Ultra-Orthodoxie Studentinnen zwischen Glaube, Business und Familie
Während strenggläubige Männer die Bibel studieren, gehen in Israel verstärkt junge Frauen an die Hochschulen. Auch, um später die Familie versorgen zu können.
© Veronique Brüggemann

Chani Ajishwili (rechts) und ihre Freundin Elisheva Eisner, mit der sie gemeinsam studiert
Im Seminarraum ist aufgeregtes Kichern zu hören. Vorne steht Chani Ajishwili, eine junge Frau im rosa Pullover und mit langem, schwarzem Rock und hält ein Referat. Eine andere häkelt eine kunstvolle Kippa, wahrscheinlich für ihren Ehemann. Wie viele ihrer jungen Kommilitoninnen ist sie schon verheiratet, davon zeugt ein roter Schal, den Sie zu einem Dutt um ihre dunklen Haare gebunden hat. In ultra-orthodoxen jüdischen Kreisen ist es üblich, nach der Hochzeit das eigene Haar zu bedecken.
Unüblich hingegen ist es für junge, strenggläubige Juden, etwas anderes als den eigenen Glauben zu studieren. Die Ultra-Orthodoxen machen in Israel eine Gruppe von etwa 550.000 Menschen aus, die sich von der modernen Welt weitgehend abschotten. Sie leben in eigenen Wohnvierteln, haben eigene Schulen und eigene Zeitungen. Film und Fernsehen sind verboten, das Internet soll nur für Berufliches genutzt werden.
Es gibt sogar "koschere" Handys, mit denen man nicht im Internet surfen kann und die sich am Sabbat, dem Ruhetag, selbst ausschalten. Hinter all dem steht die Angst vor der säkularen Welt und damit der Gefahr, vom Glauben abzukommen. Insgesamt 613 Gebote regeln den Alltag der Anhänger dieser konservativsten Form des Judentums. Im Zentrum des orthodoxen Lebens sollen Religion und Familie stehen.
Doch Chani und ihre Kommilitoninnen haben sich für Business und Management am Jerusalem College of Technology (JCT) eingeschrieben, einem Studiengang speziell für ultra-orthodoxe Frauen. Am Institut, das sich in einem unscheinbaren Bürogebäude in Jerusalem befindet, steht alles unter Aufsicht des Rabbinats, alles trägt den Koscherstempel.
2000 ultra-orthodoxe Männer und Frauen begannen im vergangenen Jahr ihr Bachelor-Studium in speziellen Programmen für Strenggläubige. An die regulären Unis können sie nicht gehen, denn hier werden Männer und Frauen gemeinsam unterrichtet, halten sich nicht an die strengen Sitten- und Kleidungsvorgaben. Die auf die Ultra-Koscheren zugeschnittenen Programme aber verbinden religiöse Studien mit anderen Fächern, bieten Abendkurse, eine koschere Cafeteria und Kinderbetreuung.
"Ich komme aus einem sehr religiösen Elternhaus" sagt die 19-jährige Chani. Sie hat sich für "Machon Tal" entschieden, das Frauenprogramm des JCT. Ihr Vater ist Rabbiner und unterstützt ihr Studium. "Er riet mir an eine Uni zu gehen, an der ich alles lernen kann, was für mein Judentum wichtig ist und mich selbst verwirklichen kann."
Diese Einstellung ist ungewöhnlich unter den Ultra-Orthodoxen in Israel. Denn es ist Aufgabe der Männer, in Yeshivas, Bibelschulen, zu studieren während die Frauen für Haushalt, Einkommen und die Betreuung der oft zahlreichen Kinder zuständig sind. Viele Familien sind daher auf staatliche Hilfe angewiesen.
Letztlich bleibe alles an der Frau hängen, erklärt Tamar El-Or, Soziologin an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Anders als die Männer sind die Frauen nicht ausschließlich zum Beten und Lernen verpflichtet. Deswegen steht für sie auch nach dem 12. Geburtstag neben Bibel und Talmud auch Mathe, Geschichte und Biologie auf dem Stundenplan. Für sie ist es naheliegender zu studieren. "Die Idee bleibt jedoch, dass man durch solch ein Studium innerhalb der Gemeinschaft arbeiten kann und sie nicht verlassen muss", sagt El-Or.
