SachsenDas gallische Dorf des Bologna-Imperiums

Vehementer Widerstand: In Sachsen soll neben dem Bachelor im Lehramtsstudium auch wieder das Staatsexamen angeboten werden. Eine bedenkliche Entwicklung, meint J. Bender. von Justus Bender

Lehramtsstudenten verfolgen eine Vorlesung in einem Hörsaal

Lehramtsstudenten verfolgen eine Vorlesung in einem Hörsaal  |  © Horst Pfeiffer/dpa

Ganz Deutschland ist im Zuge des Bologna-Prozesses reformiert. Ganz Deutschland? Nein. Ein von unbeugsamen Hochschulpolitikern bevölkertes Bundesland hört nicht auf der Reform Widerstand zu leisten. Sachsens Kultusminister Roland Wöller und Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer haben auf einer Pressekonferenz angekündigt, neben dem Bachelor im Lehramtsstudium in Zukunft auch das gute, alte Staatsexamen mit Grund- und Hauptstudium wieder anzubieten. Und das ist nicht die erste Meldung dieser Art.

Schon im August verkündeten die Sachsen, sie würden für Ingenieure den Abschluss des Dipl.-Ing. wieder einführen . Auch Sachsens juristische und medizinische Fakultäten stemmen sich, wie ihre Kollegen im Rest des Landes, weiter tapfer gegen eine Bachelorisierung ihrer Studiengänge. Wenn man will, ist Sachsen damit so etwas wie das gallische Dorf des Bologna-Imperiums – und es gibt drei Gründe, diese Entwicklung bedenklich zu finden.

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Begrüßen kann man diese Reform der Reform, weil in Sachsen die Abbrecherzahlen in den Lehramtsstudiengängen seit Einführung des Bachelor gestiegen waren, unter anderem aufgrund zu hoher Anforderungen im Fach Mathematik, wie es heißt. Gleichzeitig waren die Studentenzahlen in den Studiengängen für Grund- und Mittelschule gesunken. Fragwürdig bleibt allerdings, weshalb notwendige Reformen nicht innerhalb der Bachelor-Master-Struktur möglich waren, um genau die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, deren eigentliches Ziel die Bologna-Reform immer war. Sachsens Bildungspolitiker haben den Bachelor offenbar nicht verstanden. Das Studium im Bereich Mathematik leichter zu machen, wäre auch im Rahmen der Bologna-Reform möglich gewesen.

Des Weiteren werden es Sachsens Lehramtsstudenten durch die Reform ihrer Minister nicht leichter haben. Sie haben künftig die Wahl zwischen zwei Studienmodellen mit Nachteilen: dem Staatsexamen mit Grund- und Hauptstudium und dem Bachelor-Master-Modell. Das erste Modell ist ein Sonderling in Deutschland, ein Wechsel an Hochschulen in anderen Bundesländern wird damit ebenso erschwert wie Auslandssemester an europäischen Hochschulen, die von der Sonderregelung eines einzelnen Bundeslandes verwirrt sein werden. Auch dem zweiten Modell werden Sachsens Studenten nicht vertrauen, nachdem ihm von offizieller Seite der Makel eines Auslaufmodells angehaftet wurde und es mit Blick auf die Abbrecherzahlen offenkundig mangelhaft ist.

Der dritte Grund ist, dass sich Deutschlands Hochschullandschaft in einen Flickenteppich verwandelt, sollten weitere Länder dem Beispiel Sachsens folgen. Statt mehr Vergleichbarkeit durch eine Vereinheitlichung der Studienabschlüsse entsteht ein verwirrendes Sammelsurium aus Diplomen. Das widerspricht nicht nur dem Gedanken von Bologna, sondern auch den Anforderungen unserer Zeit. Studenten sind heute mobiler denn je, der Wechsel zwischen Hochschulen im In- und Ausland ist der Normalfall, nicht die Ausnahme. Die Bildungspolitik muss diese Mobilität fördern anstatt sie zu erschweren.

Was von der Rebellion der sächsischen Bildungspolitiker bleibt, ist die Verwunderung darüber, dass eine Kritik an der Umsetzung der Hochschulreform in Deutschland zu oft mit einer Kritik an der Reform selbst verwechselt wird. Anstatt die Flexibilität des Bachelor-Master-Systems zu nutzen, um Fehler zu beheben, wird das System als Ganzes angezweifelt. Dass Bachelor aber ein dehnbarer Begriff ist, beweisen Programme wie das der Universität Eichstätt . Dort können Studenten sich ihr Bachelorstudium aus 40 Fächern neuerdings frei zusammenstellen.

