptet, die Khateebs hätten bei der Einreise vor 17 Jahren falsche Angaben gemacht. In Wirklichkeit stamme die Familie aus Jordanien und nicht wie behauptet aus Palästina. Beweise dafür blieb die Behörde bisher schuldig.
ZEIT ONLINE: Müssen Sie jeden Moment damit rechnen, abgeschoben zu werden?
Hassan Khateeb: Wir haben im August einen Brief von der Ausländerbehörde bekommen, dass wir ausreisen sollen oder abgeschoben werden. Dann haben wir eine Petition aufgesetzt. Über diese sollte der Petitionsausschuss des Hessischen Landtags eigentlich im vergangenen Dezember entscheiden.
ZEIT ONLINE: Das ist aber nicht passiert?
Khateeb: Wir haben Dokumente und auch ein unabhängiges Gutachten vorgelegt, die unsere palästinensische Herkunft beweisen. Der Ausschuss ist zu keinem Ergebnis gekommen. Unsere Petition soll wieder auf die Tagesordnung, wenn der Ausschuss rechtliche Klarheit hat. Das ist frühestens in diesem Monat der Fall.
ZEIT ONLINE: Was denken Sie, wie Ihre Chancen stehen, in Deutschland zu bleiben?
Khateeb: Unsere Angst, abgeschoben zu werden, ist wohl berechtigt. Dabei hat der deutsche Staat so viel Geld in unsere Ausbildung gesteckt. Mein Bruder und meine Schwester machen demnächst auch ihr Abitur. Wenn wir jetzt gehen müssen, hat Deutschland gar nichts davon.
ZEIT ONLINE: Wie ist die Situation für Sie persönlich? Können Sie sich auf Ihr Studium konzentrieren?
Khateeb: Einfach ist es nicht. Im Dezember saß ich in der Bibliothek und habe für eine Klausur über Grundrechte gelernt. Gleichzeitig tagte in Wiesbaden der Petitionsausschuss, der über unsere Petition und damit über unser Leben hätte entscheiden sollen. Da konnte ich mich natürlich nicht aufs Lernen konzentrieren, sondern wartete die ganze Zeit auf den Anruf.
ZEIT ONLINE: Wie klappt das überhaupt mit dem Lernen? Sie leben mit sechs Geschwistern und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung.
Khateeb: Anders als meine Kommilitonen lerne ich nur in der Uni, zu Hause ist das unmöglich.
ZEIT ONLINE: Sie sind der erste Stipendiat des Rudolf Steinberg Stiftungsfonds. Das Sozialamt will Ihnen das Geld aus dem Stipendium nun direkt wieder abnehmen und mit den Leistungen verrechnen, die Sie als Flüchtling bekommen.
Khateeb: Ja, aber wir lassen gerade prüfen, ob es rechtens ist, das Stipendium zu verrechnen.
ZEIT ONLINE: Wie unterstützt Ihre Hochschule Sie?
Khateeb: Der Uni-Präsident Werner Müller-Esterl hat sich in einem Brief an die Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann für ein Bleiberecht ausgesprochen. Meine Professoren haben Gutachten über die Herkunft unserer Familie verfasst und einen Brief an Roland Koch geschrieben. Im vergangenen Jahr gab es eine Kundgebung auf dem Campus, an der auch viele Studenten teilgenommen haben.
ZEIT ONLINE: Was sagen Ihre Kommilitonen zu Ihrer Geschichte?
Khateeb: Viele sind bestürzt und fragen, ob sie irgendwie helfen können. Einer sagte mir, er schäme sich. Vorher habe er einen starken Glauben an den Rechtsstaat gehabt und den habe er jetzt so nicht mehr. Viele reagieren auch wütend und sagen: Das kann doch gar nicht sein.
ZEIT ONLINE: Dass geduldete Flüchtlinge an die Uni gehen, kommt eher selten vor. Wie haben Sie das geschafft?
