Studiengang Restaurator Die Bücherärzte
Restauratoren der Universitätsbibliothek in Göttingen kämpfen dagegen, dass jahrhundertealte Papierschätze verfaulen. Ein Werkstattbesuch

Rund 5000 Bücher haben die Restauratoren der Uni Göttingen schon vor dem Zerfall gerettet
An der Universität Göttingen nennen sie es das "Magazin des Schreckens". Es ist ein Lagerraum, in dem Tausende von Büchern in Stahlregalen vor sich hin schimmeln. "Das sind unsere Wasserschäden", sagt Renate van Issem und zieht einen besonders schweren Fall aus dem Regal. Der dreihundert Jahre alte Atlas ist in Plastikfolie eingeschlagen, "damit sich die Schimmelsporen nicht im Raum verbreiten". Durch die Hülle erkennt man die zerfranste Pappe des Einbandes, die gewellten, angefressenen Seiten. Es sieht aus, als hätte ein Raubtier ein Stück herausgebissen. "Aspergillus!", sagt van Issem und tippt mit der Fingerspitze gegen die Folie, sodass es im Inneren staubt. "Zellulosezersetzer! Keime, die in jeder Blumenerde sind. Aber in dieser Art von Zellulose, in Papier, wollen wir sie wirklich nicht."
Renate van Issem ist Buchbindemeisterin. Sie leitet die Restaurierungswerkstatt der Göttinger Staats- und Universitätsbibliothek, wo man seit vierzig Jahren bemüht ist, dem Schimmelpilz den Garaus zu machen. 1970 wurde die Werkstatt eingerichtet, um einen Wasserschaden aus dem zweiten Weltkrieg zu beheben. Damit ist sie eine von nicht einmal 20 Restaurierungswerkstätten, die an deutschen Hochschulen bestehen. Die meisten von ihnen sparen sich die Ausgaben für die Einrichtung und Unterhaltung einer solchen Werkstatt.
Nach einem Bombentreffer im Jahr 1944 sei Regenwasser in einige Keller der Göttinger Bibliothek gesickert, sagt van Issem. "Die Bücher, die dort lagerten, wurden nach dem Krieg einfach im Heizungskeller der Bibliothek getrocknet." Ein perfekter Nährboden für Aspergillus niger, der sich seitdem ungehindert durch Papier und Pappe, Pergament und Leder, durch Handschriften, Drucke und kolorierte Abbildungen aus fünf Jahrhunderten fraß. Die ältesten Bände stammen von 1400, darunter alle Sachgebiete von Archäologie bis Zoologie.
"Wir arbeiten nun daran, diese wertvollen Bücher wieder benutzbar zu machen", sagt die Werkstattleiterin und verlässt die Schreckenskammer durch eine Brandschutztür, die sie mit einem Ruck hinter sich schließt. "Wir haben genug zu tun." Immerhin 5000 Bände konnten schon gerettet werden, 10.000 weitere warten noch auf ihre Restaurierung. Schon jetzt ist jedes Exemplar, und sei es noch so zerfleddert, im Bibliothekskatalog verzeichnet. Interessenten können die Werke einsehen – zum Schutz ihrer Gesundheit aber nur unter einem besonderen Tisch mit Abzugshaube, der die Keime aus der Luft filtert.
An dieser reinen Werkbank beginnt auch die Arbeit der Restauratoren, sobald ein Buch desinfiziert und in seine Einzelblätter zerlegt worden ist. Mit einer weichen Bürste und einem Radiergummi streicht ein Mitarbeiter vorsichtig den gröbsten Schmutz vom Papier.
"Ich muss zu meinem Wasser gucken", sagt Renate van Issem und bindet sich eine blaue Schürze um. Sie geht zu einem Wasserbehälter, in dem gerade ein Buch gereinigt wird: Eine Pumpe erzeugt eine Wasserbewegung, die den Schmutz aus den Fasern schwemmt. Van Issem steckt ihre Arme bis zu den Ellenbogen in die warme, orange-braune Brühe, nimmt die Seiten heraus und gibt sie in einen Behälter mit frischem Wasser. Viermal wird die Restauratorin diese Prozedur im Laufe des Tages wiederholen, dann bleibt das Wasser klar und das Buch ist sauber.
Nach dem Trocknen müssen die Fehlstellen ausgebessert werden. In manchen Seiten sind es nur kleine Löcher und Risse, die mit Japanpapier überklebt werden können. Doch manchmal sind die Schäden dafür zu groß. Auf dem Arbeitstisch ihres Kollegen Winfried Feuerstein liegt ein Band einer französischen Enzyklopädie von Handwerksberufen aus dem 18. Jahrhundert. "Das ist schon kriminell", sagt Renate van Issem als sie auf die Fehlstellen in den fleckigen Seiten deutet. Leicht könnte sie drei Finger hindurchstecken. Hier hilft nur noch "Anfasern".
- Datum 21.04.2010 - 16:18 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren