ZEIT ONLINE: Herr Ashraf, Sie forschen am Exzellenzcluster "Asien und Europa im globalen Kontext" der Uni Heidelberg über Stress unter Arbeiterinnen in Textilfabriken in Bangladesch. Wie hängt deren Stress mit dem Konsumverhalten in Europa und den USA zusammen?

Hasan Ashraf : Bangladesch ist mittlerweile der drittgrößte Exporteur für Konfektionskleidung weltweit mit einem Jahresumsatz von 15,56 Milliarden US-Dollar. 1978 gab es neun Fabriken mit ein paar Tausend Arbeitern, heute arbeiten in mehr als 5000 Fabriken 3,6 Millionen Menschen. 80 Prozent von ihnen sind Frauen, weswegen ich mich in meiner Forschung auf Arbeiterinnen konzentriere. Diese Fabriken existieren, weil westliche Unternehmen in Bangladesch produzieren lassen. Bangladesch zahlt in diesem Sektor die niedrigsten Löhne der Welt. Der Stress, dem die Arbeiterinnen ausgesetzt sind, steht also in direktem Zusammenhang mit der Nachfrage aus der westlichen Welt.

ZEIT ONLINE : Sie haben mehrere Fabriken besucht und selbst einige Monate in einer Textilfabrik in Dhaka gearbeitet, die Kleidung auch für den deutschen Markt herstellt. Wie sah ein typischer Arbeitstag aus?

Ashraf : Ich habe zunächst in der Näherei gearbeitet und bin nach einem Monat in die Qualitätskontrolle gewechselt. Der Arbeitstag begann um 8 Uhr und dauerte bis 20 oder 22 Uhr, mit einer einstündigen Mittagspause. Wir wussten an keinem Tag, wie lange wir würden arbeiten müssen. Das hing von der Nachfrage ab. Das Produktionsziel wurde jeden Tag angepasst. Drei bis vier Mal im Monat mussten wir außerdem nach einem solchen Tag noch eine Nachtschicht machen bis etwa 3 Uhr morgens. Am nächsten Tag ging es wie gewohnt um 8 Uhr weiter. Im Durchschnitt habe ich 14 Stunden am Tag gearbeitet, 6 Tage die Woche.

ZEIT ONLINE : Wie waren die Arbeitsbedingungen, von den Arbeitszeiten abgesehen?

Ashraf : Den Arbeitern ist es nicht erlaubt, das Gebäude zu verlassen, bis das Produktionsziel erreicht ist. Überstunden zu machen, wird in der Regel verlangt, oft unbezahlt. In der Fabrik, in der ich gearbeitet habe, waren Handys nicht verboten. In vielen anderen sind sie es aber, um Verabredungen zu Protesten zu vermeiden. In vielen Fabriken haben die Arbeiter keine Arbeitsverträge, deswegen haben sie nichts in der Hand, wenn irgendetwas schiefgeht. Gewerkschaftlich organisiert sind generell nur fünf Prozent der Arbeiter.

ZEIT ONLINE : Was sind weitere Stressfaktoren neben der Menge an Arbeit?

Ashraf : In erster Linie der schlechte Monatslohn. Im vergangenen Jahr gab es viele Proteste . Die Arbeiter forderten einen Mindestlohn von 52 Euro pro Monat. So viel wäre nötig, um als einzelne Person vernünftig leben zu können. Ein weiterer Stressfaktor ist, dass sich die Fabrikchefs gegenüber den Arbeiterinnen einer extrem sexistischen Sprache bedienen. Bezahlt wird oft unregelmäßig, Überstunden häufig gar nicht. Oft passiert es auch, dass Fabriken ohne Ankündigung plötzlich geschlossen sind und die Menschen so von einem Tag auf den anderen ihren Arbeitsplatz verlieren.

ZEIT ONLINE : Was haben Sie mit ihrer Arbeit verdient?

Ashraf : 27 Euro im Monat, wie meine Kollegen auch.

ZEIT ONLINE : Waren Sie in der Fabrik verdeckt tätig?

Ashraf : Mein Ziel war es, den ganzen Produktionsprozess kennen zu lernen. Ich habe mir verschiedene Fabriken angesehen und konnte einen Fabrikdirektor davon überzeugen, mich dort wie einen normalen Arbeiter arbeiten zu lassen.