Khateeb: Meine Mutter war Lehrerin und hat in unserer Erziehung immer obersten Wert auf Bildung gelegt. Sie hat ja eine akademische Ausbildung und hat uns immer erklärt, dass wir uns in der Schule anstrengen müssen, wenn wir weiterkommen wollen. Die Uni Frankfurt hat mich aufgenommen, obwohl ich nur den Status eines geduldeten Asylbewerbers habe.
ZEIT ONLINE: Die Wohnung Ihrer Familie wurde 2006 im Morgengrauen stundenlang von der Polizei und von Mitarbeitern des Ordnungsamtes und der Ausländerbehörde nach Beweisen für die jordanische Staatsangehörigkeit durchsucht, ohne Erfolg. Die Behörden haben Ihre Eltern und Geschwister 2007 in ein Flugzeug verbracht, das sie nach Jordanien bringen sollte. Der Pilot weigerte sich aber, loszufliegen. Glauben Sie noch an den Rechtsstaat?
Khateeb: Ja, ich glaube an den Rechtsstaat, auch wenn das, was uns passiert ist, dem teilweise widerspricht. Sonst würde ich auch nicht Jura studieren.
ZEIT ONLINE: In welchem Beruf wollen Sie später arbeiten?
Khateeb: Momentan als Richter oder als Anwalt bei einer Menschenrechtsorganisation. Das kann sich natürlich noch einmal ändern.
ZEIT ONLINE: Haben Sie darüber nachgedacht, was aus Ihrem Leben werden soll, wenn die Behörden Sie tatsächlich nach Jordanien abschieben? Ihr Studium könnten Sie nicht zu Ende führen.
Meine Schwester hat neben ihrem Bett gepackte Koffer stehen, ich nicht. Ich bin hier aufgewachsen, ich lebe hier mein Leben und fühle mich als Deutscher.
Hassan Khateeb, Jura-Student in Frankfurt
Khateeb: Es geht über meine Vorstellungskraft hinaus, Deutschland zu verlassen. Ich kenne Jordanien nicht, ich spreche die Sprache nicht. Meine Schwester hat neben ihrem Bett gepackte Koffer stehen, ich nicht. Ich bin hier aufgewachsen, ich lebe hier mein Leben und fühle mich als Deutscher. Ich sehe keinen Unterschied zwischen mir und meinen Kommilitonen.
ZEIT ONLINE: Haben Sie Kontakt zu Ihrem Vater?
Khateeb: Er lebt in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Amman in Jordanien. Wir können nur über Messenger kommunizieren, wenn er in ein Internet-Café geht. Er möchte natürlich zurück. Er weiß zwar, wie das Leben im Nahen Osten funktioniert. Aber nach 17 Jahren Deutschland kommt er nicht mehr zurecht. Alles läuft über Kontakte, Geld und Korruption. Ein gutes Zeugnis nutzt einem dort nichts.
Die Fragen stellte Meike Fries
Wer die Petition unterschreiben möchte, kann das hier online tun.
Bei studiVZ gibt es eine Unterstützergruppe "Bleiberecht für Familie Khateeb"
- Datum 10.03.2010 - 16:17 Uhr
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In der Tat beschämend; zeitgleich heult Deutschland über mangelnde Integration seitens der eingewanderten Ausländer, über den demographischen Wandel und die niedrige Akademikerquote - es wird Zeit, sich an die eigene Nase zu fassen!
Ich wünsche der Familie Katheeb alles Gute, die baldige Rückkehr des Vaters sowie schließlich ein - nach meiner Einschätzung absolut verdientes - dauerhaftes Bleiberecht.
Das kann doch nicht wahr sein. Da ist eine Familie die sich integriert und auch noch sich weiter bildet die wird abgeschoben. Und die Faulenzer werden dürfen hier bleiben und demonstrieren. Verrücktes Deutschland. Das kann kein normal denkender Mensch nachvollziehen. Wenn ich der Familie irgendwie helfen kann dann würde ich es sofort machen.
