Studenten im Kosovo Seminar, Latte macchiato und politische Aktion

Bleta und Kreshnik studieren in Pristina. Sie sind Protagonisten einer jungen kosovarischen Elite, die antritt, das Land zu verändern. Von Jasper Tjaden, Pristina

Bleta Arifi will sich nach dem Studium im Kosovo um bessere Umweltpolitik kümmern

Bleta Arifi will sich nach dem Studium im Kosovo um bessere Umweltpolitik kümmern

Die Fahrt zur Begegnung mit der Zukunft Kosovos ist erst einmal wenig ermutigend. Das Kohlekraftwerk Obiliq pustet dunkle Wolken über das historische Amselfeld. In den Vororten Pristinas gafft ein Heer von Satellitenschüsseln von den Balkons der Sozialbauten. Doch im Zentrum der Hauptstadt leben die Jungen ein Kontrastprogramm. In den unzähligen Bars und Restaurants in den kleinen Gassen des Boulevard Mutter Teresa befindet sich eine Generation im Sitzstreik gegen den vom Krieg geprägten Ruf des Landes - bewaffnet mit Latte Macchiato und Ciabatta. Die neue Nation präsentiert sich wie die jungen vorbeilaufenden Frauen auf ihren hohen Hacken: noch etwas wackelig auf den Beinen, aber selbstbewusst und modern.

Bleta Arifi, 26, sitzt auf einer Bank vor der Ufo-artigen Universitätsbibliothek. Das Wort "Erfolgsgeschichte" mag die Kosovo-Albanerin nicht. Doch wie soll man ihren Werdegang sonst nennen? Durch das Fernsehen lernte sie Deutsch, studierte in Pristina Germanistik. Mit einem DAAD-Stipendium kam sie für ein halbes Jahr an die Universität Rostock. Zurück in der Heimat begann sie einen Masterstudiengang in Management und arbeitet parallel für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Aber sie hat noch weitere Ziele: Ab September will sie in Freiburg Environmental Governance studieren, um danach in ihrer Heimat "nachhaltige Umweltpolitik mitzugestalten".

Bleta und ihrer Familie geht es heute gut. Doch sie hat als Mädchen den Krieg erlebt, ihre Familie wurde vertrieben. Bleta erinnert sich daran, wie sie einige Nächte auf einem Feld in der neutralen Zone zwischen Kosovo und Mazedonien schlief. Ihr Vater, ihr Bruder und ihr Nachbar standen nachts Hand in Hand Wache, sie hatten Angst vor einer Massenpanik. Am nächsten Tag sah sie acht Leichen. Da war sie 14 Jahre alt. Ihre Erinnerungen seien harmlos im Vergleich zu denen vieler anderer, sagt sie.

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Regelmäßig zur Schule zu gehen war damals kaum möglich. In den Jahren vor dem Kriegsausbruch unterrichteten Lehrer die Schüler teils in Privathäusern, ohne Bezahlung, oft ohne vernünftige Bücher oder eine Heizung. Trotz dieser Widrigkeiten führte ihr Weg Bleta wie viele andere an die Uni. Doch für die jungen Kosovaren wird es immer schwieriger, ein Studium zu finanzieren. Knapp 30.000 Studenten waren 2008 an der Uni Pristina eingeschrieben, viele sind abhängig vom Geld ihrer im Ausland lebenden Verwandten. Die Mieten und die Lebenshaltungskosten sind um ein Vielfaches höher als auf dem Land. Die internationalen Organisationen schaffen Arbeitsplätze mit höheren Gehältern als hohe Regierungsbeamte, aber sie heben auch das Preisniveau.