"In erster Linie will ich Mutter sein", sagt Chani. "Aber ich weiß, dass ich arbeiten muss, um meinen Kindern ein gutes Leben zu bieten." Und auch in der Gemeinde will sie tätig sein. So wie Chani denken viele der jungen Frauen, daher ist es konsequent, dass vor allem pädagogische und soziale Berufe beliebt sind. "Doch es findet ein kontinuierlicher Wandel statt und es kommen immer mehr Berufe dazu", sagt El-Or.
So gibt es neben den technischen Programmen am JCT ein Jura-Programm in Kiryat Ono und seit diesem Jahr auch Psychologie, angeboten vom Jerusalem Haredi College gemeinsam mit der Ben Gurion Universität. Das Haredi College ist dabei keine Hochschule im eigentlichen Sinn, mehr eine Plattform, auf der verschiedene anerkannte israelische Hochschulen zusammentreffen und gemeinsam erarbeitete Studiengänge anbieten: etwa Sozialarbeit, Logistik, Computertechnologie und Raumdesign.
Gegründet hat das College im Jahr 2000 eine Frau: Adina Bar-Shalom. Sie ist Tochter des sephardischen Oberrabiners Ovadia Yossef, dem geistigen Oberhaupt der Juden mit orientalischem Hintergrund. Bei der Gründung des Colleges gab er sein Einverständnis und somit auch die religiöse Erlaubnis zur Hochschulbildung von Frauen. Bar Shaloms Idee war es, die akademische Bildung in die religiöse Gemeinschaft hinein zu bringen, weil ein College-Abschluss für eine erfolgreiche Karriere unerlässlich ist. "So können wir weiterhin unseren Lebensstil und unsere Prinzipien aufrecht erhalten", sagt sie. Dafür erntet sie viel Zustimmung. Die Akzeptanz der Programme steigt stetig, genauso wie die Angebote. "Adina Bar-Shalom hat ein Tabu gebrochen. Sie hat es geschafft, dass ihr andere nach und nach folgen", sagt El-Or.
Noch ist die Angst vieler strenggläubiger Juden groß, in ihrer Gemeinschaft als säkular abgestempelt zu werden. Das wiederum hätte Auswirkungen auf die soziale Stellung, die Wahl des Ehepartners und die Schulen der Kinder. In säkularer Bildung sehen viele den Einstieg in ein religionsloses Leben. "Es hilft, wenn sie sehen, dass jemand studiert und trotzdem noch einer von ihnen ist, mit Hut und Schläfenlocken rumläuft", glaubt El-Or. "Diese Studenten sind die mutigsten, die intelligentesten, sie sind die Pioniere." So sieht sich auch die junge Studentin Chani. "In zehn Jahren bin ich Managerin, verheiratet und Mutter" – das ist ihr Plan. Das Studium habe ihr die Augen geöffnet für eine andere Welt. "Ich habe gelernt, beides zu verbinden, Business und Jiddishkeit."
- Datum 31.05.2010 - 18:16 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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wie blödsinnig es ist, sein Leben von bronzezeitlichen Mythen dominieren zu lassen.
Ja, ich weiß, man muss auf fremde Kulturen zugehen bla bla - nur sehe ich hier eben nichts Fremdes, sondern das all- und altbekannte gleiche Schema: Jüdische, muslimische, christliche, shintoistische und sonstige Fundis, in praxi alle gleich. Die Unterschiede beschränken sich auf - in Lessings Worten - Kleidung, Speis' und Trank.
Mir fehlt jeder Respekt vor Leuten, die sich von den Fiktionen ihrer Altvorderen versklaven lassen. Eine neue Aufklärung statt "Rückbesinnung auf traditionelle Werte" tut not.