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Leserkommentare
  1. und seit Asterix wissen wir alle, dass in diesem Dorf die liebenswerten und schlauen Menschen leben, die sich erfolgreich der niederträchtigen Tyranei einer zentralistischen Macht zur wehr setzten. Und Bologna liegt sogar auch noch in Italien ...
    Wenn das jetzt noch der Autor einsehen würde... ;)

    Gruß

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Purcell
    • 20. Oktober 2010 23:41 Uhr

    Liebenswert und fischelant ...

    dazu kommt aber noch, dass in den nächsten Jahren hier ein dramatischer Lehrerbedarf entsteht und die bisherigen zweigeteilten Studiengänge einfach zu lang sind. Dass die Bolognareform so dramatisch schief ging, liegt m.E. auch an der unmöglichen Akkreditierungspraxis.

    • Haga
    • 20. Oktober 2010 20:38 Uhr

    Selbst unter historischen Gegebenheiten promoviert, habe ich beobachtet wie sich die Lehre von faktischem Wissen zu bepunktbarem Wissen entwickelt hat. Ich bevorzuge in meiner Firma (von deren Schicksal ich persönlich abhänge) Mitarbeiter, die in persönlichen Prüfungen bei ihren Professoren eine gute Note bekommen haben. Natürlich informiere ich mich wie Generationen vor mir über die Reputation des Professors.

    Skeptisch bin ich gegenüber denjenigen, die unter Mordszeitdruck einen angeblich international anerkannten Multiple-Choice Test richtig ausgefüllt haben. Wir haben zum Spaß einmal eine Person ohne entsprechende Qualifikation durch die Bachelor-Prüfung eines unserer Bachelor-Studenten geschickt. Und siehe da, er hat durch wildes Ankreuzen und weiterhin geschicktes Agieren mit 55% statistisch bestanden.

    Das sollte zumindest zum Nachdenken anregen, warum wir unsere historischen Qualifikationen als international anerkannte Marke so einfach ohne Not aufgeben.

  2. "Fragwürdig bleibt allerdings, weshalb notwendige Reformen nicht innerhalb der Bachelor-Master-Struktur möglich waren, um genau die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, deren eigentliches Ziel die Bologna-Reform immer war. Sachsens Bildungspolitiker haben den Bachelor offenbar nicht verstanden. Das Studium im Bereich Mathematik leichter zu machen, wäre auch im Rahmen der Bologna-Reform möglich gewesen."

    Vergleichbarkeit ist eine Illusion. Die Tatsache dass ein Bachelor die Sache vergleichbarer macht sowieso. Manch ein Bachelor wird an der Uni 50km weiter schon nicht mehr angerechnet. Das Problem, ist dabei nicht die Struktur Bachelor-Master an sich sondern die durchregelung der Details. An sich kann ein Bachelor Studiengang nämlich auch für mehr Freiheit während und nach des Studiums sorgen. Leider waren einige Hochschulen bei der Gestaltung ihrer Studiengänge nur äußerst schlampig.

    • Purcell
    • 20. Oktober 2010 23:41 Uhr

    Liebenswert und fischelant ...

    dazu kommt aber noch, dass in den nächsten Jahren hier ein dramatischer Lehrerbedarf entsteht und die bisherigen zweigeteilten Studiengänge einfach zu lang sind. Dass die Bolognareform so dramatisch schief ging, liegt m.E. auch an der unmöglichen Akkreditierungspraxis.

    Antwort auf "Gallisches Dorf"
    • cinor
    • 21. Oktober 2010 2:56 Uhr
    13. Aha...

    Gallisches Dorf?? Dann sind wohl Bayern und Baden-Württemberg ein riesengroßes unbeugsames Dörfchen - dort wurde das Staatsexamen nie in Frage gestellt.

    Und dass man in Sachsen das BA/MA-System komplett nicht verstanden hat, durfte ich am eigenen Leib erfahren (TU Dresden - Katastrophe!). Das ist verschult und diktatorisch. Zum Glück bin ich wieder in Baden-Württemberg, wo man Prüfungsordnungen konzipiert hat, die einem ein freies Studium ermöglichen.

  3. warum sollten einzelne Universitäten nicht auch Diplomstudiengänge anbieten. Die Studenten und auch die Professoren sollten die Wahlfreiheit haben.

    Nicht alles was kompliziert klingt, ist auch kompliziert.

  4. Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es noch das Staatsexamen für Lehramtsstudierende.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hochschule | Auslandssemester | Bachelor | Bologna-Prozess | Bologna-Reform | Diplom
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