Es ist viertel vor acht abends, die Sonne geht unter, es ist totenstill. Guy sitzt mit seinen Freunden Itay und Inbal vor seiner Wohnung in Adiel. Sie lauschen, sie schauen, das machen sie jeden Abend. Drei, zwei, eins, dann ist sie weg: Der Horizont hat die Sonne verschluckt. Zu sehen sind nur noch ockerfarbener Sand, Steine, ein paar verdorrte Büsche. Wüste soweit das Auge reicht. "Der Negev gibt Freiheit", sagt Guy und lehnt sich zurück.

Adiel ist ein Studentendorf mitten in der Negev-Wüste im Süden Israels. Guy Bar Navon, 26, lebt hier seit drei Jahren mit etwa 90 weiteren Studenten. Außerdem mit vierzehn Hunden, sechs Katzen und unzähligen, winzigen Wüstenbewohnern. Die Studenten leben in kleinen Häusern mit Vorgärten aus Steinen, Palmen und Kakteen, umgeben vom Nichts. Es gibt keinen Supermarkt, keinen Waschsalon, keine Falafelbude. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist dreißig Autominuten entfernt. Nach Be’er Scheva, zur nächsten Stadt, und damit auch zur Uni, dauert die Fahrt eine Stunde. Sechs Mal am Tag kommt ein Bus, der letzte um acht Uhr abends. "Organisation ist alles", sagt Guy. Montags wäscht er, mittwochs füllt er den Kühlschrank auf. Eigentlich aber studiert er Psychologie an der Ben-Gurion-Universität in Be’er Scheva.

Was hat die Studenten mitten in die Wüste verschlagen? Vor acht Jahren gründeten die Freunde Matan Dahan, Daniel Glicksberg und Adiel Zwebner nach ihrem Armeedienst Ayalim, eine Organisation, die Studenten unbesiedelte Gebiete Israels als Wohnort schmackhaft machen will. Mit den israelischen Siedlungen im Westjordanland, bis heute Streitpunkt im Nahostkonflikt, hat das Projekt nichts gemein.

Bei der Gründung vor acht Jahren genügte ein Anruf bei Ariel Scharon, dem damaligen Premierminister: Finanzielle Unterstützung und Hilfe bei der Suche nach Spendern sagte der sofort zu. Ihm gefiel, dass es Pioniere wie die drei jungen Männer gibt, die auf den Spuren des Staatsgründers Ben Gurion wandeln.

Der wollte bereits 1947 die Wüste zum Blühen bringen. Er sah den Negev als Chance, als Land in Palästina, das von den Juden ohne den Widerstand der Araber besiedelt werden kann. Und als Fläche, die Israel braucht, um den Juden unbeschränkte Einwanderung zu ermöglichen. Der Negev macht sechzig Prozent der Fläche Israels aus, aber nur zehn Prozent der Bevölkerung leben hier. Besonders der Großraum Tel Aviv, in dem fast die Hälfte aller Israelis lebt, litt schon damals an Überbevölkerung und hohen Wohnungspreisen. Gurion wollte den Juden zeigen, dass ausreichend Platz in Israel vorhanden ist und der Welt, dass es möglich ist, in der Wüste zu leben. Vorerst blieb das eine Vision.

Mit einem Zelt, Handy, Computer und einem Generator zogen Matan und Daniel los und begannen, das Dorf aufzubauen. Für sie ist es immer noch toll zu sehen, wie aus nichts etwas entstehen konnte. Matan und Daniels Großeltern haben Israel aufgebaut und heute gibt es noch immer viel zu tun. "Man kann sich nicht einfach ausruhen", sagt Matan. "Israel besteht nicht nur aus Tel Aviv und Jerusalem." Drei Prozent der Wüste sind heute bewohnt, die Regierung will die Einwohnerzahl in drei Jahren verdoppelt haben. Jeder Student, der in die Wüste zieht, ist ein Erfolg für Ayalim. Die karge Gründerzeit der Organisation ist mittlerweile vorbei. Acht Angestellte und zwölf Zivildienstleistende arbeiten mittlerweile für sie.

Zwölf Studentendörfer gibt es heute im Negev und in Galiläa, das dreizehnte ist im Bau. 500 Studenten sind auf die Dörfer verteilt, zehn Mal so viele wollen einziehen. Die Chancen stehen gut: Innerhalb der nächsten zwei Jahre sollen die Plätze verdoppelt werden. Zur einen Hälfte vom Staat finanziert, zur anderen aus privaten Spenden.

"Das Beste hier ist die Gemeinschaft", sagt Guy. In Adiel kennt jeder jeden, hilft jeder jedem. Man trifft sich zum Sonnenuntergang, feiert gemeinsam Sabbat, fährt zusammen mit dem Bus in die Stadt. "Eigentlich ist Adiel wie ein Kibbuz, nur mit Privatsphäre". sagt Guy. Jeder der hier wohnt lebt für die Gemeinschaft.

Attraktiv sind für die Studenten nicht nur die Ruhe und das Gemeinschaftsleben, auch finanzielle Anreize locken sie in die Wüste: Wer hier wohnt, zahlt zum Beispiel keine Studiengebühren. Meist teilen sich zwei Studenten ein kleines Häuschen mit Küche und Bad. Die Monatsmiete liegt bei nur etwa achtzig Euro. In Tel Aviv zahlt man leicht das Zehnfache.