Nebenbei, auch wenn die beiden Studentinnen mit ihrem Zahnpastereklamegrinsen ja so niedlich sind - wenn ich bei irgendeinem Teil des israelischen Bürger eine Mitschuld am Fortbestehen des Nahostproblems suchen wollte, würde ich bei den Ultraorthodoxen suchen und nicht bei den Säkularen.
- Das Studium habe ihr die Augen geöffnet für eine andere Welt. "Ich habe gelernt, beides zu verbinden, Business und Jiddishkeit." -
Seit wann öffnet Religion und Geschäftsleben einem die Augen?
Würde eher behaupten dadurch schränkt sich das Sichtfeld ein.
"Mir fehlt jeder Respekt vor Leuten, die sich von den Fiktionen ihrer Altvorderen versklaven lassen."
*schmunzel* Wie wahr :)
solange solche fundamentalistischen Vorstellungen in den Köpfen herumgeistern wird sich nicht wirklich etwas bewegen.
es ist traurig zu sehen wie sich hinter manch revolutionären und avantgardistischen Worten nichts weiter als dieselbe Engstirnigkeit versteckt die sie anprangern!
Bronzezeitliche Vorurteile in neuer Verpackung.
"Die Ultra-Orthodoxen machen in Israel eine Gruppe von etwa 550.000 Menschen aus, die sich von der modernen Welt weitgehend abschotten."
Da habe ich aber auch schon anderes gehört. Ich bin kein Isreal-Spezialist und kann darum nicht mit Sicherheit sagen, was stimmt, aber ich habe schon Leute, die lange in Isreal waren, erzählen hören, dass sich die Ultra-Orthodoxen gar nicht abschotten, sondern im Gegenteil sehr aktiv in der säkularen Welt sind. Und dies in sehr missionarischer Weise. Es ist ja das eine, wenn sich ein paar Menschen abschotten, um nach sehr strikten, für mich nicht nachvollziebaren Regeln zu leben. Diese Lebensweise muss man nicht verstehen, wird aber auch nicht gross davon behelligt. Viele ultra-orthodoxen Juden in Israel aber haben damit begonnen, ihren engen Werte- und Regelkosmos sämtlichen Mitmenschen in ihrer Nähe aufzudrängen. So soll es mittlerweile in einigen Quartieren gang und gäbe sein, dass zwangsweise am Sabbat ganze Strassenzüge abgesperrt und Zugänge zu Geschäftshäusern verwehrt werden. Auch gibt es Buslinien, da haben die Ultra-Orthodoxen erzwungen, dass die Frauen nur noch hinten sitzen dürfen, Männer nur noch vorne. Daran haben sich alle Busbenützer zu halen - egal ob säkular oder ultra-orthodox. Nein, abgeschottet leben diese ultra-orthodoxen Juden bestimmt nicht mehr, sondern sehr expandistisch (gibts das Wort überhaupt?).
Toller Artikel, man genießt sein bürgerliches Leben umso mehr wenn man liest in welche dogmatischen Strukturen sich diese Elite zwängt.
Überhaupt scheint es mir, dass Aus- oder Abgrenzung eine übergeordnete Rolle bei allen Orthodoxen einnimmt. Da kann man nur hoffen, dass ihnen die Religion so viel gibt, wie wir aneren glauben dass sie es tut.
Sich in diesen Kommentaren hämisch über Menschen lustig zu machen, die noch die Fähigkeit haben, an etwas glauben zu können, ist erbärmlich und zeigt nicht zuletzt von der Bitterkeit, selbst an nichts weiter als Anomie zu leiden.
Man muss den Weg der "ultra-orthodoxen" Juden ja nicht teilenswert finden, aber sie als Dummköpfe abzustempeln ist nichts weiter als idiotisch. Wenn sie Jura oder Psychologie im Einklang mit ihrem Glauben studieren können, sind sie offensichtlich nicht dumm oder einfältig.
Man denke an dieser Stelle auch an den Mathematiker Robtert Aumann, der auch streng orthodox ist, und gar 2005 den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat. Offensichtlich haftet dieser Mann nicht bloßen "bronzezeitlichen Mythen" an, sondern kann aus seinem Glauben wohl intellektuell schöpfen.
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