Ihre Hoffnung setzt Bleta auf die "jungen, gebildeten, dynamischen Leute, die wirklich etwas verändern wollen." Auf www.kosovotwopointzero.com und in zahlreichen Facebook-Foren tummelt sich die intellektuelle Elite von morgen. Bleta wünscht sich, dass die Jungen mehr Einfluss erhalten. "Das Schlimmste, was passieren könne, wäre, wenn alles so bliebe wie es ist: die Korruption der Elite, die Arbeitslosigkeit und der unklare Status des Landes." Ein großes Hindernis auf dem Weg in die Zukunft des Kosovo sieht sie in der ausstehenden Aussöhnung mit Serbien. "Wir wollen eine Entschuldigung."

Wird Kosovo in 15 Jahren in der EU sein? "Wenn es mehr junge Leute in die Politik schaffen, habe ich Hoffnung", sagt sie. Ein erster Schritt in Richtung EU wäre die Visafreiheit. "Gerade die jungen Menschen hier fühlen sich eingesperrt."

Leser-Kommentare
    • Zack34
    • 26.07.2010 um 16:49 Uhr

    [quote]
    Die [b]1970[/b] gegründete Universität Priština stellte bis 1989 die einzige auch muttersprachliche Universität der albanischen Bevölkerungsmehrheit in der autonomen Provinz Kosovo dar.[/quote]

    !970 gab es die autonome Provinz mit ihrem Sonderstatus noch nicht.
    Und trotzdem wurde dort in dem armen Land von nicht wesentlich reicherem Serbien auch eine Universität mit "muttersprachlichem" Unterricht errichtet. Die Bezeichnung "muttersprachlich" ist u.a. auch dem starkem Zuzug aus Albanien verschuldet, den es nach dem 2.WK gab.

    Ende Teil 1

    • Zack34
    • 26.07.2010 um 16:53 Uhr

    Zitat:
    Die Einführung des verbindlichen serbischen Curriculums mit der Festschreibung des Serbischen als Unterrichtssprache an Schulen und Universitäten im Kosovo brachte eine Zäsur. Die albanischen Professoren und Studenten verließen mehrheitlich die Fakultätsgebäude und es zogen serbischer Lehrkräfte und serbische Studenten ein. Die Angehörigen der albanischen Ethnie verlagerten ihren Lehrbetrieb auf private Häuser und Wohnungen, in denen Unterricht und Prüfungen fortgesetzt wurden.

    Hier wird keine Zeitangabe gemacht aber m.W. bezieht sich das auf 1989 und die Weigerung, den Unterricht von serbischen Behörden mit gestalten zu lassen (wie hier zu lande üblich, siehe z.B. das Thema Ausbildung der Imame). Es soll im übrigen kein generelles Verbot des Unterrichts in albanischer Sprache, sondern eine Forderung aus Belgrad nach Mindestanzahl der Unterrichtsstunden auf serbisch gewesen sein, die Proteste ausgelöst hatte. Die Schulbücher sollten ebenso von Belgrad überprüft und überwacht werden, was bis dato nicht der Fall war.

    Serbische Studenten hat es schon immmer gegeben, da der Unterricht an der Universität parallel auf zwei Sprachen nach Wahl organisiert war.

    Alles auch hier ziemlich aktuell...

    Quellen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Universität_Priština

  1. Habe die Band von Kreshnik Ahmeti letztes Jahr auf einem Festival in Pristina gesehen, wie auch noch mehrere andere Bands aus dem Kosovo und war überrascht von dem internationalen Niveau und der durchgehend brennenden Energie! Man das Gefühl es gibt dort den starken Willen etwas zu Verändern und einen positiven Ansturm gegen die bisweilen deprimierende und sich nur langsam ändernde Lage.
    Die Bands haben die gesamten Einnahmen gespendet und davon
    3 1/2 Kühe für arme Bauernfamilien gekauft.

    Danke für den tollen Tag!

