© Juri Gottschall

Mercedes Lauenstein, 22

Alle um mich herum warten darauf, dass bei mir endlich das "echte Leben" anfängt. Ich finde, ich bin schon mittendrin. Mit dem "echten Leben" meinen sie natürlich das Studium. Fast alle, die mit mir vor zwei Jahren das Abitur gemacht haben, studieren jetzt. Ich bin nach dem Abi zehn Monate durch die Welt gereist und danach nach Berlin gezogen – einfach so. Ich wollte erstmal gucken, was das Lebensbuffet so hergibt. Nach ein paar Monaten Party und Kellnern in Berlin war ich gelangweilt und unterfordert. Doch statt an die Uni zu gehen, habe ich ein Praktikum bei jetzt.de in München gemacht. Jetzt arbeite ich dort zwei Tage die Woche in der Redaktion, an den anderen Tagen als freie Journalistin.

Manchmal denke ich: Studieren wäre so einfach. Ich müsste mir keine Gedanken um Steuern machen und mich nicht selbst um meine Krankenversicherung kümmern. Aber irgendwie ist es ja auch nur ein großer Pausenknopf vor der Selbstständigkeit.

Dass ich der Uni fern bleibe, ist kein Akt der Rebellion. Ich habe bloß keinen passenden Studiengang für mich gefunden. Ich interessiere mich für so vieles: Ich schreibe, fotografiere, blogge, zeichne, nähe. Meine Freunde beißen sich an der Uni durch. Ich war schon immer ganz schlecht darin, mich für Sachen zu motivieren, für die ich nicht brenne. Früher war ich der größte Schwänzer der Stufe; meine Lehrer warfen mir ständig Disziplinlosigkeit vor. Dabei wollte ich einfach Dinge machen, die mir wirklich nützlich erschienen.

Früher war ich der größte Schwänzer der Stufe
Mercedes

Ich brauche keinen akademischen Abschluss, um mir etwas zu beweisen. In der Gesellschaft existiert aber dieses Bild. Mir selbst geht es oft nicht anders. Wenn ich Zeitung lese und dort "Prof." steht, denke ich "Ah, das ist ein schlauer Mensch. Der hat studiert." Viele Berufe brauchen auch das universitäre Gütesiegel. Ich denke aber, es gibt viele Menschen, die es persönlich nicht brauchen. Ich google oft Menschen, die mich faszinieren – Journalisten, Schriftsteller, Moderatoren. Ich will dann herauszufinden, wie sie zu ihrem Beruf gekommen sind. Die wenigsten von ihnen haben bis zum Ende studiert, manche gar nicht. Das ist für mich Ermutigung genug, es ähnlich zu machen.

Allerdings hätte ich ohne Abitur schon ein mulmiges Gefühl. Ich brauche die Gewissheit, mich jederzeit wieder anders entscheiden zu dürfen. Erstmal werde ich mich jetzt auf einer Journalistenschule bewerben. Ich bin 22, und falls alle Stricke reißen, kann ich auch in einigen Jahren noch ein Studium anfangen. Es gibt Menschen, die ihren Studiengang dreimal wechseln. Wenigstens habe ich in der Zwischenzeit etwas gemacht, was für mich wichtig ist.