Integrationswillige Ausländer gehören nicht abgeschoben. Wobei aber im Artikel nicht erwähnt wurde, warum die Behörden die Familie der Angabe falscher Daten bezichtigen, das sollte da auch rein um beide Seiten zu sehen zu können.
...dann wüssten Sie dass dies aber von der Palästinensische Generaldelegation widerlegt wurde...
...dann wüssten Sie dass dies aber von der Palästinensische Generaldelegation widerlegt wurde...
Die Studenten und Gymnasiasten kann man abschieben aber bei Vergewaltigern und Islamisten ist es unmöglich? Ein TRAUERSPIEL!
Ich hoffe, dass das öffentlich machen der Erlebnisse dieser Familie anderen in einer ähnlichen Situation den Mut gibt eine Petition einzureichen.
Das ist wirklich ein Armutszeugnis, intelligente und integrierte Familien unter vorgeschobenen (bis jetzt ist ja nicht bewiesen worden, dass die Familie falsche Angaben gemacht hat) Gründen abzuschieben.
Shame on you Germany!
Die Gnade des Orts der wann auch immer stattfindenden Geburt
Nicht nur der Zeitpunkt einer Geburt kann eine Gnade sein, der Ort ebenso.
Espoir57
... die, sowohl was den Zeitpunkt ihrer Geburt betrifft, als auch, was den Geburtsort anbelangt, ganz unzweifelhaft begnadet gewesen sein muss...
die sich allerdings, was ihr demokratisch und - wie stets durch die Propagierung... ähm... Regierung betont - in sozialer Manier verwaltetes und menschenrechtsachtendes Vaterland betrifft, so manches Mal (und in diesem Fall massiver) Zweifel beim besten Willen nicht mehr erwehren kann...
... eine Selbstverständlichkeit, dass ich diese Petition unterzeichnet habe - gerne würde ich noch mehr tun, wenn ich denn könnte!
Dies ist mal wieder ein super Beispiel, für unseren völlig pauschalen Beamtenapparat. Mensch, der Mann ist in ein paar Jahren fertig mit dem Studium und wird aller Voraussicht ordentlich Steuern zahlen! Lasst Ihn hier.
Vor einigen Jahren gab es im deutschen Staatsfernsehen mal ein Bericht über einen jungen Ingenieur. Meines Erachtens kam er aus Zentralafrika. Note: 1.0. Hier sollte er abgeschoben werden. Was war das Ende vom Lied: die Amerikaner habe ihn mit Kusshand genommen! Da wird viel Geld in diese Leute investiert, und dann sollen sie hier nicht arbeiten. Das hält man im Kopf nicht aus.
Stimme zu. Mitunter gewinnt man den Eindruck, es wird eine gezielte Negativauslese bei Einwanderern vorgenommen.
Stimme zu. Mitunter gewinnt man den Eindruck, es wird eine gezielte Negativauslese bei Einwanderern vorgenommen.
Arbeiterkinder in Deutschland haben es sehr schwer einen Studienplatz und finanzielle Unterstützung zu bekommen. Man sollte doch politisch nicht immerwährend so tun als wäre dieses Land für die ganze zuständig. Wer sich in seiner Heimat integriert muß nicht fliehen und kann auch nicht abgeschoben werden.
Und was wollen Sie damit jetzt sagen? Wo ist der Zusammenhang zu dem Artikel? Wenn die Ausländer dort blieben wo der Kaffee, das Opium, die Schafherden und der Pfeffer wächst blieben, hätten gute deutsche Arbeiterkinder Aussicht auf Studienplätze, oder wie?
Und was wollen Sie damit jetzt sagen? Wo ist der Zusammenhang zu dem Artikel? Wenn die Ausländer dort blieben wo der Kaffee, das Opium, die Schafherden und der Pfeffer wächst blieben, hätten gute deutsche Arbeiterkinder Aussicht auf Studienplätze, oder wie?
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