  2. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges hat es Bewegungen in beiden Richtungen gegeben. Es haben Albaner das Kosovo Richtung Albanien verlassen und umgekehrt. Sollte es einen stärkeren Zuzug aus Albanien in den Kosovo gegeben haben, diesen hatte der damalige Jugoslawische Innenminister Rankovic korrigiert in dem er tausende Albaner aus dem Kosovo zwang das Kosovo zu verlassen. Viele flüchteten in die Türkei (wo sie heute noch leben und der türkischen Gesellschaft viele bekannte Persönlichkeiten gaben) , die die es nicht soweit schafften suchten Zuflucht in Mazedonien. Darüber schweigt man, vor allem in Serbien.
    Eine Kontrolle des Unterrichts an der Uni in Prishtina hat es seitens Belgrads immer gegeben. Trotzdem war es möglich einigermaßen junge Menschen auszubilden die mehr Glück hatten in ihrer Muttersprache zu lernen. Ihre Eltern lernten in vielen Unis des damaligen Jugoslawien auf Serbokroatisch.
    Die Abschaffung der Autonomie des Kosovo 1989 hat es mit der Bildung begonnen (Motto: nimm ihnen die Bildung, nimm ihnen die Zukunft). Der Unterricht in Albanisch wurde zwar nicht verboten doch schon in den Büchern der Grundschüler sollten alle albanischen Namen verschwinden, es sollte viel mehr serbisch gelernt werden (Sprachen lernen finde ich übrigens sehr gut und es wurde genug serbisch gelernt ), es sollte die „serbische Version der Geschichte“ gelernt werden usw..

  3. Man wusste ganz genau, dass das nicht akzeptiert wird und es folgten die nächsten Schritte Milosevics. Wohin sie führten, wissen wir alle.
    Vielen Blertas und Kreshniks als Teil des jüngsten Volkes Europas, gehört die Zukunft. Es wird ein langer Weg sein (der nur über gute Ausbildung geht) aber auch sie werden ihre junge Heimat zu der Europa-Familie führen.

  4. ist die "Elite" soweit, dass sie den Kosovo selbständig verwalten und vor allem unterhalten kann? Denn eigentlich ist das ja eine Voraussetzung für einen souveränen Staat. Oder muss die EU noch auf Jahrzehnte als Brutkasten für das Kosovo herhalten. Was hat eigentlich die Nachuntersuchung der völkermordartigen Massaker die militärisches Eingreifen gerechtfertigt haben, ergeben? Dafür, dass die Serben beinahe ein "zweites Auschwitz" (Fischer) gebaut hätten, hörte man danach ja weniger über die Massengräber als jetzt in ein paar Tagen über 19 Tote auf der Love Parade?

    • Jogoel
    • 27.07.2010 um 11:19 Uhr

    Die zukünftige Elite des Kosovo wird nicht an öffentlichen Universitäten ausgebildet. Dafür gibt es die American University Pristina, wo man über 90 Euro Studiengebühren herzlich lacht. Dort dürfte es eher schwierig sein, Mitglieder von Vetevendjose oder anderweitig sozial engagierte Studenten zu finden.

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    Es stimmt nicht, dass die American University Elite bildet, sonder eher das reiche Jugendliche, deren Eltern in Regierungsinstitutionen arbeiten, dort studieren (oft mit öffentlichen Geldern finanziert. Die Universität Prishtina ist den privaten Universitäten überlegen, trotz infrastruktureller Schwierigkeiten und hoher Studentenzahl.

    Es stimmt nicht, dass die American University Elite bildet, sonder eher das reiche Jugendliche, deren Eltern in Regierungsinstitutionen arbeiten, dort studieren (oft mit öffentlichen Geldern finanziert. Die Universität Prishtina ist den privaten Universitäten überlegen, trotz infrastruktureller Schwierigkeiten und hoher Studentenzahl.

  5. Es stimmt nicht, dass die American University Elite bildet, sonder eher das reiche Jugendliche, deren Eltern in Regierungsinstitutionen arbeiten, dort studieren (oft mit öffentlichen Geldern finanziert. Die Universität Prishtina ist den privaten Universitäten überlegen, trotz infrastruktureller Schwierigkeiten und hoher Studentenzahl.

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